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Aus: Ausgabe vom 16.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

Der Aufstand wird kommen

Immer wieder nein: Zwei neue Gedichtbände von Clemens Schittko
Von Jürgen Schneider
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»… und wenn ich hier vom Aufstand rede / dann meine ich auch den Aufstand / und nicht etwa die Revolution / denn die Revolution hat Verrat begangen / indem sie sich vom Mainstream hat kaufen lassen« (Proteste in Kathmandu, Februar 2022)

Der Ostberliner Dichter Clemens Schittko hat gleich zwei neue Gedichtbände mit insgesamt 320 Seiten vorgelegt: »Sag Ja zum Nein« und »Artaud ist tot«. Er hält mit seinen auf Konvention verzichtenden Gedichten eine ganze Horde eitler Reimer und Schleimer in Schach, die sich dem Irrglauben hingeben, es könne ein richtiges Leben im falschen geben. Schittko tut dies nur, um in »Relativierung 2020« gleich auf Understatement zu machen: »Für den ›Tagesspiegel‹ / bin ich ›der interessanteste / noch lebende Lyriker Deutschlands‹. / Doch diese Aussage / bedeutet überhaupt nichts. / Denn alle anderen Zeitungen / behaupten nichts Vergleichbares / über mich.« Nein, die Aussage bedeutet nichts, denn die bürgerlichen Medien verwenden Superlative, damit der damit Bedachte dem Vergessen überlassen und in den Feuilletonstuben weiterhin der literarische Mainstreamflachsinn oder ein Sergij Schadan gefeiert werden kann, jener ukrainische Russenhasser, den der Stiftungsrat des Deutschen Buchhandels »nachdenklich, poetisch und radikal« nennt und mit seinem Friedenspreis bedachte.

Laut Schittko habe die »sogenannte zeitgenössische Lyrik« zwei Probleme, sie sei »weder zeitgenössisch / noch Lyrik«. In »der Dichter der Zukunft« prognostiziert er: »Der Dichter der Zukunft / ist weiblich, jung und gut aussehend /einen Migrationshintergrund hat er auch / darüber hinaus ist er sozialkritisch, / multimedial und literaturbetriebsaffin, / das ist der Dichter der Zukunft.«

Im Gedicht »Artaud ist tot«, geht es nicht nur um Antonin Artaud, der auf den verschwenderischen Reichtum der Ausdrucksformen setzte, sondern um allerlei tote Kolleginnen und Kollegen, deren Werke wir in Schittkos Bücheregal vermuten dürfen, u. a. Kathy Acker, Baader Holst, R. D. Brinkmann, Burroughs, Ginsberg, die Gebrüder Brasch … Auch Peter-Paul Zahl findet sich hier, der einst zwischen eingreifender und ergriffener Literatur unterschied. Setzt so mancher Versschmied auf Ergriffenheit und Kitsch, wenn es um Liebe geht, konstatiert Schittko in »ein kurzer Text über die Liebe«: »nichts Gutes kommt von der Liebe, / auf Liebe kann man getrost verzichten«. Ergriffenheit ist Schittkos Sache nicht, er setzt sich mit dem kapitalistischen Alltag auseinander, greift mit seinen Gedichten ein und ist sich sicher: »der Aufstand wird kommen und bleiben« (»der Aufstand«); »und wenn ich hier vom Aufstand rede, / dann meine ich auch den Aufstand / und nicht etwa die Revolution / denn die Revolution hat Verrat begangen, / indem sie sich vom Mainstream hat kaufen lassen.« Was, wenn sie aus vielerlei Gründen einfach nur gescheitert ist, die Revolution? Der Aufstand jedoch, so heißt es in dem Gedicht weiter, »ist seinen Idealen bislang treu geblieben / von ihm spricht noch immer keine einzige Werbeagentur / und deshalb sollte man ihm auch vertrauen.« Zunächst gilt es, ja zum Nein zu sagen: »sag Ja zum Nein / sag Nein zur Arbeit / zur AfD und zu Amazon / sag Nein zur Bundeswehr, zur Bundesliga und zur Bild-Zeitung / sag Nein zum Chef, zu Corona / und immer wieder zu Corona Nein / sag Nein zu Deutschland, zu Darmkrebs / und zu Druckkostenzuschussverlagen (…) / sag Nein zum Ja, zu Jobs jeglicher Art und natürlich auch zum Jobcenter Nein / sag Nein zum Kapital / zum Krieg und zur Kirche / sag Nein zum Lobbyismus / zur ­Lyrik und zum Literaturbetrieb / Nein zur Macht, zu alten weißen Männern (…)«. In »drauf geschissen« geht die ebenso berechtigte wie notwendige Tirade, vom Deutschlandfunk »Gepolter« genannt, weiter: »(…) scheiß auf die Ja-Sager, auf Jobs jeglicher Art / und natürlich auch auf das Jobcenter scheiß drauf / scheiß auf das Kapital / den Krieg und die Kirche / scheiß auf den Lobbyismus / die Lyrik und den Literaturbetrieb / also macht ruhig so weiter wie bisher / ihr werdet schon sehen, / was ihr davon habt (…)«.

Schittkos Nein zur Arbeit, zu der er das Schreiben von Gedichten offenbar nicht zählt, sowie zu Jobs dürfte die traditionelle Linke irritieren, glaubt man in deren Reihen doch, Prekäre und Proletarier mit der Forderung nach »guter Arbeit« für sich gewinnen zu können. Der Lohnsklave, so die inhärente Logik, möge bitte nicht zum Ludditen und nicht zum Faulenzer werden, sondern Lohnsklave bleiben. Schittko kann sich auf Paul Lafargues Schrift »Das Recht auf Faulheit« von 1883 berufen oder auf Kasimir Malewitsch. Der Wegbereiter des Konstruktivismus und Begründer des Suprematismus schrieb 1921: »Im Kapitalismus ist die Arbeit auf eine Weise organisiert, die den Zugang zur Faulheit nicht allen Menschen gleichermaßen ermöglicht: Genießen kann die Faulheit nur, wer durch Kapital abgesichert ist. So hat sich die Klasse der Kapitalisten von dieser Arbeit befreit, von der sich die gesamte Menschheit befreien muss.«

Schittkos Nein zu alten weißen Männern gilt auch ihm selbst, trägt doch ein Kurzgedicht den Titel »das Leben eines alten, weißen, heterosexuellen Mannes im Jahr 2021«. Darin erfahren wir: »geboren am 09. Dezember 1978 in Ost-Berlin / Hartz IV seit dem 01. Januar 2008«. An Selbstauskünften mangelt es in Schittkos Gedichten nicht. Er lässt uns wissen: »Ich bin ein langweiliger Mensch / und führe ein langweiliges Leben. / (…) ich mag meine Langeweile. / Im Grunde liebe ich sie sogar. / Meine Langeweile ist nämlich / allemal besser als jeder Krieg.« Immer wieder thematisiert der Dichter den Tod, so auch in »Worksong«: »(…) und während ich wieder stundenlang pausenlos / an den Tod denke, ohne zu wissen, warum / ich stundenlang pausenlos / an den Tod denke, / erkenne ich plötzlich, dass mein ganzes Dasein / nie etwas anderes gewesen ist als / ein einziges stundenlanges pausenloses Denken-an-den-Tod.«

Clemens Schittko: Sag Ja zum Nein. Moloko Print, Schönebeck (Elbe) 2022, 152 Seiten, 15 Euro

Ders.: Artaud ist tot. XS-Verlag, Berlin 2022, 140 Seiten, 16 Euro

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