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Aus: Ausgabe vom 19.11.2022, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Spaghetti vulcano

Von Maxi Wunder

»England ist ein Kaufmann, der sich in bankrottem Zustand befindet und aus Verzweiflung ein Verschwender wird oder vielmehr kein Geldopfer scheut, um sich momentan zu halten.« Roswitha liest aus »Lutetia – Die parlamentarische Periode des Bürgerkönigtums« von Heinrich Heine vor. »Hat der nicht auch lustige Sachen geschrieben?« maule ich rum. – »Jetzt hör doch mal! Also Heine schreibt 1842: ›Man hat keinen Begriff davon, wie England jährlich die ungeheuersten Summen ausgiebt bloß zur Besoldung seiner ausländischen Agenten, deren Instruktionen alle für den Fall eines europäischen Krieges berechnet sind, und wie wieder diese englischen Agenten die hetrogensten Talente, Tugenden und Laster im Auslande für ihre Zwecke zu gewinnen wissen‹.« – »Na und?« – »Du musst nur das Wort England durch USA ersetzen, und schon bist du im Jahr 2022! Genau dieselbe Kapitalismuskrisenbewältigungsmistmethode wie vor 180 Jahren, nur mit neuem Akteur!« Roswitha schaut mich an, als hätte sie gerade Pompeji entdeckt.

Spaghetti vulcano

Eine Knoblauchzehe und eine Zwiebel pellen und fein hacken. 40 g schwarze Oliven (entsteint) hacken. Eine rote Chilischote putzen und in feine Ringe schneiden. Geschälte Dosentomaten (groß) in grobe Stücke schneiden, einen TL Kapern abtropfen lassen. Petersilienblätter von vier Stielen abzupfen. 400 g Spaghetti in reichlich kochendem Salzwasser bissfest garen, abgießen und abtropfen lassen; dabei 300 ml Nudelwasser auffangen. Öl in einer Pfanne erhitzen, Knoblauch, Zwiebeln, Chili und zerkleinerten Speck darin bei mittlerer Hitze ca. drei Minuten unter Rühren dünsten. Oliven, Kapern, Tomaten dazugeben und weitere zwei bis drei Minuten dünsten. Sugo, Nudeln und Nudelwasser in den Topf geben, bei starker Hitze sämig einkochen lassen, mit schwarzem Pfeffer würzen, evtl. salzen und mit Petersilie bestreut servieren.

Rossis Lektüre erinnert mich schmerzlich daran, dass auch wir uns im bankrotten Zustand befinden. Im Gegensatz zu imperialen Großmächten können wir aber kein Vermögen für Agenten ausgeben, die für uns Raubzüge organisieren. Wir müssen zu Markte tragen, was wir haben. »Schöne Ausgabe«, finde ich und streichle zärtlich über den flaschengrünen Deckel des Bandes zehn bis zwölf der Gesamtausgabe »Heines Werke« von Hoffmann & Campe. »Beginnendes 20. Jahrhundert, florale Prägung, auf dem Rücken Echtgoldfolie, dreikantiger Marmorschnitt«, fachsimple ich. »Die vier Bände bringen uns gut und gerne 80 Piepen im Onlineantiquariat oder mehr.« – »Bist du noch zu retten?« Rossi reißt mir das Kleinod aus der Hand. Sie steckt ihre Nase tief in das vergilbte Papier: »Ahhh! Ich rieche 120 Jahre Ofenheizung und Zigarrenrauch. Ich rieche Eichenmöbel, Kerzenwachs und Sonntagsbraten. Ich rieche … Bildungsbürgerwohlstand!« – »Du müsstest auch zwei Weltkriege riechen, gib mal her.« Unter »Gedanken und Einfälle« steht indes: »›Ich sehe die Wunder der Vergangenheit klar. Ein Schleier liegt auf der Zukunft, aber ein rosenfarbiger, hindurch schimmern goldene Säulen und Geschmeide und klingt es süß‹.« Rossi: »Hast du gekifft?« – Ich: »Nein. Ich lese Heine.«

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