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Aus: Ausgabe vom 19.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Was ins Mögliche sich dehnt

Endlich wieder inszeniert: Peter Hacks’ Staatsdrama »Jona«
Von Kai Köhler
10_Foto Anja Mikolajetz.jpg
Hier wird in Prosa gesprochen (Ensemblefoto)

Assur, sagt Semiramis, die Königin von Assur, »quillt über von Verschwörungen«: »Und keine unter denen, / An deren Spitze ich nicht leitend wirke. / Man muss auf jeder von den Seiten stehn, / Der des Gewinners und der des Verlierers.« Ist das Geschicklichkeit? Oder, wie es später heißt, nur »Staatsschlaubergerei«, also das Gegenteil von Staatskunst?

Peter Hacks schrieb »Jona« 1986 gegen eine Politik gerichtet, die vor sich hin wurschtelnd bloß an Bestandswahrung denkt und das Handeln nicht von einem künftigen, angestrebten Zustand her bestimmt. Als unverkennbares Anti-Honecker-Stück druckte es zuerst 1988 die Zeitschrift Sinn und Form – nun aber als Pro-Gorba­tschow-Stück. Gegen diese Wendung fügte Hacks einen Essay hinzu, in dem er gegen den sowjetischen Reformer einen machtgestützten Realismus in der Außenpolitik begründete. Davon wiederum distanzierte sich Sinn und Form mittels einer redaktionellen Vorbemerkung.

Man hört Verse

Damals war also allen Beteiligten klar, worum es ging. Heute aber wirkt das Drama für jemanden, der nur die aktuelle Theaterproduktion kennt, befremdlich. Ein in sich geschlossener Verlauf in fünf Akten; fünf Hauptpersonen; und fast alles an Handlung vollzieht sich durchs Sprechen. Es fehlen stimmungshafte Einlagen, Videotricks, gemachte Authentizität. Auf der Bühne findet offenkundig Kunst statt, und alles kommt darauf an zu zeigen, dass diese Kunst die Welt meint.

Die Theater haben sich dieser Herausforderung bislang entzogen. Nach der Wuppertaler Uraufführung unter der Regie von Marc Pommerening ist die neue Inszenierung von Jens Mehrle erst die zweite des Dramas. Entsprechend ungewohnt ist die Sache. Zu Beginn – im Simonetti-Haus in Coswig am 13.11. – sieht man auf der Bühne Bewegung mit höfischem Pomp. Das ist gewagt. Der Kontrast zwischen offiziellem Auftritt und intimem Gespräch ist wichtig für diesen Bühnenabend. Das Private ist eben nicht das Politische. Und man hört Verse. Wirklich als Verse gesprochen! Und nicht als Peinlichkeit vernuschelt, wie sonst so häufig, wenn sich doch noch mal ein Shakespeare oder ein Schiller unter die gängigen Romanadaptionen verirrt hat.

Mehrle wagt das einzig Sinnvolle: Er lässt sich auf die Ästhetik des Dramas ein. Man gewöhnt sich bald an die hohe Ebene. Wenn Semiramis ihre Tochter Asyrte und ihren Feldherrn Eskar zum Gegenstand ihrer Intrigen macht und so das Liebespaar beinahe auseinanderbringt, dann wirkt das bewegend – gerade weil es gemessen ausgedrückt wird. Das Private ist eben doch nicht unberührt vom Politischen zu haben, was man aber nur versteht und empfindet, wenn man die beiden Bereiche als je eigene begriffen hat.

Über der hohen Ebene gibt es die niedere des Propheten Jona. Hier wird in Prosa gesprochen. Jona freilich ist von Gott gesandt, um über die Stadt der Semiramis zu richten. Gerade das scheinbar harmlose Geplauder entscheidet. Jona – Nachfahr theatralischer Narrenfiguren – klagt, kommentiert, greift manchmal ins Geschehen ein. Hacks legt ihm viele seiner guten Witze in den Mund. Jona ist aber auch zuständig fürs Umschlagen vom Komischen ins Bewegende.

Schlaue Gedanken

All dies stützt sich auf die Bühnenpräsenz von Vera Kreyer als Semiramis, Para Kiala als Jona, Sabine Böhm als Asyrte, Michael Hase als Eskar und Maria Strauss als Belit, Vertreterin des barbarischen Staats Ararat am Hofe. Belit nun handelt – ganz anders als Semiramis – so verführerisch wie entschieden. Die Reaktion weiß oft besser als der Fortschritt, was sie will.

Als Wanderaufführung kommt die Inszenierung mit einem Minimum an Requisiten aus. Ein Vorhang für Auftritte, sonst nur ein riesiges Kürbisblatt, das für Jona wichtig wird. Lassen sich Einwände erheben? Vielleicht gegen die Gestaltung der Semiramis, die allzu früh als Schurkin erkennbar wird, wo doch Hacks ihr, wenn nicht kluge, so doch immerhin schlaue Gedanken in die Rolle geschrieben hat. Propaganda zu durchschauen kostet aber Mühe: Auf welcher Seite findet sich heute »Staatsschlaubergerei«, und wo die Staatskunst, die »ins Mögliche sich dehnt«?

Nach Aufführungen in Zerbst und im Simonetti-Haus Coswig noch in Wittenberg (Phönix Theaterwelt, 19., 20.11.), Dessau (Kornhaus, 25–27.11., Altes Theater 30.11.), Bitterfeld-Wolfen (Campus Hörsaal, 9.12.) zu sehen

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