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Aus: Ausgabe vom 16.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Eine Ahnung von Winter

Alte Hasen, frischer Pop: Phoenix’ neues Album »Alpha Zulu«
Von Christina Mohr
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Popstreber? Ja, aber tolle: Phoenix (Lissabon, 2017)

»I’m no prophet / I’m your friend / Take my advice / Make your own mistakes«, singt Thomas Mars und spricht damit nicht von sich in erster Person: Der bereits vor zwei Jahren für den Soundtrack von Sofia Coppolas Film »On The Rocks« aufgenommene Track ist eine Hommage an den 2019 gestorbenen Producer und Elektromusiker Philippe Zdar, der mit Mars’ Band Phoenix an deren Debütalbum »United« und ihrem vielleicht bestem Album »Wolfgang Amadeus Phoenix« gearbeitet hatte. Gemeinsames Schaffen prägt natürlich, und für eine Weile schien es gar, als hätten Phoenix nach Zdars Tod ihr Mojo verloren, weil sein Einfluss auf die Band so stark war. »Man kann sich nicht von Philippe trennen, wenn man mit ihm zusammengearbeitet hat. Er ist ein großartiger Produzent und Therapeut«, so Mars kürzlich in einem Interview.

Während der Lockdown-Zeit 2020 bot sich für die Band aus Versailles die Möglichkeit, in einem zum Studio umfunktionierten Raum des Musée des Arts décoratifs zu arbeiten, welches sich im Nordwestflügel des Louvre befindet. Die Vorstellung, in solch ehrwürdiger, möglicherweise lähmender Umgebung Popmusik aufzunehmen, kam den vier Musikern zunächst seltsam vor, doch dann schlug das Unbehagen in Begeisterung um – weil sich die Museumsräume in herrlichster Unordnung befanden. Ein der Kreativität offenbar förderliches Setting, denn laut Gitarrist Christian Mazzalai sprudelten die Stücke nach anfänglichen Schwierigkeiten nur so aus Phoenix heraus. Fürs Album »Alpha Zulu« kuratierten Mars, Mazzalai, Laurent Brancowitz (Gitarre) und Schlagzeuger Deck D’Arcy zehn Songs, die so dynamisch, frisch und catchy klingen, als wären Phoenix nicht schon seit gut 25 Jahren zusammen, sondern von ihrer Vision beflügelte Newcomer. Gleichzeitig aber auch versierte alte Hasen, die genau wissen, wann die Synthies eher in Richtung hedonistischen Frenchpops (»Artefact«) oder rauerer Techno-Anmutung (»All Eyes On Me«) geschraubt werden müssen.

Noch nie hatten Phoenix Gastmusikerinnen und -musiker eingeladen; dass nun auf der Single »Tonight« Vampire Weekends Ezra Koenig mitsingt, ist so ungewöhnlich wie schlüssig. Beiden Bands haftet der – immer ein wenig spießig wirkende – Vorwurf des »Popstrebertums« an, als gäbe es etwas daran zu bemäkeln, wenn Leute gute Songs nicht nur schreiben, sondern auch ansprechend rüberbringen können. Die Musik von Vampire Weekend und Phoenix hat nicht nur die scheinbar allzu glänzenden Oberflächen gemein, man teilt überdies die Liebe zu skurrilen Referenzen, nerdigen Samples und eine unaufdringliche, aber doch spürbare Melancholie in der Grundhaltung.

Auch »Alpha Zulu« ist so: fast durchweg zum Tanzen geeignet, die schon sprichwörtliche Cabriofahrt entlang der Côte d’Azur kommt beim Hören von Songs wie »Identical« oder »My Elixir« in den Sinn – aber es schwebt Traurigkeit über dem Album. Wie an einem noch schönen Septemberabend, in dem schon eine Vorahnung von Herbst und Winter mitschwingt. Im eleganten »Winter Solstice« kommt diese Stimmung am deutlichsten durch: »Why open your eyes to go to bed? / Drive straight to the ocean / And see what you won’t find out / Even the righteous beheaded their loved ones.« Wer das oberflächlich oder streberhaft findet, hat kein Herz.

Phoenix: »Alpha Zulu« (Glass Note/Warner)

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