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Aus: Ausgabe vom 22.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Brotteller ohne Brot

Zwischen Gesellschaftssatire und Psychothriller: »The Menu« von Mark Mylod
Von Holger Römers
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Sektenartige Disziplin: Starkoch Slowik (Ralph Fiennes) dirigiert sein Küchenorchester

»Wie können die denn Profit machen?«, wundert sich Margot (Anya Taylor-Joy), als sie erfährt, dass das Nobelrestaurant, das sie gleich besuchen wird, höchstens zwölf Gäste pro Abend bewirtet. Die Antwort ihres Begleiters Tyler (Nicholas Hoult) besteht im knappen Verweis auf die Summe, die ihn der Spaß kostet: »1.250 Dollar pro Kopf.« Das ist etwa dreimal so teuer wie ein komplettes Menü einschließlich Weinbegleitung in einem der Dreisternerestaurants, von denen es zur Zeit neun in Deutschland gibt. Der Preis, der in der Anfangs­sequenz von »The Menu« genannt wird, ist also nach allen Maßstäben absurd, weshalb er das Kinopublikum sogleich auf Distanz zu den Figuren gehen lässt, die so viel für ein einziges Abendessen zahlen – beziehungsweise fordern.

Dieser zwischen Gesellschaftssatire und Psychothriller changierende Film richtet seinen Spott zunächst auf die nervöse Begeisterung, mit der Tyler als streberhafter Gourmet und Hobbykoch dem Abend entgegenfiebert, über dessen Verlauf die Handlung sich erstreckt. Dann gerät der feierliche Ernst ins Visier, mit dem Oberkellnerin Elsa (Hong Chau) das Prozedere in dem auf einer Privatinsel gelegenen Restaurant einläutet. Außerdem treibt der britische Regisseur Mark Mylod die sektenartige Disziplin, mit der die Küchenmannschaft jedem Fingerzeig von Starkoch Slowik (Ralph Fiennes) folgt, ironisch auf die Spitze.

Um so größer ist freilich der Kontrast, der sich aus Margots regelmäßigen schnippischen Bemerkungen ergibt, die den Zuschauern eine entsprechende Sicht auf das abgebildete Brimborium nahelegen. Angemessene Abgeklärtheit wird dabei mit dem bodenständigen Geschmack des US-amerikanischen Hinterlands assoziiert, aus dem die Pro­tagonistin stammt (was eine der wenigen Informationen bleibt, die man über die junge Frau erhält). Und der Populismus der Erzählperspektive gipfelt im schmatzenden Bekenntnis zum nächstliegenden Symbol der US-Landesküche.

Ein weiteres Nationalgericht wird, während die Ereignisse sich mörderisch zuspitzen, sehr böse neu interpretiert. Der satirische Erzählton erlaubt denn auch stets eine zwiespältige Bewunderung für Slowik und seine Mitarbeiter, deren Kochkunst, wie einige feinsinnige Dialoge der Drehbuchautoren Seth Reiss und Will Tracy klarstellen, wirklich eine Kunst ist. Insofern scheint folgerichtig, dass die Kreationen, die eine veritable Dreisterneköchin für den Film erdacht hat und deren mehrgängige Abfolge die Handlung gliedert, in Großaufnahmen als diskret portionierter Augenschmaus wirken.

Als beste Entschuldigung für solchen Luxus muss gelten, dass er, wie schließlich ein paar Nebensätze wissen lassen, trotz der eingangs erwähnten sündhaften Preisgestaltung für seinen Produzenten keinen Profit abwirft. Dass Slowik und seine Mitarbeiter sich der konzeptionellen Sackgasse bewusst sind, in die das besessene Bemühen um kulinarische Extravaganz führen muss, deutet indes ein früh servierter Zwischengang an, der aus einem Brotteller besteht, auf dem exquisite Dips und Aufstriche angerichtet sind – aber Brot fehlt.

Dabei mündet die Gesellschaftskritik von Mylod, der viel fürs Fernsehen gearbeitet und zuletzt die Serie »Succession« als ausführender Produzent und Regisseur mitgeprägt hat, im impliziten Vorwurf, dass Kunden der Haute Cuisine schlicht satt werden wollten. Die Mehrheit von Slowiks Gästen, zu denen ein wortkarges altes Ehepaar, drei um Coolness bemühte leitende Angestellte eines Techunternehmens sowie ein abgehalfterter Filmschauspieler samt karrieristischer Assistentin gehören, scheinen den Restaurantbesuch jedenfalls lustlos als Ausweis gesellschaftlicher Exklusivität abzuhaken. Genusssucht und Schlemmerei sind diesen reichen Nichtsnutzen offensichtlich fremd. Dennoch wirkt der Film schließlich wie ein Gegenstück zu Marco Ferreris »Das große Fressen«, weil die meisten Figuren von »The Menu« zumindest eine aus Zuschauersicht tröstliche Ähnlichkeit mit den Protagonisten jenes Klassikers aufweisen: nämlich den zunächst wohl selbst nicht geahnten Drang, sich abzuschaffen.

»The Menu«, Regie: Mark Mylod, USA 2022, 107 min., bereits angelaufen

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