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Aus: Ausgabe vom 23.11.2022, Seite 8 / Inland
Erinnerungsarbeit

»So können wir die Geschichte der Familie Arslan erzählen«

Vor 30 Jahren starben drei Menschen bei Brandanschlägen in Mölln. Verein dokumentiert Solidaritätsbriefe. Ein Gespräch mit Timo Glatz
Interview: Gitta Düperthal
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Die »Möllner Briefe« enthalten auch Zeichnungen von Kindern

Vor 30 Jahren kamen bei Brandanschlägen im schleswig-holsteinischen Mölln drei Menschen ums Leben. Nach dem rassistischen Angriff vom 23. November 1992 wurden Solidaritätsbriefe verschickt, die Sie dokumentiert haben. Warum wurde die Anteilnahme so lange nicht öffentlich?

Schon einen Tag nach dem Anschlag wurden erste Briefe verfasst und verschickt: einige direkt an die Angehörigen der Opfer, zum Beispiel an die Familie Arslan. Bei dem Angriff starben die zehnjährige Yeliz Arslan, ihre 51 Jahre alte Großmutter Bahide Arslan und die vierzehnjährige Ayse Yilmaz. Weitere Briefe waren an andere Betroffene des Anschlags, an die Stadt Mölln sowie an deren Oberbürgermeister adressiert. Auf unsere Anfrage an das Stadtarchiv, in dem die Briefe damals lagerten, hieß es: Sofern eine vollständige Adresse des Absenders vorlag, seien alle beantwortet worden. Ibrahim Arslan, einer der neun Verletzten und Überlebenden des Brandanschlags, erfuhr erst 2019, dass das Möllner Stadtarchiv die Briefe aufbewahrt: Durch eine Korrespondenz zwischen den Archiven Mölln und Rostock gab es dort den Hinweis, dass insgesamt 500 Beileids- und Solidaritätsbekundungen in Mölln vorliegen. İbrahim Arslan verlangte deren Übergabe an die Familien. Die Stadt Mölln kam dem Wunsch nach.

Wer trägt politisch Verantwortung dafür, dass die Betroffenen erst so spät Zugang zu den Briefen erhielten?

Ich möchte mich nicht an möglichen Spekulationen beteiligen. Eventuell haben die unterschiedlichen Adressaten bewirkt, dass mit Briefen verschieden umgegangen wurde.

Wie zeigt sich die Anteilnahme in den Briefen?

Eine Frau schickte beispielsweise ein mit der Schreibmaschine getipptes Gedicht, das an den Faschismus erinnert. Darunter schrieb sie: »Es gibt auch andere Deutsche, und wir sind in der Mehrheit. Und wir werden nicht schweigen. Eure Trauer ist auch unsere Trauer.« Ein weiteres Beispiel: Ein zwölfjähriges Mädchen aus Hamburg schrieb, auch sie fühle sich häufig ungerecht behandelt. Seit sie aus der Zeitung vom Schicksal der Familie erfahren habe, komme ihr das aber »wie Kleinkram« vor. Zudem berichtet sie, wie sehr es sie und ihre Schwester belaste, dass ihr Vater »keine Ausländer abkann«. In einem Brief der Lagergemeinschaft Ravensbrück sprachen die überlebenden Widerstandskämpferinnen und Verfolgten des Faschismus den Betroffenen ihre aufrichtige Anteilnahme aus. Die meisten dieser teilweise herzzerreißenden Briefe stammten aus der BRD, einige aber auch aus der Türkei, Griechenland, den Niederlanden, Belgien, Dänemark und den USA.

Wie kamen die Briefe zu Ihrem Verein?

Die Familie Arslan beriet sich mit anderen Betroffenen. Sie beschlossen, die Briefe unserem Archiv zur Aufbewahrung zu übergeben. Das ist ein großer Vertrauensbeweis. Bei uns lagerten bereits zuvor Fotos der Familie, auch von der beim Anschlag getöteten Bahide Arslan, der Großmutter von Ibrahim Arslan. Mittels dieser Objekte können wir ihre Familiengeschichte erzählen. Wir haben die Mittel dazu, solche Unterlagen langfristig nach Standards der Archivtechnik aufzubewahren.

Welche zeitgeschichtliche Sammlung beherbergt Ihr 1990 gegründetes Dokumentationszentrum insgesamt?

Wir dokumentieren die Migrationsgeschichte in Deutschland von 1945 bis in die Gegenwart, bewahren Dokumente sowie weitere Gegenstände der Alltagsgeschichte auf. Durch die Archivierung und Digitalisierung können wir all das der Forschung zugänglich machen, auch unter Wahrung von Persönlichkeitsrechten.

Wir dokumentieren etwa die Zeitgeschichte der Seenotrettung. Bei uns liegt unter anderem der Rettungsring der »Cap Anamur I«, mit der knapp 10.000 Boatpeople aus dem Meer gerettet wurden. Diesen übergab uns einer der Geretteten, Thomas Huan Nguyen, der später selbst half, andere zu retten. Die Bestände sind in unserer Datenbank recherchierbar, Originale können gesichtet werden.

Timo Glatz ist Sprecher des »Dokumentationszentrums und Museums über die Migration in Deutschland« (Domid e. V.)

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