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Aus: Ausgabe vom 19.11.2022, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Kommunisten in der Bundesrepublik

»Diese Menschen sind noch einmal bestraft worden«

Über die Verfolgung von Kommunisten in der BRD, die Arbeit in FDJ und KPD und einen Nazigeneral in Düsseldorf. Ein Gespräch mit Hanna Eggerath
Interview: Nico Popp
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Auf der Anklagebank (von links nach rechts): Christel Josten, Willi Klein, Hans Bunse, Hanna Eggerath, Werner Wexel (Düsseldorf, 4.10.1954)

Sie haben sich im hohen Alter die Arbeit gemacht, eine Broschüre über die politischen Häftlinge zu schreiben, die in den 50er und 60er Jahren in dem Gefängnis eingesessen haben, das in Düsseldorf als »Ulmer Höh’« oder »die Ulm« bekannt gewesen ist. Wie kam es dazu?

Im Juni 2020 habe ich erfahren, dass am Standort der ehemaligen Justizvollzugsanstalt an der Ulmenstraße eine Gedenktafel für die Menschen angebracht werden soll, die dort zwischen 1933 und 1945 inhaftiert waren. Ich habe das in einem Leserbrief an eine Lokalzeitung, der auch gedruckt wurde, begrüßt und darauf aufmerksam gemacht, dass in der Adenauer-Zeit dort ebenfalls Menschen aus politischen Gründen eingesessen haben – und zwar mitunter die Kinder von denen, die die Nazis dort eingesperrt hatten. Dann habe ich mich an die Arbeit gemacht. Es gibt noch einige Angehörige, die Akten, Anklageschriften und so weiter sehr sorgfältig aufgehoben haben. Außerdem bin ich ins Landesarchiv nach Duisburg gefahren und habe da in einem ganz mühsamen Prozess die Erlaubnis bekommen, Einsicht in die Akten zu nehmen. Die hatte bis dahin noch niemand angesehen.

Wenn es diese Initiative zu einem Gedenkort für die Naziopfer nicht gegeben hätte, hätten Sie die Recherchen nicht angestellt?

Vermutlich nicht. Allerdings ist, soweit ich weiß, aus der Gedenkstätte für die Naziopfer bislang nichts geworden. Die Broschüre hat die Düsseldorfer VVN-BdA herausgebracht.

Angehörige von Ihnen haben in der Nazizeit auf der Ulm gesessen?

Ja, meine Mutter, für sechs Monate. Mein Vater war gleich 1933 im KZ Börgermoor.

Ihre Eltern waren Kommunisten?

Ja. Mein Vater war Bühnenmeister und bekam nach unserer Rückkehr nach Düsseldorf 1946 Arbeit am Opernhaus. Im Herbst 1950 gab es einen Runderlass, der die Entfernung aller Kommunisten aus dem öffentlichen Dienst vorschrieb. 1951 wurde mein Vater entlassen. Man hatte ihm gesagt: Wenn du weiterarbeiten willst, sag dich von der Partei los. Das hat er nicht gemacht, also ist er rausgeflogen. Das war für die Familie sehr hart. Wir verloren unsere damalige Wohnung in einer Baracke hinter dem Opernhaus. Meine Mutter hat nicht gearbeitet, weil mein Vater das, wie das damals so war, nicht wollte. Ich war auf dem Gymnasium, und dort mussten pro Monat 20 Mark Schulgeld gezahlt werden. Um das weiter tun zu können, musste ich unter anderem mit dem Klavierunterricht aufhören.

Wann haben Sie sich politisch organisiert?

1949 bin ich mit 14 in die FDJ eingetreten. Die FDJ-Gruppe Altstadt ist sozusagen in meinem Kinderzimmer gegründet worden. Am Anfang mit etwa 20 Mitgliedern. Zu dem Zeitpunkt konnte ich mit der KPD nichts anfangen. Das waren so alte Leute – also 30 oder älter (lacht). 1952 bin ich dann in die Partei eingetreten.

Was war das in Düsseldorf damals politisch für eine Atmosphäre?

Düsseldorf ist schon damals nicht mehr die Arbeiter- und Industriestadt gewesen, die es einmal war. Die CDU war die stärkste Partei und stellte den Oberbürgermeister. Die SPD war auf der Schumacher-Linie. Ich kann mich nicht erinnern, dass es linke Sozialdemokraten gab, zu denen wir Kontakte gehabt hätten. Kommunisten und FDJler sind aus Gewerkschaften ausgeschlossen worden, insbesondere aus der Baugewerkschaft.

Die jungen Kommunistinnen und Kommunisten in Düsseldorf um 1950 – waren das überwiegend Menschen, die wie Sie bereits aus einem kommunistischen Elternhaus kamen?

Das war recht unterschiedlich. Was es meiner Erinnerung nach eigentlich gar nicht gab, waren junge Genossinnen und Genossen, deren Eltern Nazis gewesen waren. Umgekehrt erinnerten sich nicht wenige an die Verfolgung der Eltern nach 1933. Hans Vossen zum Beispiel, der insgesamt 22 Monate auf der Ulm in Haft war, hat nie vergessen, wie er als kleiner Junge mit seiner Mutter Wäsche seines Vaters aus einem SA-Haftlager abgeholt hat, die voller Blut war.

Wie haben Sie die Arbeit in der FDJ in Erinnerung? 1949 war ja die unmittelbare Nachkriegszeit, in der die KPD und ihr nahestehende Organisationen für einen kurzen Moment nicht wie ein Paria behandelt wurden, schon wieder vorbei.

Ja, wir wurden sehr angefeindet. Bei Demonstrationen hat die Polizei geprügelt. Die FDJ war eine politische Organisation, auch wenn wir viel gesungen und Ausflüge mit Fahrrädern gemacht haben. In dem Alter habe ich – und haben auch andere – das alles ein bisschen wie ein Abenteuer empfunden. Ich wusste durch meine Eltern allerdings auch: Die Verfolgung von Kommunisten in der Nazizeit war lebensgefährlich, die Verfolgung in der Bundesrepublik ist gefährlich, aber eben nicht lebensgefährlich. Ich erinnere mich bis heute daran, wie an einem Fabrikschornstein eine Fahne befestigt wurde und ich Schmiere stehen musste. Das war schrecklich. Ich erinnere mich aber auch an Aktionen wie die, als wir die große Veranstaltung mit dem ehemaligen Wehrmachtsgeneral Hasso von Manteuffel, zu der die FDP ins Haus der Altstadt eingeladen hatte, gesprengt haben. Das war im Juli 1950. Da ist die FDJ mit Fahnen auf die Bühne gestürmt und hat den Mann mit Erfolg am Reden gehindert. Die Polizei war da, um den Manteuffel zu beschützen. Alle FDJler, die in der ersten Reihe standen und auf Fotos identifizierbar waren, haben dafür Strafen bekommen.

Hatten Sie wegen Ihrer politischen Betätigung Schwierigkeiten in der Schule?

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Hanna Eggerath

Und ob. Das politische Klima am Gymnasium war furchtbar. Da bin ich ziemlich untergegangen. 1950 bin ich von der Schule geflogen, weil ich am Deutschlandtreffen der FDJ in Berlin teilgenommen habe. Mein Vater hatte mich ordnungsgemäß für den einen erforderlichen Tag abgemeldet, aber das half nichts. Jupp Angenfort, der dann 1955 fünf Jahre Zuchthaus bekommen hat, machte das öffentlich und hat so dafür gesorgt, dass ich wieder zur Schule gehen konnte. Aber, damit die ihr Gesicht wahren konnten, auf eine andere. Kurz vorm Abitur saß ich dann im Gefängnis. Die sehr liberale Direktorin dieser Schule hat sich dafür eingesetzt, dass ich das Abitur machen konnte.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Deutschlandtreffen?

Das war phantastisch. Für uns war das ein Erlebnis. Berlin war voller Blauhemden, wir fühlten uns da sehr stark. Wenn ich in späteren Jahren in Berlin gewesen bin, habe ich die Stadt im Vergleich immer beinahe als fade empfunden. Die Fahrt nach Berlin war noch ziemlich unproblematisch. 1951 bei den Weltfestspielen mussten wir schon über die grüne Grenze gehen. 1950 gab es nur auf dem Rückweg Schwierigkeiten, weil uns bundesdeutsche Polizisten bei Herrnburg zunächst nicht über die Grenze gelassen haben. Wir sind dann in Zügen abtransportiert worden, die so voll waren, dass man im Stehen schlafen musste.

Stellte sich in Ihrer Familie irgendwann einmal die Frage einer Übersiedlung in die DDR? Zumal der Bruder Ihres Vaters, Werner Eggerath, ja dort nicht ganz ohne Einfluss war.

Ja. Onkel Werner hat seinem Bruder Eugen 1951 vorgeschlagen, nach Berlin zu kommen und am Deutschen Theater zu arbeiten. Mein Vater hat lange überlegt. Am Schluss seiner Überlegungen stand aber: Ich will nicht von Werners Gnaden an ein Theater gebracht werden. So blieben wir in Düsseldorf. Zuletzt war mein Vater Hausmeister im Brücken-Verlag. Ich sehe ihn noch mit rußverschmiertem Gesicht aus dem Kohlenkeller kommen. Er hat sich nie beklagt.

1951 hat die Bundesregierung die FDJ verboten, 1954 hat das Bundesverwaltungsgericht das Verbot bestätigt. Haben Sie die Illegalität als großen Einschnitt empfunden?

Für viele, mich auch, war es selbstverständlich weiterzumachen. Andere sind weggeblieben. Material, Literatur und so weiter haben wir versteckt, die Gruppenabende haben in Wohnungen oder Kellern stattgefunden.

1954 wurden Sie verhaftet.

Ja, im April. Polizisten in Zivil, die sehr unfreundlich waren, kamen in die Wohnung meiner Eltern und nahmen mich mit. Die haben auf einen Zettel geschrieben, was sie mir vorgeworfen haben: Verkauf von Zeitungen für die verbotene FDJ. Leider haben sie auch welche bei mir gefunden. Das war – ich habe noch mal nachgesehen – nicht die Junge Welt, die wir nur sporadisch bekamen. Mir und den anderen haben sie gesagt, die gesamte FDJ Düsseldorfs sei verhaftet worden und alle hätten ausgesagt. Das war natürlich gelogen. Die Untersuchungshaft habe ich auf der Ulm verbracht.

Waren Sie auf eine Verhaftung vorbereitet?

Mein Vater hatte uns beigebracht, dass wir grundsätzlich nichts von dem glauben sollen, was die Polizei uns erzählt. Entscheidend war: Niemanden verraten! Die Polizei wusste natürlich viel. Es gab solche Sachen wie die Schollmeyer-Liste, die ein Funktionär der FDJ, der bei der Landesleitung tätig gewesen war, zusammengestellt hatte. Der hat rund 60 illegal arbeitende Funktionäre ans Messer geliefert, die dann verhaftet und verurteilt wurden oder untergetaucht sind. Einer der Betroffenen war Heinz Blumenthal, der heute 93 ist und, abgesehen von mir, der einzige Düsseldorfer FDJler, der noch lebt.

Ist es der Polizei gelungen, die FDJ lahmzulegen?

Nein. Von denen, die mit in die Illegalität gegangen sind, hat sich kaum jemand zurückgezogen. Als ich aus dem Gefängnis raus war, habe ich mich wieder mit den anderen getroffen. Aber langfristige Folgen hatte das natürlich. Alle, die inhaftiert waren, haben einen ganz erheblichen Knick in ihrer beruflichen Entwicklung gehabt. Ich war offiziell vorbestraft, bin zweimal unter fadenscheinigen Vorwänden aus politischen Gründen entlassen worden und habe in ganz Düsseldorf keine Praktikumsstelle gefunden, die ich brauchte, um mich zur Chemotechnikerin ausbilden zu lassen. Da kursierten richtige schwarze Listen. Dennoch glaube ich nicht, dass es die Verfolgung war, die die kommunistische Bewegung in der Bundesrepublik entscheidend geschwächt hat. Wichtigere Faktoren lagen außerhalb der Einflussmöglichkeiten der KPD. Katastrophal wirkte sich zum Beispiel der Juni 1953 in der DDR aus, auch wenn wir das sehr lange nicht wahrhaben wollten.

Sie kamen 1954 mit zwei Monaten auf Bewährung wegen »Geheimbündelei« und »Rädelsführerschaft« vergleichsweise glimpflich davon.

Ja. Der Hauptangeklagte war Werner Wexel, der eine höhere Strafe gekriegt hat. Wir anderen haben ein oder zwei Monate gekriegt. Das mit der Rädelsführerschaft war natürlich lachhaft. Wir waren allesamt keine Rädelsführer und noch nicht mal im Kreisvorstand.

Was ist aus der Frau und den drei Männern geworden, die mit Ihnen auf der Anklagebank saßen?

Die Frau, Christel Josten, war die Schwester von Werner Wexel, die nur deshalb angeklagt wurde, weil er bei ihr eine Aktentasche mit FDJ-Material untergestellt hatte. Sie hatte mit der FDJ nun wirklich nichts zu tun. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Die anderen sind nicht verlorengegangen, sondern haben weiter politisch gearbeitet. Werner Wexel ist leider früh gestorben.

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Solidaritätsaktion für Inhaftierte vor der Ulm im Jahr 1954

Welche Rolle hat damals die Solidarität im Hintergrund für Sie gespielt?

Eine große. Wichtig war hier der Demokratische Frauenbund Deutschlands, der später genauso wie die KPD verboten wurde. Die Frauen sind zu den Familien gegangen. Viele Eltern, die ja nicht durchweg Kommunisten waren, waren zutiefst erschüttert, weil die Kinder, die zum Teil zu Hause verhaftet worden waren, nun im Gefängnis saßen. Den Eltern wurde erklärt, was man für die Inhaftierten tun kann, wie man Zeitungen bestellt, ein Kopfkissen oder einen Besuch beantragt. Das waren Kleinigkeiten, die aber sehr wertvoll waren. Auch meine Klassenkameradinnen haben mich unterstützt. Sie haben die Unterrichtsfächer untereinander aufgeteilt und mir Mitschriften geschickt. Der Untersuchungsrichter, der alle Briefe zensiert hat, musste so auch den Stoff der Oberprima gründlich durcharbeiten.

Was war das für ein Regime im Gefängnis?

Im Frauentrakt war ich während meiner kurzen Haftzeit die einzige »Politische«. Die Leiterin hat mich ab und zu in ihr Büro geholt, offenbar, um mich aufzurichten. Das war aber gar nicht nötig. Mir war immer bewusst: Meine Mutter hat in diesem Trakt unter den Nazis sechs Monate gesessen. Ich wurde nicht schikaniert. In der Zelle neben mir war eine junge Frau, die wegen eines Diebstahls einsaß. Mit ihr habe ich mich über Klopfzeichen verständigt. Wir sind auch hinterher in Verbindung geblieben. Also, die Haft als solche war keine niederschmetternde Erfahrung.

Als Sie in die KPD eingetreten sind, war die Partei noch legal. Inwiefern unterschied sich die Arbeit dort von der in der FDJ?

Die Partei war in der Stadt zunächst sehr sichtbar. Es gab Demonstrationen und große Versammlungen. Ich erinnere mich an eine Kundgebung im Depot der Rheinbahn. Eine Riesenhalle, und die war voll. In der KPD ging es ernsthafter zu als in der FDJ. Besonders interessant fand ich die Schulungsabende. Nach außen haben wir viel mit Flugblättern gearbeitet. Aber man muss eben auch sagen, dass wir in den Jahren vor dem Verbot keine wirkliche Verbindung mit der Bevölkerung mehr hatten – auch wenn sich die Partei bis 1956 stabilisiert hatte. Wir waren im Grunde isoliert. Später, als ich als Chemielaborantin in Fabriken gearbeitet habe, habe ich nach und nach gemerkt, dass viele hauptamtliche Funktionäre doch nicht so genau verstanden hatten, wie die Arbeiter dachten, obwohl die Losung ja war, das »Ohr an den Massen« zu haben.

Wie haben Sie 1956 das Verbot der KPD erlebt?

Wir haben mit dem Verbot gerechnet, aber, so sehe ich das, nicht damit, dass man über viele Jahre so hart gegen uns vorgeht. Zunächst war es so, dass viele weitermachten, weil die Partei ja in gewisser Weise schon auf einen harten Kern zusammengeschmolzen war. Es gab einzelne Fälle von Überläufern, die wirklich wehgetan haben, wie den eines von uns bis dahin sehr geschätzten führenden Funktionärs der FDJ, der sich öffentlich von der Partei losgesagt und in Artikeln das Gegenteil von dem geschrieben hat, was er vorher gesagt hat.

Ein Höhepunkt der Kommunistenverfolgung in Düsseldorf war der sogenannte Kandidatenprozess, bei dem 15 Frauen und Männer angeklagt waren.

Die 15 hatten als unabhängige Direktkandidaten in Düsseldorfer Wahlkreisen bei der Landtagswahl 1958 antreten wollen. Unterstellt wurde ihnen, dass sie de facto für die KPD kandidiert hätten. Also der Vorwurf war im Grunde, dass sie als Kommunisten überhaupt bei einer Wahl angetreten sind. Auffällig an diesen und anderen Anklageschriften, die ich eingesehen habe, ist übrigens, dass es darin prinzipiell nie um die erklärten Ziele der KPD geht, sondern um eine Interpretation dieser Ziele. Wenn die KPD gesagt hat, sie will den Frieden erhalten oder die Einheit Deutschlands, wurde daraus gemacht: Die Partei will den Bestand der Bundesrepublik gefährden.

Dieser Verfolgungsdruck hielt bis zum Ende der 60er Jahre an?

Ja, bis Brandt Bundeskanzler wurde. Bis dahin gab es immer wieder Prozesse. Und daneben lauter gehässige Kleinigkeiten. Mein Mann, der in der Illegalität Parteifunktionär war, ist jahrelang zu Vernehmungen geladen worden. Von der Partei hat er ein karges Gehalt bekommen, aber mitunter hatten wir wochenlang kein Geld. Wir haben manchmal wirklich Hunger gelitten.

Die Ulm ist inzwischen abgerissen worden. Ist damit die Erinnerung an die Menschen, die in diesem Gefängnis aus politischen Gründen inhaftiert waren, verschwunden?

Es kommt darauf an, wen man da in den Blick nimmt. Noch gibt es ja Angehörige, die sich an all das erinnern. Der Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf hat ein Buch über die Geschichte der Ulmer Höh’ während der Nazizeit geschrieben. Für die Zeit danach gibt es vorläufig nur meine Broschüre.

Gegen Kommunistinnen und Kommunisten wurden bis zum Ende der 60er Jahre weit über 100.000 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Machen Sie sich Hoffnung, dass das irgendwann einmal als politische Verfolgung anerkannt werden wird?

Ich wünsche mir, dass diesen Menschen ihre Würde zurückgegeben wird. Das ist zunächst einmal für Nachkommen und Angehörige wichtig. Und eigentlich müsste es auch eine finanzielle Entschädigung geben. Das fängt schon damit an, dass vielen Kommunisten Entschädigungen für Haft und Verfolgung in der Nazizeit entweder vorenthalten oder wieder entzogen wurden. Dem Düsseldorfer Kommunisten Karl Schabrod, der von 1933 bis 1945 in Konzentrationslagern und Zuchthäusern saß, hat man den Verfolgtenstatus und die damit verbundene Rente aberkannt, weil er sich für die illegale KPD betätigt hat. Mein Vater hatte es für sich gar nicht erst versucht, aber sich bemüht, meiner Mutter eine Entschädigung zu verschaffen. Die Schriftwechsel füllen Aktenordner. Bei meiner Mutter haben die Behörden einfach behauptet, ihre erheblichen gesundheitlichen Schäden hätten nichts mit Verfolgung und Haft zu tun – obwohl es dafür sogar ärztliche Atteste gab. Diese Menschen sind in der Adenauer-Zeit noch einmal dafür bestraft worden, dass sie gegen die Nazis politisch gearbeitet haben.

Hanna Eggerath, … 1935 in Düsseldorf geboren, hat Chemielaborantin gelernt und in diesem Beruf in verschiedenen Fabriken gearbeitet. Sie war Mitglied der FDJ und der KPD. Für ihre heimatgeschichtlichen Forschungen wurde sie 2008 mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnet. Sie lebt in Erkrath

Literaturhinweis: VVN-BdA – Kreisvereinigung Düsseldorf (Hg.), Politisch Inhaftierte in der Nachkriegszeit »auf der Ulm«. Eine Dokumentation von Hanna Eggerath. Düsseldorf 2022

Die Broschüre ist gegen eine Spende von mindestens 5 Euro bei der VVN-BdA erhältlich.
Bestellungen per Mail tramschuh@t-online.de oder tel. 0211/231822

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  • Leserbrief von Helmut Türk-Berkhan aus Rosenheim (23. November 2022 um 18:22 Uhr)
    Hochachtung für den Mut und die Standhaftigkeit! Was leider fehlte, ist die Bezugsquelle, wo man die von Hanna Eggerath verfasste Broschüre mit welchem genauen Titel bekommen kann, das nachzutragen wäre schön und würde sich einige Menschen mehr interessieren und zum Lesen anregen.

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