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Aus: Ausgabe vom 17.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Bruch in allem

Zum Tod des Musikers und Sängers Kristof Schreuf
Von Michael Saager
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»Aber vom Kopf bis zu den Zehen / Bin ich ein Riss, ich will durch Wände gehen« – Kristof Schreuf (1963–2022)

Wie war das damals? Woher hatte ich die Platte? Ich kann mich nicht erinnern. Könnte sein, dass sie mir ein Freund, der schon auf dem Gymnasium Hüsker Dü und andere coole US-Punk-Bands hörte, der Proust las und ein As in Mathe war, vertrauensvoll in die Hände gedrückt hat. Musst du hören, Micha. Das tat ich, ziemlich oft sogar, denn »Heile Heile Boches« aus dem Jahr 1989, das Debüt von Kristof Schreufs toller Band Kolossale Jugend, es half.

Endlich raus aus der Pubertät – und immer noch alles scheiße. Anlasslose Frustration? Nicht ganz. Ich hätte sogar unsere Katze gehasst. Aber wir hatten keine. Mein kleiner Bruder hörte New Model Army nach der Schule. Oder Sisters of Mercy. Das Grauen. Ich hörte Kolossale Jugend, hörte vor allem und immer wieder den Song »Bessere Zeiten«, liebte die Melodie, die Gitarre, die ein bisschen klingt wie »I Wanna Be Your Dog« von den Stooges, das ich damals selbstverständlich nicht ­kannte. Großartigen Schrammelgitarrenkrach machte die Band aus Hamburg. Schreuf vor allem, der mit seiner Stimme mehr sägte als zu singen, der konzentriert lärmte, drängend insistierte, aber erstaunlicherweise nicht wirklich wütend, eher ein bisschen melancholisch klang. Der Mann erzählte seltsame Dinge: »Bruch in allem, pausenlos / Fetzen auf dem Tisch im Haus / Bessere Zeiten klingt gut / Bessere Zeiten klingt gut / Jede Flasche lebe hoch.« Erratisches, kryptisches Zeug, möglicherweise was für Insider. Dass sich der Sinn der Worte nicht entschlüsseln, die Weise des Vortrags jedoch keinen Zweifel am Ernst der Sache aufkommen ließ, war eine willkommene Einladung zur Projektion. Man konnte mitsingen, mitschreien, die bedeutungsoffenen Sätze weiterdenken, vermischen mit eigenen Gefühlen. Die reine Leidenschaft. Und ein beinahe schon körperliches Ventil. Bessere Zeiten? Fickt euch alle.

»Bessere Zeiten« hörte ich weiter, durch die Jahre. Oder entdeckte ich den Song immer wieder neu? Hervorgeholt wurde die Platte, als Schreuf mit seiner zweiten Band Brüllen Ende der 90er unterwegs war. Legendär die Zeile: »Was ich noch zu sagen hätte / Dauert eine Zigarrettenfabrik.« Wäre einem wie Reinhard Mey nie in den Sinn gekommen, dass die Welt der Gedanken länger qualmen könnte als eine Zigarette lang. Und dann hörte ich meinen Lieblingssong noch einmal ziemlich oft im Jahr 2010, da hatte Schreuf gerade das Soloalbum »Bourgeois With Guitar« veröffentlicht, auf dem kaum Deutsch gesungen wird. Im sagenhaft schönen Titelstück der von Produzent Tobias Levin mit magischen Kräften zum Fliegen durch weite Räume gebrachten Platte, aber doch. Da heißt es bildhaft geheimnisvoll: »Ich bin ein Bourgeois / With a guitar / Ich sehe aus wie ein Mensch / Damit man mich erkennt / Aber vom Kopf bis zu den Zehen / Bin ich ein Riss, ich will durch Wände gehen.« Und vielleicht sind das die schönsten Zeilen Schreufs. Die runtergekühlte (Nicht-)Wut aus »Bessere Zeiten« ist da weit weg. Und jetzt, seit vergangenem Mittwoch, der Mensch Kristof Schreuf auch. Er starb, mit 59 Jahren, überraschend in Berlin. Es fühlt sich seltsam an. Und ganz falsch.

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