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Aus: Ausgabe vom 22.11.2022, Seite 5 / Inland
Energieversorgung

Mehr als verdoppelt

Kosten für geplante LNG-Terminals werden deutlich teurer als gedacht. Ministerium spricht von sich »dynamisch entwickelnder Situation«
Von Ralf Wurzbacher
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Milliarden für fossile Energieträger: Bis zum Winter 2023/2024 sollen bis zu sechs LNG-Terminals in Betrieb gehen

Über explodierende Flüssigerdgasterminals an der deutschen Nord- und Ostseeküste will man lieber nicht nachdenken. Die absehbare Kostenexplosion der in Deutschland geplanten Anlagen ist dagegen schon jetzt bittere Realität. Anschaffung und Unterhalt der schwimmenden und stationären Energiespeicher verschlingen allein im laufenden Jahr mindestens 3,5 Milliarden Euro mehr als ursprünglich veranschlagt. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWK) vom Montag werden sich die Ausgaben des Bundes damit auf mindestens 6,56 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Für das kommende Jahr kalkuliert die Ampelregierung mit weiteren Haushaltsmitteln in noch nicht präzisierter Größenordnung.

»Diese Erhöhung war in einer zweiten Phase aufgrund der sich dynamisch entwickelnden Situation notwendig«, verlautete aus dem Ministerium von Ressortchef Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. »Mittlerweile konnten in umfangreichen Abstimmungen mit zahlreichen Akteuren weitere Kosten bestimmt und zunächst prognostizierte Kosten konkretisiert werden«, ließ das Ministerium wissen. Die Mehrkosten dienten »direkt der Finanzierung von Vorhaben, die essentiell für die deutsche Energiesicherheit für die kommenden Winter sind«. Die Rechnung begleichen Steuerzahler und Verbraucher per »Doppelwumms«: Zu den aus dem Ruder laufenden Projektkosten kommen noch die im Vergleich zum Pipelinegas vervielfachten Preise für Flüssigerdgas aus den USA oder von arabischen Despoten.

Als die Strategie, russisches Erdgas künftig in großem Stil durch Flüssigerdgas, sogenanntes Liquefied Natural Gas (LNG), aus Übersee zu ersetzen, Anfang Mai Gestalt annahm, war noch mit rund drei Milliarden Euro kalkuliert worden. Inzwischen hat der Haushaltsausschuss des Bundestags weitere Mittel bewilligt, unter anderem betreffe das die Betriebskosten sowie Investitionen in zusätzliche Infrastrukturmaßnahmen an Land. Ferner sind nach BMWK-Auskunft 738 Millionen Euro für die Beteiligung der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) am stationären Terminal in Brunsbüttel vorgesehen. Außerdem geht aus Unterlagen des Ausschusses hervor, dass zwei Terminals für 15 statt zehn Jahre gechartert werden müssen. Deutschland habe zwar die Option verhandelt, den Zeitraum zu verkürzen, müsse darüber aber schon im nächsten Jahr entscheiden.

Dem Spiegel sagte Victor Perli von der Bundestagsfraktion Die Linke, die Koalition habe sich mit der alternativlosen Nutzung von LNG-Gas erpressbar gemacht und müsse jetzt Milliarden draufzahlen. Der Grünen-Haushaltspolitiker Sven-Christian Kindler erklärte: »Kurzfristig ist die Gasversorgung zu sichern, aber wir müssen aufpassen, dabei keine fossilen Überkapazitäten für die Zukunft zu schaffen.« Für das Parlament reklamierte er deshalb »mehr Klarheit über die Kosten und Risiken der LNG-Projekte«. Als Repräsentant einer vermeintlichen Ökopartei müsste er sich ebenso über die Art der Gewinnung von LNG sorgen, insbesondere solche mittels Fracking aus dem Boden beförderte Bestände, wie dies vor allem die USA praktizieren. Die nach Ausbeutung hinterlassenen Bohrstellen sind ein ökologisches Schandmal – mit kaputten Böden, stinkender Luft und vergiftetem Grundwasser. Die eingesetzte toxische Mischung kann wohl auch auf Menschen tödlich wirken.

Bis zum Winter 2023/2024 sollen hierzulande bis zu sechs LNG-Terminals in Betrieb gegangen sein. Nach dem in der Vorwoche fertiggestellten Standort in Wilhelmshaven soll als zweiter Kandidat die Anlage in Brunsbüttel zum Jahreswechsel an den Start gehen. In Kürze soll außerdem ein privat betriebenes Terminal in Lubmin ans Netz gehen. Gute Aussichten auf einen Zuschlag haben ferner Stade, Hamburg, Rostock sowie das niederländische Eemshaven an der Emsmündung.

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