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Aus: Ausgabe vom 19.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Tagebuch – In dieser großen Zeit

Petruschkes Auftritt in der Maischberger Puppenkiste

Von Pierre Deason-Tomory
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Auf der Suche nach ein paar Cent zum Leben: Pfandsammler

Samstag, 12. November

Die CDU wird das im Bundestag beschlossene Bürgergeld am Montag im Bundesrat blockieren. Graf Dracumerz sieht keine Chancen auf einen Kompromiss, weil die ganze Sache ein Systemwechsel sei. Merken: Zeitenwende erlaubt – Systemwechsel verboten!

Sonntag, 13. November

Sie brauchen Urlaub? Werden Sie Volksvertreter. 44.000 Delegierte der Klimakonferenz retten in Scharm Al-Scheich die Welt. An der Bar und beim Schnorcheln, da gibt’s noch Korallen. Kanzler Scholz schaut sich heute Vietnam, morgen Singapur und übermorgen Bali an.

Für Boris Becker dagegen sind die Ferien im Hotel Garni in London vielleicht bald vorbei, ihm droht Abschiebung und lebenslängliche Wohnhaft in Deutschland. Julian Assange würde den Deal machen, aber die Bundeswerteregierung bietet ihm kein Asyl an. Was hindert sie? Ist unser Selbstbestimmungsrecht aufgehoben? Wenn ja, wo wird es aufgehoben? In einem Tresor in Washington?

Montag, 14. November

Biden hat in Bali nach Ping Pong mit Xi Jinping eine Menge erzählt, aber ich habe nur Bahnhof verstanden. Er spricht jetzt Chinesisch. Wie der späte Jelzin.

Dienstag, 15. November

Die UN haben festgestellt, dass seit heute acht Milliarden Menschen auf der Welt leben. Wenn Dummbums Becker aus dem Knast kommt, werden es ein paar mehr.

Donnerstag, 17. November

Die Aktivisten von der letzten Generation sind keine Extremisten, sagt Verfassungsschutzpräsident Haldenwang. Sie verübten zwar Straftaten, stellten aber den Rechtsstaat nicht in Frage. Im Gegensatz zur CSU. Die steckt Bürger ohne Anklage 30 Tage in den Knast.

Freitag, 18. November

Thema der Woche war das Bürgergeld, auch bei den ständigen Vertretern der BRD in der Maischberger Puppenkiste. Nicht gesendet wurde ein Interview, das die Gastgeberin in der Moabiter Turmstraße mit einem Arbeitslosen geführt hatte.

»Wie heißen Sie?«

»Petruschke.«

»Und mit Vor- und Zunamen?«

»Herr Petruschke.«

»Herr Petruschke, haben Sie mal über eine Umschulung nachgedacht?«

»Nen ollen Dreher mit kaputte Schulter wollnse umschulen? Ssu watt? Ssum Dosenöffner?«

»Finden Sie eine Erhöhung der Regelsätze um 50 Euro angemessen?«

»Die Bundestachsabjeordneten haben sich neulich 300 Euro mehr jenehmigt. Dit würde mia ersma reichen.«

»Die CDU meint, der Staat sollte nur dem helfen, der Hilfe braucht.«

»Ach nee! Kinderjelderhöhung auf 250 Tacken, Tankrabatt und Steuersenkung jabs ooch für alle, sojar im Grunewald.«

»Sind ein halbes Jahr Vertrauenszeit zu lang?«

»Ein Abjeordneter kricht vier Jahre Vertrauenszeit und nie Sanxionn, ooch wenn er die janze Sseit nur Scheiße baut. Denken se ma an den Scheuer mit die Maut, der looft imma noch frei rum!«

»Sind 60.000 Euro Schonvermögen zuviel?«

»Nee, allet jut, brauch ick für mein Personal, dit mir die Flaschen sammeln tut.«

»Finanzminister Lindner will die Zuverdienstgrenzen erhöhen.«

»Mit Ssuverdienste kennta sich aus, wa? Die Abjeordneten ham keen richtjen Job, könn also noch woanders arbeiten jehen. Olle Kubicki macht Extra­knete, weil er Liechtenstein saacht, wie man in Deutschland Steuern hinterssieht. Wissen se wat? Ick vermute, alle Schwarssarbeiter ssusammen kosten dit Land nich so ville wie Kubickis und Scheuers.«

»Herr Petruschke, vielen Dank für das Interview.«

»Macht fünf Euro.«

»Können Sie auf hundert herausgeben?«

»Klar. 95 Mäuse sind 1.187,5 Fandflaschen ssu acht Cent. Wo hamse Ihren Laster stehen?«

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