75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Thursday, 1. December 2022, Nr. 280
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 18.11.2022, Seite 15 / Feminismus
Frauenfeindliche Ausbeutung

Ohne Rechte

Arbeitsmigration: Kenianische Frauen vor allem in Saudi-Arabien als Hausangestellte Gewalt und Misshandlungen ausgesetzt
Von Lorna Likiza, Mombasa
15.jpg
Zielland Libanon: Hunderte Arbeitsmigranten demonstrieren in Beirut gegen das Kafala-System (5.5.2019)

Es vergeht kein Monat, ohne dass die Notlage einer Hausangestellten kenianischer Herkunft in Saudi-Arabien in den sozialen Netzwerken des ostafrikanischen Landes thematisiert wird. Die Zahl der offiziell als arbeitslos registrierten Kenianer hat sich seit 2016 verdoppelt. Kenia, das gerne der wirtschaftliche Riese Ostafrikas genannt wird, hat sich zum Land mit der höchsten Arbeitslosenquote in der Region entwickelt. Hinzu kommt, dass eine große Zahl im informellen Sektor ohne reguläre Arbeitsverträge beschäftigt ist.

Die 24jährige Diana Chepkemoi musste ihr Studium an einer kenianischen Universität aus finanziellen Gründen abbrechen, um ihre kranke Mutter und ihre Geschwister zu unterstützen. Mit Hilfe eines saudischen Arbeitsvermittlers in Kenia gelang es Chepkemoi, einen Zweijahresvertrag mit der Aussicht auf ein unversteuertes Gehalt bei einer der privilegierten Familien in Saudi-Arabien zu bekommen. Mehr als ein Jahr später, im September 2022, teilte ein Verwandter von ihr auf Twitter Bilder einer abgemagerten Diana. Wie viele vor ihr wurde die junge Frau Opfer der Misshandlung durch die Familie, für die sie arbeitete – die Fotos waren ein letzter Hilferuf. Der Tweet erregte das nötige Interesse an ihrer Notlage, und der Hashtag »Lets Bring Diana Home« trieb die Sache weiter voran. Chepkemoi wurde gerettet, erhielt ein Stipendium für den Abschluss ihres Studiums und einen Arbeitsplatz – ein seltenes ­Happy-end.

Traum geplatzt

Die 26 Jahre alte Miriam Hannah Njeri hatte nicht soviel Glück. Ihrem Ehemann Jackson Karanja zufolge hatte Njeri Kenia im April 2021 verlassen, nachdem sie an einer dreiwöchigen Schulung in der Stadt Thika nördlich von Nairobi teilgenommen hatte. Organisiert wurde sie von dem Agenten, der ihr die Reise nach Saudi-Arabien ermöglichte. Offenbar war Njeri von Freunden überredet worden, einen Job im Königreich anzunehmen, in der Annahme, dass sie gut bezahlt würde. Wie Chepkemoi erhielt auch Njeri einen Zweijahresvertrag und hoffte, nach ihrer Rückkehr in Kenia ein Geschäft eröffnen zu können, der Traum vieler junger Frauen. Daraus wurde jedoch nichts.

Kurz vor ihrem Tod am 19. August wandte sich Njeri an ihren Mann und bat um 40.000 Kenia-Schilling (etwa 340 Euro). Sie wollte zurückkehren, weil sie in einer Abschiebeeinrichtung, in der sie eine Woche lang untergebracht war, unter Misshandlungen, Nahrungsmangel und den unhaltbaren hygienischen Zuständen litt, wie er der kenianischen Zeitung The Nation schilderte. Eine daraufhin gesendete Nachricht ihres Mannes blieb zwei Tage unbeantwortet, dann erfuhr er von ihrem Tod – ihre Leiche wurde auf dem Boden einer Polizeistation in der saudischen Hauptstadt Riad gefunden. Njeri hinterlässt drei Kinder.

Berichte von Betroffenen zeigen, dass die Vorgehensweise ähnlich ist: Bei der Ankunft am Flughafen in Riad werden den Frauen die Pässe und Mobiltelefone abgenommen. Dann beginnen quälende Arbeitstage, oft einhergehend mit Erniedrigungen und Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen und Tod. Dies wird durch das in den meisten Ländern des Nahen Ostens und in den Golfstaaten bestehende Kafala-System begünstigt – ein rechtlicher Rahmen, der die Beziehungen zwischen Arbeitsmigranten und ihren Arbeitgebern über eine Bürgen regelt. Das ist meist der »Arbeitgeber« selbst, kann aber auch ein Verwandter sein. Die Vereinten Nationen betrachten dieses System als intransparent. Sein Zweck ist es, billige und ausreichende Arbeitskräfte für diese Länder bereitzustellen.

Kenianischen Statistiken zufolge wandern jährlich schätzungsweise 30.000 Kenianer zum Arbeiten in diese Region aus. Angesichts der zunehmenden Berichte über Misshandlungen räumten die kenianischen Behörden im Mai 2022 ein, dass seit November 2021 mindestens 23 Hausangestellte bei ihrer Arbeit ums Leben gekommen waren, die meisten davon in Saudi-Arabien. Um dies zu verhindern, haben die Behörden in diesem Jahr damit begonnen, Hausangestellte, die in der Region arbeiten, über ihre Rechte aufzuklären. Am 16. September verkündete das Arbeitsministerium Maßnahmen, um den Schutz kenianischer Arbeiter und insbesondere Hausangestellter in Saudi-Arabien zu gewährleisten. Darunter die Einführung eines Lohnschutzprogramms und einer Notrufnummer für Sicherheitsdienste.

Täter-Opfer-Umkehr

Das Königreich hatte im vergangenen Jahr zwar ebenfalls eine »Reform« des Systems in Kraft gesetzt, die es Angestellten ermöglichen soll, ihren »Arbeitgeber« zu wechseln, und Verfahren für die Ausreise vorsah, im Jahresbericht 2021 von Amnesty International wurde jedoch deutlich, dass Hausangestellte im Königreich nach wie vor vom Schutz durch die Arbeitsgesetze des Landes ausgeschlossen sind und ihre Rechte und Freizügigkeit weiterhin von den »Arbeitgebern« kontrolliert werden.

Die Versuche der kenianischen Regierung, etwas gegen die unhaltbare Situation zu unternehmen, blieben allerdings nicht frei von einer Täter-Opfer-Umkehr. So gab der Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, Kamau Macharia, im September vor dem Parlament den betroffenen Frauen selbst die Schuld an ihrer Situation. Grund sei ihre mangelnde Unterwürfigkeit gegenüber ihren »Arbeitgebern«, »wenn sie in diese Länder gehen, wo sie einen Vertrag haben, wie zum Beispiel in Saudi-Arabien, wo die Traditionen der Hausarbeit sehr alt sind«. Kenias Frauen sollten die Diasporaerfahrung statt dessen als »eine aufregende und positive Erfahrung« sehen, die der Zentralbank zufolge 187 Millionen US-Dollar in den ersten acht Monaten dieses Jahres eingebracht hat. Die jährlich zwischen 80 und 100 Toten seien zwar tragisch, so Macharia, »aber angesichts der drei, vier, fünf Millionen Menschen in der Diaspora ist das die Art von Tod, die man auch zu Hause finden würde«.

Seine Bemerkungen haben damit noch Öl ins Feuer der Diskussion gegossen und relativieren die vielen nachgewiesenen Fälle von Frauen aus Kenia und anderen ostafrikanischen Staaten, die Gewalt und Misshandlungen erdulden müssen. Skrupellose Arbeitsvermittler verdienen derweil im Land weiterhin Tausende von Schillingen mit der Anwerbung von Mädchen und Frauen für die Arbeit im Nahen Osten.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Mehr aus: Feminismus

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk