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Aus: Ausgabe vom 22.11.2022, Seite 8 / Inland
Wohnungsnot

»Die Mieter haben die Schnauze voll«

Düsseldorf: Protest mit Bademänteln und gepackten Koffern gegen Profitstreben von Wohnungseigentümern. Ein Gespräch mit Rilana Krick
Interview: Henning von Stoltzenberg
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Verheißen Verdrängung: Wo Wohnungen aufgemotzt werden sollen, wird es für die bisherigen Bewohner schnell unerträglich (Düsseldorf, 26.10.2022)

Sie haben vergangene Woche Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller von der CDU sowie den Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat einen offenen Brief überreicht. Symbolisch trugen Sie dabei Bademäntel und hatten gepackte Koffer dabei. Warum dieser ungewöhnliche Aufzug?

Die Mieter haben die Schnauze voll. In dem Brief wird ihre Situation geschildert. Teilweise sind sie von Bauarbeiten direkt in ihrer Wohnung betroffen: Mal sei ihnen ohne Ankündigung das Wasser abgestellt oder das Fallrohr abgebaut worden, oder es regnete durch ein offenes Dach bis in ihre Wohnung hinein. Das haben wir symbolisch durch den Aufzug in Bademänteln deutlich gemacht. Die gepackten Koffer sind ein Zeichen für die Verdrängung von Mietern nicht nur aus ihren Wohnungen, sondern auch aus dem Stadtteil. Manche mussten bereits öfter umziehen, weil modernisiert oder in Eigentumswohnungen umgewandelt wird und Stadtteile dadurch »aufgewertet« werden. Eine Wohnung zum vergleichbaren Preis im selben Stadtteil zu finden wird nahezu unmöglich.

Was sind die Kernforderungen des offenen Briefes?

Die Mieter sind sich bewusst, dass ihr Problem nicht mit einem Vermieter anfängt oder aufhört. Die Spekulation mit Bestandswohnungen betrifft ganz Düsseldorf. Daher gehen sie nun auf die politische Ebene. Im offenen Brief fordern sie die Verantwortlichen dazu auf, sich für einen Genehmigungsvorbehalt von Umwandelung von Miet- in Eigentumswohnungen und ein Vorkaufsrecht der Stadt einzusetzen. Dafür müsste die Landesregierung in NRW das Baumobilisierungsgesetz, das auf Bundesebene erlassen wurde, endlich umsetzen. Die CDU-Grünen-Koalition hat bis jetzt keinen Finger gerührt, um Bestandswohnungen bezahlbar zu erhalten. Das muss sich ändern.

Im August haben Sie der MP GmbH und Co. KG den Negativpreis »Der goldene Miethai« verliehen. Wie hat es sich das Unternehmen den eingehandelt?

Die MP GmbH & Co. KG kauft seit Jahren in Düsseldorf Häuser auf. Hatte sie 2018 noch circa 20 in ihrem Portfolio, sind es nun um die 50. Oft werden Mietern zunächst Abfindungsangebote gemacht, und wenn sie versterben oder ausziehen, lässt man die Wohnungen leerstehen. Dem Unternehmen gehören, wie Recherchen der Mieter nahelegen, ungefähr 100 leerstehende Wohnungen in Düsseldorf. Wir vermuten dahinter ein Geschäftsmodell: Mietwohnungen werden in Eigentum umwandelt und dann einzeln verkauft. Ohne Mieter ist das deutlich lukrativer. Wer dort wohnen bleiben will, hat oft mit Baulärm, Verschmutzung, Heizungsausfällen und Baumängeln zu kämpfen. Bauarbeiten passieren unangekündigt, und oft werden sie als unsachgemäß wahrgenommen, etwa weil Wohnungstüren oder Keller aufgebrochen werden. Solche Vorfälle häufen sich.

Immer mehr Mieterinnen und Mieter wehren sich gegen das Unternehmen. Wie gelingt es, sich zu organisieren?

Das beschriebene Geschäftsmodell beobachten wir auch bei anderen Vermietern in Düsseldorf. In diesem Fall ist besonders, dass sich Mieter aus unterschiedlichen Stadtteilen zusammengefunden haben, um sich auszutauschen sowie den Vermieter und die Stadt auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Die Betroffenen haben sich an uns gewandt, weil sie nicht mehr weiterkamen. Wir haben alle betroffenen Haushalte per Brief informiert und zu einer Versammlung eingeladen, zu der circa 25 Mieter kamen. Gemeinsam haben wir dann die erste Aktion geplant, unter anderem öffentlichkeitswirksam den »goldenen Miethai« zu überreichen.

Haben Sie bereits erste Erfolge erringen können?

Seit dem Beginn unserer Öffentlichkeitsarbeit hat sich ein Strategiewechsel des Vermieters vollzogen. Bauarbeiten werden teilweise mit mehr Rücksicht auf die Mieter angekündigt und umgesetzt. In vielen Häusern hat der Vermieter nun von sich aus bei Beginn der Bauarbeiten eine Mietminderung von 20 bis 30 Prozent angeboten. Das kannten wir von Vermietern bisher nicht. Das Düsseldorfer Beispiel zeigt: Wenn Mieter sich zusammenzuschließen, sich austauschen und Missstände auch öffentlich anprangern, kann man Hauseigentümern, die nur eine möglichst hohe Rendite im Blick haben, etwas entgegensetzen.

Rilana Krick ist Sprecherin des Bündnisses für bezahlbaren Wohnraum in Düsseldorf

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