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Aus: Ausgabe vom 17.11.2022, Seite 8 / Ausland
Preisstopp für Treibstoff

»Busfahrer in Guatemala ist ein verdammt gefährlicher Beruf«

Beschäftigte im Transportwesen streiken wegen schlechter Arbeitsbedingungen und steigender Preise. Ein Gespräch mit Homero Fuentes
Interview: Thorben Austen, Quetzaltenango
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Die Spuren des Mordes an einem Busfahrer in Guatemala-Stadt (2010)

Seit Montag streiken in Guatemala Busfahrer und andere Beschäftigte im Transportwesen. Sie blockieren dabei Verkehrswege, teilweise auch wichtige Fernstraßen. Was sind die Gründe für Ihren Protest?

Wir haben bereits vor über einem Monat eine Petition an die Zentralregierung verfasst, in der wir sie auffordern, eine Obergrenze für die Treibstoffpreise festzulegen. Darüber hinaus fordern wir die Senkung der stark gestiegenen Preise für Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs, die der gesamten Bevölkerung schwer zu schaffen machen. Wir gehen aber davon aus, dass ein Preisstopp bei Treibstoffen sich stabilisierend auf die anderen Bereiche auswirkt. Vor einem Monat haben wir mit einer Protestkarawane in verschiedenen Orte im Land versucht, dieser Forderung Gehör zu verschaffen. Die Regierung hat aber nicht reagiert, weswegen wir jetzt landesweit zu Streiks aufgerufen haben.

Am Montag begannen die Proteste, am Dienstag wurden sie unterbrochen, am Mittwoch wieder fortgesetzt. Was war passiert?

Am Montag in den Abendstunden hatte die Regierung Gesprächen zugestimmt. Eine ihrer Bedingungen war, dass wir den Streik abbrechen. Wir beschlossen daher, die Proteste vorübergehend auszusetzen. Am Dienstag haben Gespräche zwischen der Kommission der Transportunternehmen auf der einen und dem Minister für Bergbau und Energie sowie anderen Regierungsvertretern auf der anderen Seite begonnen. Diese verliefen ergebnislos. Wir konnten keinen Willen von seiten der Regierung sehen, eine Lösung zu finden, weswegen die Gespräche letztlich abgebrochen wurden. Nun setzen wir unseren Protest fort, um den Druck zu erhöhen.

Wen repräsentiert die Kommission der Transportunternehmen?

Alle Unternehmen im Transportwesen, die mit dem Betreiben von Bussen, Taxis, Tuc Tucs oder Schwertransporten ihr Geld verdienen.

Haben Sie als Kommission der Transportunternehmen auch internationale Kontakte?

Ja, wir stehen in Verbindung mit Kommissionen der Transportunternehmen in Zentralamerika. Mit den Kollegen tauschen wir uns regelmäßig aus.

Neben den genannten Preissteigerungen: Welche weiteren Probleme existieren für Beschäftigte im Transportwesen, etwa bezüglich der Arbeitsbedingungen?

Die Arbeitsbedingungen, gerade die der Busfahrer, sind sehr prekär. Jeder Busfahrer arbeitet im Auftrag eines Unternehmens, aber auf eigene Rechnung. Die Stadtverwaltungen und die Landkreise vergeben Konzessionen an einzelne Firmen, die jeweils eine Linie bedienen, und legt die Fahrpreise fest. Der Fahrer, der meist auch Besitzer des Busses ist, muss von den Tageseinnahmen die laufenden Kosten für sein Fahrzeug bestreiten, eine Quote an den Unternehmer abgeben, etwaige Helfer bezahlen, die beispielsweise für das Kassieren des Fahrgeldes zuständig sind – und er muss nicht zuletzt seinen eigenen Lebensunterhalt davon decken. Da kann es nicht überraschen, dass viele Busse in einem schlechten Zustand sind – es bleibt schlicht kaum Geld für ihre Wartung.

In der Lokalpresse ist immer wieder von Morden an Busfahrern zu lesen. Diese sollen in Zusammenhang mit Erpressungen durch kriminelle Banden stehen.

Das ist ein weiteres Problem. Nahezu alle Kollegen müssen sogenannte Abgaben, also Schutzgeld, an die Banden zahlen. Tun sie das nicht, werden sie bedroht und im schlimmsten Fall auch ermordet. Da kommt es zu regelrechten Hinrichtungen am hellichten Tag. Busfahrer in Guatemala ist ein verdammt gefährlicher Beruf.

Die Lebensrealität vieler Menschen in Guatemala ist schwer. Fast 60 Prozent leben laut aktuellen Zahlen der Weltbank in Armut. Was muss sich ändern im Land?

Das ist ein sehr komplexes Thema. Aus unserer Sicht sind die Beschäftigen im Transportwesen, sei es im Personenverkehr oder im Gütertransport, ein Motor der Ökonomie in Guatemala. Nur ziehen sie selbst wenig Nutzen aus dieser Situation.

Homero Fuentes ist Mitglied der Kommission der Transportunternehmen in Quetzaltenango

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