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Aus: Ausgabe vom 22.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Warenkunde

Es war einmal: Der Strohhalm

Von Marc Hieronimus
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Pfui, Kinder, die sind doch aus Plastik!

Einige Produkte, die uns umgeben, verweisen in ihrem alltagssprachlichen Namen noch auf die in der Vergangenheit andere Zusammensetzung. Der Bleistift schreibt längst mit Graphit, die Neonlampe enthält kein Neon, Erdbeerjoghurt keine Erdbeeren, und der Strohhalm ist aus Plastik. Oder mittlerweile aus Papier. Denn seit Juli 2021 sind Plastikprodukte wie Einweggeschirr, Luftballonstäbe oder eben Einwegtrinkhalme verboten. Man hat es noch nicht überprüft, aber der Plastikverbrauch könnte damit um bis zu ein Prozent gesenkt werden. Wir tun so viel für die Umwelt, wann tut sie endlich mal was für uns und erfindet z. B. was gegen den Plastikmüll, der weiterhin im Meer landet?

Tut sie, wie es scheint, es gibt neuerdings Bakterien wie Ideonella ­sakaiensis, die Plastik in die Naturkreisläufe zurückfuttern. Jedenfalls unter Idealbedingungen (viel Sauerstoff, großer Hunger, mollig warm). Gut, auch nur bestimmte Sorten Plastik. Ein kurzer Strohhalm also, an den man sich da klammert, wie die Strohhalme heute insgesamt kürzer sind. Die Getreidehalter wurden kurzgezüchtet, die metaphorischen Strohhalme der technischen Lösungen schrumpfen von allein, man schaue nur auf all die Erfindungen, die das Auto in den letzten 40 Jahren zur fahrenden Biotonne machen sollten, und den bislang letzten Dreh eines SUVs mit Steckdosenantrieb.

Aber woran kann man sich klammern? Vielleicht an die Macht der Natur, den aus dem Kreislauf ausgebrochenen Menschen in seine und ihre Grenzen zu verweisen: Wir werden manisch, depressiv, beides und anders irre. Wir kriegen Allergien, Verdauungs- und Atemwegsbeschwerden, die uns zeigen, dass wir die Chemie unserer Erfindungen nicht vertragen. Und der größte Coup von Mutter Erde: Die industrialisierte Menschheit wird unfruchtbar, in den vergangenen 50 Jahren ist die Zahl der Spermien pro Einheit Ejakulat um fast zwei Drittel gesunken. Noch ein bisschen weiter so, und die Menschheit wird rapide schrumpfen. Es geht doch nichts über den Naturstrohhalm.

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  • Leserbrief von Emmo Frey aus Dachau (29. November 2022 um 14:53 Uhr)
    Die Kolumne von Marc Hieronimus erinnert in Vielem an das berühmte »Streiflicht« der einst lesenswerten SZ, die nach Jürgen Roth nur noch das Tagblatt aus München für »betreutes Als-Ob-Denken und Bevormundung« ist (so stand’s mal in der jW). Ein Rückblick auf alte Bezeichnungen von Alltagsgegenständen – schön! Unsere Unverträglichkeit mit der Chemie unserer Erfindungen, auch wahr. Das waren bei Jürgen Dahl, dem Denker und Gartenliebhaber, schon vor Jahrzehnten die »Ausdünstungen unseres Gewerbefleißes«, die uns das Weiterleben erschweren.
    Aber: Wir werden unfruchtbar? Wirklich? Nur weil die Zahl der Spermien »pro Ejakulat« angeblich zurückgeht? Bei allen Menschen? (Was ist mit der Größe der Eierstöcke?) Auch nur ein Drittel Spermien sind noch viele Tausend. Geht die Zahl der Pollen bei den Blütenpflanzen auch zurück? Der Klimawandel könnte schneller sein, der Nuklearkrieg eh. Auch die »Hightechfummeleien mit Genen« (Helmut Höge) werden wohl schneller für die Schrumpfung des Homo sapiens sorgen als ein Mangel an Sperma. Zur »Komplexität des Lebens« lese man Josef H. Reichholf!

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