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Aus: Ausgabe vom 18.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Wo ist die Bar?

Glattpoliert: Das Album »The Car« der britischen Band Arctic Monkeys
Von René Hamann
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Großenkel Frank Sinatras: Arctic Monkeys (2022)

Sie haben sich für die siebziger Jahre entschieden. Für Eleganz und große Gesten, für Gefühl und Rausch, für Melancholie und Raum. Für Geigen und Hollywood, für Fender Rhodes und ein fett produziertes Schlagzeug, das jazzig klingt. Wer die Arctic Monkeys aus Sheffield von ihren Anfängen her kennt, von den vertrackten, gleichwohl schnellen Indietracks mit Schmiss und pointiertem Blick auf Alltag und Gesellschaft, der wird sich wundern, wohin die Reise der Monkeys ging, und sich auch fragen, warum. Der Weg des Ruhms? Ein Verrat an der Herkunft?

Glamouröses Kalifornien statt schmutziges England, Liebesdrama statt Arbeiterklassenrealismus – das ist allerdings nun auch schon eine Weile der Fall bei den ursprünglich vier Freunden aus der englischen Subkultur. Inzwischen sind sie Rockstars mit L.-A.-Verbindung, die unter der Diskokugel des Lebens stehen. »I Ain’t Quite Where I Think I Am« bescheiden sie sich im gleichnamigen zweiten Stück.

»The Car« heißt das neue Album, ihr insgesamt siebtes, das erste nach dem ersten Best-of und das erste, das in ihrer Heimat England nicht die Nummer eins der Albumcharts war. Womit sozusagen das Alterswerk eingeläutet wäre. Schon witzig bei einer Band, die 2006 noch aus lauter 20jährigen bestand. Es ist, das kann man jetzt schon sagen, kein Meisterwerk, kein Meilenstein wie die frühen Alben. Es ist der Beginn des Alterswerks. Ein Rückblick ohne Rückblick, ein Verhandeln verflossener Liebesbekanntschaften, mit John-Lennon-Klavier (und einem »Abbey-Road«-Gitarrenausklang) in »Body Paint« und cheesy Synthies in »Hello You«, das die Yacht (Yacht wie in Yachtrock) in den Hafen der frühen Achtziger steuert. Insgesamt ein schicker Nostalgiesound, alles rund, alles stimmig – aber wen holt das heutzutage noch ab?

Das sind »Lieder für Bars und Lounges«, meint der Musikexpress. Was es ganz gut trifft, wenn man an alte Hotels jenseits von Ibis und Hilton denkt. Doch wenn man sich – nur mal so zum Vergleich – das Oeuvre eines Bryan Ferry dagegen anhört, fällt auf, dass den Arctic Monkeys inzwischen die subversive Radikalität abgeht; dass ein, zwei, viele Dandyleben beschworen, aber nicht deren miese Schattenseiten ausgelotet, nicht abgefeiert, nicht überhöht werden. Es ist nicht viel da außer der Barmusik selbst. Nicht einmal die Bar. Es gibt keine Dekadenz, nicht mal im Sound. Alles ist glattpoliert.

Clever ist die Musik natürlich trotzdem. Die Soundzitate kommen aus allerlei abstrusen Richtungen, Breaks und Aufbau können immer mal überraschen, und das Streichorchester gibt volles Rohr. Getanzt wird immer noch, wenn auch überwiegend meta.

Und doch – es tut mir leid. Es war zehnmal aufregender, als »Brianstorm« im Radio erklang, damals, 2007, die neue Single zum schwierigen zweiten Album, »Favourite Worst Nightmare«. Als man noch im alten, mittleren »­White Trash Fast Food« in »Bitte, Berlin-Mitte« einmal durch die CD hören durfte und dann taub einen Text darüber schreiben. Das Zackige wird man vermissen. Und Sänger und Exjüngelchen Alex Turner als den Crooner zu hören, der er gerne sein möchte, als der irgendwie coolere Robbie Williams oder als der Großenkel von Frank Sinatra, nun ja. Das Las-Vegas-Album kommt als nächstes.

Arctic Monkeys: »The Car« (Domino)

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