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Aus: Ausgabe vom 17.11.2022, Seite 15 / Medien
ARD & ZDF

Das Undenkbare sagen

Tom Buhrow löst privat das ARD-Problem. Und stellt eine Fusion mit dem ZDF in den Raum
Von Pierre Deason-Tomory
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Da steht er und kann nicht anders: Tom Buhrow (6.11.2014)

»Ich habe gesehen, welche Gefahren drohen, wenn Länder keinen oder nur einen schwachen gemeinnützigen Rundfunk haben. Ob in den USA oder in Osteuropa.« Diese Zeichen malte der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow im Hamburger Überseeklub an die Wand. In seiner Rede »als Privatmann« am 2. November vor den hohen Herren im Amsinck-Palais machte er Vorschläge für eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR), damit uns osteuropäische Verhältnisse erspart bleiben. Er denkt dabei an die Abschaltung von Radiosendern – die ARD betreibt 64, da gebe es »einiges doppelt«. Und Buhrow drohte dem ZDF mit Fusion: »Die erste Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Will Deutschland weiter parallel zwei bundesweite, lineare Fernsehsender?«

CDU sieht sich bestätigt

Nachzulesen war die Rede in Auszügen in der FAZ, ZDF-Intendant Norbert Himmler reagierte nach der Lektüre irritiert: »Ich finde es wichtig, dass wir auch im publizistischen Wettbewerb sind.« – »ARD und ZDF zerschlagen? Nur zu!« jubelte dagegen die Osnabrücker Zeitung. »Der Verzicht der ARD auf Winnetou-Filmklassiker und das Pushen einer Gendersprache gegen den Widerstand einer Mehrheit der Bevölkerung sind Ausdruck einer Entfremdung zwischen Sendeanstalten und Publikum.« Die WAZ kommentierte: »Buhrow irrt, wenn er sagt: ›Deutschland scheint uns in zehn Jahren nicht mehr in dem Umfang zu wollen wie heute.‹ Denn immer mehr Menschen wollen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schon heute nicht mehr.«

Die notorisch GEZ-aggressive CDU Sachsen-Anhalts sieht sich in ihrer Forderung nach einem schlanken ÖRR bestätigt. FDP-Bundesfinanzminister Christian Lindner nannte die Rede einen Meilenstein: »Herr Buhrow spricht das bisher Unsagbare und Undenkbare aus.« Bodo Ramelow mahnte im Spiegel: »Das öffentlich-rechtliche Medienangebot zu stabilisieren heißt, es in sich verändernden Zeiten auch neu zu denken.« Er denkt schon länger neu. Gleich nach seinem Amtsantritt 2014 präsentierte sich der Thüringer Ministerpräsident im kommerziellen Regional-TV mit seiner eigenen Show »Ramelow und Co.«.

Ungefähr so, wie es sich Ramelow eingerichtet hatte, stellte sich Konrad Adenauer die Zukunft des Fernsehens vor. Er war unzufrieden mit der föderalen ARD, die sich von Bonn aus nicht »reformieren« ließ, und verlangte nach einem eigenen Programm. So gründeten der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und die Zeitungsverleger Ende der fünfziger Jahre die Freies Fernsehen Gesellschaft (FFG), einen privaten TV-Sender, der BRD-weit und Richtung DDR ausstrahlen sollte. Als das Bundesverfassungsgericht den Plan 1961 kassierte, machte man das ZDF daraus, das die Unionspropaganda immerhin zuverlässiger bediente als der »Rotfunk«. Ab den achtziger Jahren wurde länderweise der Privatfunk durchgesetzt, doch die ARD verschwand immer noch nicht von der Bildfläche. Buhrows »unsagbarer« Fusionsvorschlag wäre geeignet, dieses Problem endlich zu lösen.

Ausgedünnt und definanziert

Die Zusammenlegung von ARD und ZDF würde nicht zur Abschaltung des ZDF führen, sondern zur ZDFisierung des Ersten und der dritten Programme in irgendwelchen Nischen. Wenn die Öffis ausgedünnt und definanziert wären, müssten die großen Verlage, die in ihren Blättern Wind machen wegen GEZ, Genderwahn, Winnetou, Intendantenbezahlung und Staatsnähe, künftig Quoten, Umsätze und Meinungsführerschaft nicht mehr teilen. Zustände wie in den USA und in Osteuropa, könnte man mit Buhrow sagen.

Just einen Tag vor dessen Rede hat Volker Lilienthal im Journalist, der Zeitschrift des Deutschen Journalistenverbandes, eine ÖRR-Reform demokratisch gedacht. Der Hamburger Journalismusprofessor will »über eine neue Repräsentanz des Publikums in den Gremien den Einfluss von Verbänden und Parteien« zurückdrängen. Die Direktorin des Grimme-Instituts, Frauke Gerlach, schlägt im Journalist vor, durch »die Entwicklung transparenter Beteiligungsformate die Partizipation gesellschaftlicher Gruppen sowie der Bürgerinnen und Bürger sicherzustellen«. Und MDR-Rundfunkrat Heiko Hilker ergänzt: »Wenn die Gremien staatsfern sein sollen, dann dürfen keine Regierungsvertreter in den Gremien sein.«

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