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Aus: Ausgabe vom 16.11.2022, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Befreiungstheologie

Von Horsta Krum
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International der bekannteste Vertreter der Befreiungstheologie: Ernesto Cardenal (Aufnahme aus dem Jahr 2007)

Die Befreiung israelitischer Sklaven in Ägypten steht am Anfang der jüdischen Religion. Sie zieht sich durch die gesamte Bibel wie ein roter Faden. Wieweit es sich um ein historisches Ereignis handelt, ist nicht wichtig. Diese Befreiung hat Juden und Christen immer wieder getröstet und ermutigt, etwa die hugenottischen Galeerensträflinge, die der französische Sonnenkönig in seine Kolonien schickte, oder die afroamerikanischen Sklaven in den USA.

Nach 1945 gerieten die seit längerem unabhängigen lateinamerikanischen Länder, einst kolonisiert durch südeuropäische katholische Länder, in immer größere wirtschaftliche Abhängigkeit. Die USA und ihre westeuropäischen Verbündeten fürchteten das Erstarken von nationalen Bewegungen und verhalfen Regierungen an die Macht, die verhindern sollten, dass diese Länder selbst über ihre Rohstoffe, agrarischen Produkte, ihre Kultur und außenpolitische Orientierung bestimmen. Unter diesen Regierungen wurde der soziale Graben tiefer, das Elend der Armen größer. Die Bevölkerungen dieser Länder gehörten zumeist der katholischen Kirche an und suchten bei ihr Schutz, versammelten sich in Basisgemeinden, ausdrücklich unterstützt von der lateinamerikanischen Bischofskonferenz. So konnte der brasilianische Theologe Leonardo Boff sagen, dass Religion kein Opium mehr ist, sondern ein Faktor der Befreiung.

Ernesto Cardenal, Priester in Nicaragua und einer der bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie, zeichnete Zusammenkünfte einer Basisgemeinde auf: Jemand aus der jüngeren Generation, der lesen kann, liest aus der Bibel den Text über die letzte Mahlzeit, die Jesus mit seinen Freunden teilt, bevor er am Kreuz hingerichtet wird. Ein Teilnehmer stellt fest, dass es sich offensichtlich um ein subversives Treffen handelt. Cardenal erklärt, dass diese Festmahlzeit jedes Jahr im Frühling an die Befreiung der israelitischen Sklaven und ihren Auszug aus Ägypten erinnern soll. Schon vorher hatten die Sklaven den Frühling als Erneuerung des Lebens mit einer Festmahlzeit gefeiert. »Und einmal erhielt einer ihrer Führer, Moses, die Botschaft Jahwes, sie sollten es in der Wüste feiern. Und sie zogen aus und kamen nicht zurück (…). Es war der Übergang in ein neues Reich der Freiheit. Jahwe schloss einen Bund mit dem Volk, in dem das Volk sich verpflichtete, ihm und seiner Befreiung treu zu bleiben, d. h. frei zu bleiben.«

Aber es geht nicht nur um Vergangenes: »Sie sollten sich immer bewusst bleiben, dass die gleiche Kraft, die sie in der Vergangenheit befreite, sie auch in Zukunft befreien würde: von anderen Arten von Imperialismus und auch von der inneren Unterdrückung der einen Klasse durch die andere.« (Wenn die Befreiungsbewegung von »Volk« spricht, meint sie, genau wie die Bibel, die Armen.) Als Jesus das Fest feierte, handelte er wie damals Mose: »Er begann einen neuen Bund des Volkes mit der gleichen Kraft, die es aus Ägypten befreit hatte.« Zur Erinnerung an diesen neuen Bund feiert die Kirche mit Brot und Wein die Kommunion, Eucharistie. »Als Jesus seinen Jüngern die Kommunion gab, Brot, das die Nahrung ist, und Wein, der die Freude ist, und sagte, es sei sein Leib und sein Blut, also sein Leben, meinte er, dass wir uns genau wie er für die Armen hingeben sollen.«

So grob diese verkürzte Wiedergabe ist, zeigt sie doch die intensive Suche nach einem neuen, direkten Bibelverständnis in enger Verbindung mit einer neuen Praxis: der Revolution als Befreiung vom Imperialismus. Wer die »Nachtgespräche mit Fidel« liest, aufgezeichnet vom brasilianischen Theologen Frei Betto, versteht, warum die Basisgemeinden mit so viel Hoffnung und Begeisterung auf das revolutionäre Kuba schauten – zumal in den anderen lateinamerikanischen Ländern etwa 900 Ordensfrauen, Priester, Bischöfe und Laien ihr Engagement für die Befreiung mit dem Leben bezahlten.

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