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Aus: Ausgabe vom 21.11.2022, Seite 12 / Thema
Pogromzeiten

Pogromzeit

1992 erlebte Deutschland eine Welle rechten Terrors. Eines der Opfer: der Antifaschist und Hausbesetzer Silvio Meier, der vor 30 Jahren erstochen wurde
Von Florian Osuch
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Silvio Meier, geboren am 12. August 1965 in Quedlinburg, ermordet am 21. November 1992 in Berlin

Das Jahr 1992 war ein Höhepunkt neofaschistischer Gewalt in der Bundesrepublik. In keinem anderen Jahr wurden mehr Menschen durch Rassisten, Neonazis oder andere Rechte verletzt oder getötet. Von Kiel bis Freiburg, von Aachen bis Cottbus wurden Asylsuchende und Kriegsflüchtlinge gejagt, Sinti und Roma angegriffen, Obdachlose erschlagen, Migrantinnen und Migranten in ihren Häusern verbrannt, Punks und Linke getötet. Vielfach wurden die politischen Motive der Taten bestritten. Doch selbst wenn rechtsextreme Hintergründe offensichtlich waren, wurden sie von Polizei, Justiz und etablierter Politik verschleiert.

Das rassistische Pogrom in Hoyerswerda im Sommer 1991 war der Auftakt zu einer Welle des rechten Terrors. Aus Teenagern wurden Brandstifter, wie am 3. Oktober 1991, als drei Jugendliche im Alter von 18 und 19 Jahren in Hünxe nahe Oberhausen ein Haus in Brand setzten, in dem eine libanesische Familie wohnte. Zwei Mädchen im Alter von acht und zehn Jahren wurden lebensgefährlich verletzt.

Der Brandanschlag auf eine Unterkunft für Geflüchtete in Saarlouis vom 18. September 1991 wird seit diesem Monat – 31 Jahre nach der Tat – vor Gericht verhandelt. Damals starb der 27jährige Samuel Kofi Yeboah aus Ghana. Angeklagt ist ein früherer Neonazi. Antifaschistische Gruppen aus dem Saarland hatten bereits kurz nach der Tat auf ein rassistisches Motiv und auf die lokale Neonaziszene aufmerksam gemacht. Interessiert hat das viele Jahre niemanden.

An die wenigsten Getöteten wird erinnert. Die Überlebenden der Anschläge, die Verstümmelten oder Traumatisierten wurden vielfach allein gelassen. Weitgehend unbekannt ist beispielsweise auch das Schicksal einer dreiköpfigen Familie aus Sri Lanka, die am 31. Januar 1992 in einer Flüchtlingsunterkunft im südhessischen Lampertheim nahe Worms verbrannte. Ein halbes Jahr später wurden zwar drei Jugendliche festgenommen und wegen besonders schwerer Brandstiftung zu viereinhalb bis fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Einen fremdenfeindlichen Hintergrund wollte das Gericht allerdings nicht erkennen, in staatlichen Zählungen tauchen die 31jährige Mutter, der 29jährige Vater sowie ihr einjähriges Kind nicht auf.

Gesamtdeutsches Phänomen

Die Beispiele aus Saarlouis, Hünxe und Lampertheim zeigen: Der rechte Terror war ein gesamtdeutsches Phänomen, kein rein ostdeutsches, wie es damals dargestellt wurde und teilweise noch immer wird. Im Jahr 1992 ermordeten Neonazis 28 Menschen – zehn starben in Ostdeutschland und in Berlin, 18 waren es in Westdeutschland. Rechte Parteien erzielten teils beachtliche Ergebnisse. Die Deutsche Volksunion (DVU) erhielt 1992 in Schleswig-Holstein 6,3 Prozent der Stimmen. Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg stimmten sogar 10,9 Prozent für die rechten »Republikaner«. In Westberlin erreichten die »Reps« bei den Wahlen zu den Bezirksparlamenten 9,9 Prozent, im Ostteil der Stadt waren es 5,4 Prozent der Stimmen. Trotzdem hieß es, »Rechtsextremismus« sei vornehmlich ein Problem des Ostens und ein Resultat der DDR. Es war einfach, einen untergegangenen Staat – zumal einen missliebigen – für den mörderischen Neofaschismus verantwortlich zu machen.

Neben den extrem rechten Parteien machten vor allem Politiker von CDU und CSU Stimmung gegen Asylsuchende und Kriegsflüchtlinge. Flankiert wurde die »Das-Boot-ist-voll«-Kampagne von hetzerischen Artikeln gegen »Scheinasylanten« und »Asyltouristen« in FAZ, Bild und Spiegel. Insbesondere Kriegsflüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien, darunter viele Roma, wurde ein Leben in Saus und Braus auf Staatskosten angedichtet.

In den Parlamenten waren es vor allem die Abgeordneten der PDS, die der rechten Hetze der bürgerlichen Parteien entgegentraten. So formulierte Gregor Gysi im Bundestag treffend: »Es waren Politikerinnen und Politiker, die die Begriffe von Scheinasylanten, von Flüchtlingsströmen, von Wirtschaftsflüchtlingen, vom Asylmissbrauch, von asylfreien Zonen, von Durchmischung und Durchrassung und das schlimme Wort vom Staatsnotstand in die Debatte brachten, und solche Worte zeigen Wirkung. All jene, die in der beschriebenen Art und Weise die Asyldebatte führten und führen, haben an rassistischen und ausländerfeindlichen Pogromen als intellektuelle Urheber ihren Anteil.«

Ein solches Pogrom gab es Ende Mai 1992 in Mannheim. Im Stadtteil Schönau war in einer leerstehenden Kaserne eine Unterkunft für Asylsuchende eingerichtet worden. Teile der Bevölkerung stellten sich quer. Wochenlange Hetze gegen Flüchtlinge hatte zur Folge, dass realitätsferne Bedrohungen herbeigeredet wurden. Am 26. Mai zogen rund 150 Menschen vor die Unterkunft; die gerufene Polizei verhinderte die Erstürmung des Gebäudes. Einen Tag später zogen im Anschluss an ein Stadtfest Hunderte Festbesucher erneut vor das Heim. Die Menge wuchs schnell auf mehr als 500 Menschen an und skandierte rassistische Parolen wie »Ausländer raus«. Auch an diesem Tag stand die Polizei vor der ehemaligen Kaserne – allerdings zum Zwecke des Objektschutzes. Die Staatsmacht duldete, dass über mehrere Tage Hunderte rassistische Bürger Beleidigungen, Pöbeleien und Bedrohungen vorbrachten. Den Geflüchteten riet man, das Heim nicht zu verlassen. Als der SPD-Oberbürgermeister von Mannheim sagte, er werde sich »um das Problem kümmern«, meinte er nicht den ausländerfeindlichen Mob, sondern die Bedrohten.

Rechts gleich links

Am 9. Mai 1992 wurde in Magdeburg der 23jährige Torsten Lamprecht bei einem Überfall erschlagen. Bis zu 60 rechte Skinheads stürmten das Lokal »Elbterrassen«, wo eine Gruppe von Punks Geburtstag feierte, und schlugen mit Baseballschlägern auf die Anwesenden ein. Fünf Personen wurden schwer verletzt, Lamprecht starb. In der Mitteldeutschen Zeitung war damals zu lesen, es herrsche »Krieg zwischen den rechten Glatzen und den linken Punks und Autonomen. Ein Krieg, bei dem es immer weniger auf die politische Orientierung ankommt«. Die Gleichsetzung rechter Mörderbanden mit Antifaschisten war an der Tagesordnung. Obwohl der Überfall von der Polizei beobachtet worden war, wurden nur 18 von rund 60 beteiligten Neonazis angeklagt. Die meisten Verfahren endeten mit Bewährungsstrafen oder mit dem Ableisten von Sozialstunden. Ein Haupttäter, ein 24jähriger Mann aus Wolfsburg, wurde 1995 vom Landgericht Magdeburg zu vier Jahren Haft verurteilt.

Schon wenige Tage nach dem Überfall kamen mehrere tausend Antifaschisten, darunter viele Punks, zu einem Gedenkmarsch nach Magdeburg. Auch fortan wurde des 23jährigen gedacht. Seit 2013 erinnert ein Torsten-Lamprecht-Weg an den Getöteten. Eine Mahnwache zum 30. Jahrestag des Mordes nahm der Mitteldeutsche Rundfunk zum Anlass, die Erzählung von den rivalisierenden Jugendbanden aufzuwärmen. Damals sei »kaum ein Wochenende ohne Prügeleien« vergangen, »wobei es nicht nur um Ideologien ging, sondern auch um die Vorherrschaft in bestimmten Stadtteilen«.

Vielfach waren Antifaschisten, die Gegenwehr leisteten, im weiteren Sinne mit der radikalen Linken, der Hausbesetzerbewegung und den Autonomen verbunden. Die politische Praxis bestand aus Demonstrationen, der Schaffung von Gegenöffentlichkeit mittels Flugblättern und Zeitschriften oder auch mit Veranstaltungen in Jugendklubs. Hinzu kam die direkte Konfrontation. Durch umfassende Recherchen wusste die antifaschistische Szene meist recht gut, wo sich Neonazis trafen.

Als am 4. April 1992 in Berlin-Neukölln eine Zusammenkunft rechter Funktionäre stattfand, trommelten Antifaschisten zu einer schnellen Aktion. Ohne große Vorbereitung zog man zum Versammlungsort, einem Restaurant, und überfiel die Teilnehmer. Dabei wurde einer der Anwesenden, Gerhard Kaindl von der »Deutschen Liga für Volk und Heimat«, durch Messerstiche getötet. Für die konservative Presse war klar, dass Ausländer die Tat begangen hätten. Ins Visier einer eigens eingerichteten Sonderkommission der Polizei geriet die migrantische Gruppe »Antifasist Genclik« (türkisch für Antifaschistische Jugend).

Außer bei den direkt Beteiligten geriet das Ereignis zunächst in Vergessenheit, zumal wenig später wieder Einschreiten geboten war: Neonazis moblisierten für den 1. Mai zu einem Marsch in der Stadt. Militante Antifaschisten verhinderten den Zug der neonazistischen »FAP« im Bezirk Prenzlauer Berg. Autonome Kleingruppen griffen die Neonazis immer wieder an. Protestierende Anwohner verstünden die »Unterschiede bei der Wahl der Mittel«, hieß es dazu später im Antifainfoblatt.

Gewaltexzess in Rostock

Vollends eskalierte der rechte Terror dann im Sommer. Im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen gab es zwischen dem 22. und 26. August 1992 rassistische Ausschreitungen vor der »Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber« und dem angrenzenden Wohnheim für ehemalige Vertragsarbeiter aus Vietnam im sogenannten Sonnenblumenhaus.

Für große Teile der linken Bewegung in Deutschland war der Gewaltexzess eine völlig neue Dimension. »Dass organisierte Neonazis derartige Angriffe durchführten, war nicht neu. Dass aber Hunderte bzw. Tausende von aggressiven Bürgern und Bürgerinnen Flüchtlingsheime belagern und die Straßen dem rassistischen Mob gehören, war ausgesprochen schockierend und kaum zu ertragen.«¹

Es waren wiederum Aktive der autonomen Szene, die nach Rostock fuhren, darunter der Künstler und Aktivist »Yok Quetschenpaua«, bekannt für seine am Akkordeon begleiteten Lieder. »Wir fuhren hin, als der Mob schon tobte und im Fernsehen darüber berichtet wurde. Wir konnten nicht anders, wir mussten da hin. (…) Es gab aus unseren Reihen den Vorschlag, mit einer großen Gruppe direkt vor das Haus der angegriffenen Vietnames*innen zu ziehen und sich mit den Hackfressen zu konfrontieren. Es gab einen vehementen Fürsprecher für diese Idee, aber die meisten befürchteten, dass wir dort massiv angegriffen und verletzt werden würden. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass es gut gewesen wäre, auf den eigenen kollektiven Mut zu setzen und entschlossen aufzutreten.«² Statt dessen verständigte man sich darauf, in kleineren Gruppen zu agieren. In der Dämmerung war allerdings schwer auszumachen, wer zu wem gehörte. »Die Stimmung vor dem Haus war gespenstisch und bedrohlich. (…) Wir schnappten uns etwas abseits hier und da ein paar Arschlöcher, aber das fühlte sich eher hilflos an. (…) Nachts formierte sich noch eine kleine linke Demo mit eindeutigen antifaschistischen Parolen. Da waren die Bullen plötzlich da, und viele wurden festgenommen.«³

Lynchstimmung im Harz

Die Ereignisse in Rostock hatten nicht zur Folge, dass Polizei, Behörden oder andere Stellen für ausreichend Schutz für Geflüchtete sorgten. »Während die bürgerlichen Parteien das rassistische Klima zusehends anheizten, sahen sich die ›Ordnungskräfte‹ auf wundersame Weise außerstande, den mordlustigen Pöbel von den Asylbewerberheimen und Sammelunterkünften ausländischer Vertragsarbeiter fernzuhalten.«⁴

Ab dem 7. September zogen Rechte in Quedlinburg vor die einzige Unterkunft für Geflüchtete in der Stadt. Dort waren 120 Menschen aus Rumänien und Bulgarien untergebracht. Mutige Quedlinburger protestierten gegen Rassismus, und auch linke Autonome waren auch aus anderen Teilen des Landes dorthin geeilt. Antifaschisten aus der Rhein-Main-Region berichteten: »Am Freitag stand eine Mahnwache von PazifistInnen unterschiedlicher Organisationen vor der Unterkunft, ausdrücklich um die Flüchtlinge zu schützen. Diese Mahnwache wurde im Laufe des Abends von der auf etwa 500 Leute angewachsenen Menge mit Steinen und Leuchtspurgeschossen angegriffen. Während des Angriffs (…) wurden ca. 30 zum Teil schon arg verletzte PazifistInnen aufgefordert, die ausländischen Frauen aus dem Heim herauszugeben: ›Wir wollen nicht, dass hier noch mehr Kanackenbrut geboren wird, wir hängen die an den nächsten Baum.‹ Es herrschte Lynchstimmung.«⁵ Die Polizei zeigte zwar Präsenz, ließ die Rechten aber weitgehend gewähren. Als am nächsten Tag eine antirassistische Demonstration durch Quedlinburg zog, war die Staatsgewalt allerdings mit erheblichem Personaleinsatz vor Ort.

Ab dem 13. September wurde eine Unterkunft für Geflüchtete in Wismar zum Ziel von Attacken. Auch darüber informierte das Antifainfoblatt: »Die Angegriffenen verteidigten sich, was den ›Volkszorn‹ von 50 Jugendlichen und AnwohnerInnen weckte. Der offene Hass der Bevölkerung schlug, wie fast überall in Deutschland, vor allen den Roma und Sinti entgegen, die schon während der NS-Herrschaft die ersten Volksgruppen waren, die in den Konzentrationslager interniert wurden.«⁶

Brand in KZ-Gedenkstätte

Am 15. September wurde an der Außenstelle des Landesaufnahmelagers des Saarlandes in Saarlouis ein Sprengsatz entschärft. Ein anonymer Anrufer hatte auf die Bombe hingewiesen, die mit einem Zeitzünder versehen war. Am 26. September verübten Neonazis einen Brandanschlag auf eine Baracke der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Sachsenhausen in Oranienburg. Das Gebäude, in dem eine Ausstellung über die Leiden der jüdischen Häftlinge untergebracht war, wurde zerstört. Der Anschlag sorgte international für Aufsehen, auch weil nur zehn Tage zuvor der damalige Ministerpräsident von Israel, Jitzchak Rabin, die Gedenkstätte besucht hatte.

Im Herbst gab es zahlreiche antisemitische Anschläge. So wurden Gräber auf jüdischen Friedhöfen umgestoßen, unter anderem in Bad Cannstatt bei Stuttgart, Strausberg bei Berlin, Dortmund und Karlsruhe. Mancherorts wurden auch Hakenkreuze geschmiert. Am 24. Oktober verübten Neonazis einen Brandanschlag auf die KZ-Gedenkstätte Ravensbrück. Es folgten weitere Attacken auf jüdische Friedhöfe in Stuttgart, Wuppertal, Michelstadt in Südhessen und Frankfurt am Main. Meist hieß es, ein rechter Hintergrund sei nicht erwiesen, oder es handele sich um Vandalismus.

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Dem Mob entkommen. Verletzter Asylbewerber in Hoyerswerda im Sommer 1991

Besonders drastisch war der Fall in Dolgenbrodt im südlichen Umland von Berlin. Dort brannte es am 1. November auf dem Gelände eines ehemaligen Kinderferienlagers. Asylsuchende sollten dort untergebracht werden. Was zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt war: Die Idee für das Feuer war auf einer Bürgerversammlung entstanden. Mehrere Bewohner des Ortes hatten Geld für einen Brandstifter gesammelt und später auch ein Schweigegeld bezahlt. Einige Jahre später flog alles auf, und mehrere Männer wurden verhaftet.

Die etablierte bürgerliche Politik verhielt sich zunächst passiv. CDU und SPD verhandelten bereits über eine Änderung des Asylrechts, was auf eine faktische Abschaffung dieses Grundrechts hinauslief. Am 8. November folgten dann doch 350.000 Menschen in Berlin dem Aufruf von Parteien, Kirchen und Gewerkschaften unter dem Motto »Die Würde des Menschen ist unantastbar«. Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) wurde während seiner Rede mit Eiern und Farbbeuteln beworfen, Autonome skandierten: »Heuchler, Heuchler.« Linke Gruppen, Parteien und Flüchtlingsorganisationen demonstrierten im November in Bonn für den Erhalt des Asylrechts, es kamen mehr als 150.000 Menschen.

Mord im U-Bahnhof

Zu einer erneuten Eskalation kam es am 21. November. Der 27jährige Antifaschist und Hausbesetzer Silvio Meier wurde am U-Bahnhof Samariterstraße im Bezirk Friedrichshain erstochen. Meier, der sich in der »Kirche von unten« engagiert hatte, war 1987 Mitorganisator des Konzerts der Westberliner Band »Element of Crime« in der Zionskirche im Bezirk Prenzlauer Berg gewesen, das von Neonazis überfallen worden war. Er und drei Freunde trafen an jenem Novemberabend auf eine Gruppe junger Leute, von denen einige aufgrund ihrer Kleidung als Rechte erkennbar waren. Die Neonazis wurden zur Rede gestellt, es kam zu einer Rangelei, und einem der Rechten wurde ein Aufnäher abgenommen. Die Sache schien zunächst erledigt. Als die beiden Gruppen wenig später am Ausgang des U-Bahnhofes erneut aufeinandertrafen, hatten die Rechten bereits Messer gezückt und griffen die Antifaschisten unvermittelt an. Silvio Meier starb, zwei Freunde wurden schwer verletzt.

Die Polizei begann noch in der Nacht des Vorfalls ihre Ermittlungen und versuchte sogleich, den Hintergrund der Tat zu verschleiern. Ein Überlebender des Überfalls schilderte dies in einem Interview: »Die erste Vernehmung wurde mit mir, zwei bis drei Stunden nachdem ich zusammengeflickt worden war, gemacht. (…) Ich hatte den Eindruck, dass sie (die Polizei, jW) von Anfang an parteiisch war.«⁷ Es sei den Beamten darum gegangen, den Mord als unpolitische Tat zu deuten. »Vor allem wollten sie aus der Welt schaffen, dass es sich um Rechtsradikale handelt.«

Da Silvio Meier und seine Freunde in den besetzten Häusern der Stadt gut vernetzt und politisch aktiv waren, gab es bereits am Folgetag eine erste Demonstration. Diese führte in den benachbarten Bezirk Lichtenberg zu einem häufig von Rechten frequentierten Jugendklub. Dort entluden sich Wut und Trauer der Anwesenden. Es war bekannt, dass im »Judith-Auer-Club« auch führende Neonazis ein- und ausgingen. Während der Demonstration wurde der Jugendklub stark beschädigt. Zwei Tage nach dem Mord kamen bereits 3.000 Menschen zu einer Gedenkdemonstration, auch weil über den Vorfall umfassend berichtet worden war. Die meisten Medien übernahmen jedoch die Version der Polizei, wonach es keinen politischen Hintergrund des Mordes gegeben habe. Andere Zeitungen gingen weiter: Sie dichteten den Antifaschisten die tödliche Waffe an und machte die Neonazis zu Opfern. Nur durch Gegenöffentlichkeit der linken Szene kam der tatsächliche Hergang ans Licht.

Mit einem Telefonanruf aus dem »Judith-Auer-Club« stellten sich zwei Rechte nach einigen Tagen der Polizei. Der zur Tatzeit 17jährige Haupttäter wurde wegen Totschlags zu einer Jugendstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Zwei weitere junge Männer im Alter von 17 bzw. 18 Jahren erhielten Haft- und Bewährungsstrafen von dreieinhalb Jahren beziehungsweise acht Monaten, vier weitere Beteiligte wurden nicht angeklagt.

Der Mord an Silvio Meier und die Kritik am Versuch, Täter und Opfer umzudeuten, war auch Thema im Berliner Abgeordnetenhaus. Irena Kukutz vom »Neuen Forum« sagte in der Woche nach dem Ereignis: »Ich weiß endlich, in welchem Land ich nun wirklich angekommen bin, drei Jahre nach dem Untergang der DDR. Ein Freund meiner Söhne wurde erstochen. Und immer noch macht Herr Landowsky (damaliger Vorsitzender der Berliner CDU-Fraktion, jW) leichtfertig und verantwortungslos ein Gleichheitszeichen zwischen rechten und linken Gewalttätern, zwischen Eierschmeißern auf Politikerfräcke und vorsätzlichen Brandstiftern und Mördern. (…) Auf die Komplizen des wiedererwachten rechten Terrors in der Presse, in der Polizei, in der Politik sollten wir mit dem Finger zeigen und das Gerede vom Zusammenschluss der Demokratie nicht zur Farce werden lassen.«⁸

Am gleichen Wochenende, an dem Silvio Meier erstochen wurde, verübten junge Rechte einen Brandanschlag auf zwei Häuser in Mölln bei Hamburg. Es starben die drei Türkinnen Bahide Arslan, Ayse Yilmaz und Yeliz Arslan. Neun weitere Menschen wurden schwer verletzt.

Keine drei Wochen später wurde im Bundestag der sogenannte Asylkompromiss verabschiedet. Die Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP hatte sich mit der SPD auf eine weitgehende Abschaffung des Grundrechts auf Asyl verständigt. Die Zustimmung der Sozialdemokraten war notwendig, weil es sich um eine Änderung des Grundgesetzes handelte, für die im Bundestag eine Zweidrittelmehrheit notwendig war. Nun galt: Wer aus einem EU-Land oder aus einem als »sicherer Drittstaat« klassifizierten Land nach Deutschland einreist – das betraf alle Nachbarstaaten der BRD –, konnte sich nicht in allen Fällen auf das Recht auf Asyl berufen, sondern musste dieses im Transitland beantragen. Der rechte Mob hatte gesiegt. Die Zahl der Asylanträge fiel rapide von 438.000 Asylsuchenden im Jahr 1992 auf nur noch 127.000 Anträge 1994.

Glatzenpflege auf Staatskosten

Ebenfalls 1992 startete das CDU-geführte Bundesfamilienministerium ein Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt. Die militante Rechte sollte mit jährlich 20 Millionen Mark befriedet werden. Das Geld gab es insbesondere für Jugendklubs, auch für solche, die von rechten Jugendlichen dominiert wurden. Während vielerorts linke oder nichtrechte Teenager aus Einrichtungen vertrieben wurden, konnten Jungnazis eigene Räume großzügig einrichten. Findige Faschisten nutzten Fördergelder zur Anschaffung von Musikequipment für Rechtsrockbands. Als »Glatzenpflege auf Staatskosten« bezeichnete dies die Zeit. »Ein falsch verstandenes Konzept ›akzeptierender Jugendarbeit‹ vermittelte gewalttätigen Jugendlichen Anerkennung und Bestätigung.«⁹

Anmerkungen

1 Dietmar Wolf: Hoyerswerda, Mannheim-Schönau, Rostock-Lichtenhagen, in: Telegraph Nr. 126/127 (2012)

2 Yok: Nichts bleibt, Mainz 2019, S. 138

3 Ebd.

4 Ulrich Peters: Unbeugsam und Widerständig. Die radikale Linke in Deutschland seit 1989/90, Münster 2014, S. 114

5 »Ein rassistisches Pogrom in Quedlinburg«, Antifainfoblatt Nr. 20 (1992)

6 »Nach Rostock-Lichtenhagen – Massenbasis für Neonazis«, Antifainfoblatt Nr. 20 (1992)

7 Wolfgang Rüddenklau: Jörn F. zum Mordanschlag auf sich und seine Freunde, in: Telegraph Nr. 12 (1992), S. 6–8

8 Irene Kukutz: Aufwachen, es ist an der Zeit, in: Antifainfoblatt Nr. 21 (1993)

9 Toralf Staud/Johannes Radke: Neue Nazis, Köln 2012, S. 62

Hinweis: Antifaschistisches Gedenken an Silvio Meier

– 21.11.2022 ab 18 Uhr: Mahnwache in der Silvio-Meier-Straße, Berlin

– 26.11.2022 ab 18 Uhr: Antifa-Demo ab U-Bhf. Samariter Straße, Berlin

Florian Osuch ist in der beruflichen Bildung tätig und langjähriger Autor für junge Welt.

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