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Aus: Ausgabe vom 15.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Unter Jungs

Gewalt und Zärtlichkeit: Guðmundur Arnar Guðmundssons Film »Beautiful Beings«
Von Holger Römers
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Was mag dieser Junge in dem anderen sehen?

»Wer ist die Hauptfigur der Geschichte, und was weiß man über sie? Wann bekommt man Informationen über die Situation der Hauptfigur?« Das sind Leitfragen, die eine Lehrerin zu Beginn von »Beauti­ful Beings« ihren Schülern stellt, während die offenbar gerade mit der Interpretation eines literarischen Textes beschäftigt sind. Da zu diesem Zeitpunkt die Konstellation des Films noch nicht etabliert ist, liegt es nahe, dass auch das Kinopublikum sich von den Worten der unsichtbar bleibenden Pädagogin angesprochen fühlt und seinerseits das Augenmerk auf Figurenzeichnung und Erzählperspektive richtet. Tatsächlich verdient die dramaturgische Sorgfalt, die Guðmundur Arnar Guðmundsson mit Drehbuch und Regie beweist, geschärfte Aufmerksamkeit – wenngleich die Struktur seines zweiten Spielfilms (nach »Herzstein«, 2016) nicht so kompliziert ist, dass sie den anfänglichen Moment der Selbstreflexivität unbedingt erforderte.

Der 1982 geborene Isländer führt zunächst den 14jährigen Balli (Áskell ­Einar Pálmason) mit knappen Ausschnitten aus einem Reykjaviker Jugendalltag ein. Mobbing in der Schule, Verwahrlosung zu Hause. Das erste, was wir von diesem wortkargen Jungen hören, ist ein markerschütternder Schrei – Prügel von Mitschülern. Als Balli Opfer einer weiteren Attacke wird, lässt ihn das ungewollt zum Gegenstand eines Berichtes über jugendliche Gewalt werden, den der gleichaltrige Addi (Birgir Dagur Bjarkason) im Fernsehen aufschnappt. Je deutlicher wiederum Addi sich als eigentlicher Protagonist des Films entpuppt, desto mehr hallt der Wechsel der Erzählperspektive als subtile Irritation nach: Was mag dieser Junge in dem anderen sehen?

Auch Addi ist ein Außenseiter, eine Lehrerin stellt ihn nonchalant vor den Mitschülern bloß, nachdem er bei einer Klassenarbeit die mit Abstand meisten Fehler gemacht hat. Seiner Frustration macht Addi im Karateverein Luft, zugleich ist er bemüht, Prügeleien aus dem Weg zu gehen. Das erweist sich als schwierig, da sein aggressiver Kumpel Konni (Viktor Benóný Benediktsson) regelmäßig Streit anzettelt. Wenn es zu Gewalt kommt, ist indes auf den Dritten im Bunde, Siggi (Snorri Rafn Frímannsson), nicht so richtig Verlass, weshalb der schmächtige Junge mitunter von Konni getriezt wird, während er seinerseits Addis gelegentliche Begriffsstutzigkeit zum Anlass für hämische Bemerkungen nimmt.

Als der gemobbte Balli von Addi in die Clique eingeführt wird, verändert sich die Gruppendynamik. Möglicherweise fragt man sich, inwieweit der Protagonist genau das (intuitiv) beabsichtigt hat. Verbindendes Element zwischen den vier Jungs wird Unsicherheit, deren verschämte Anzeichen beiläufig von einer Handkamera eingefangen werden, die mit natürlichem Licht und kurzem Schärfebereich intime Nähe herstellt.

Die Unsicherheit berührt auch die aufkeimende Sexualität der vier: Scheinbar unbekümmerte Zärtlichkeiten wechseln sich ab mit aggressiver Homophobie, derweil erwachsene Männer als ernste Gefahr erscheinen – sofern sie nicht wie Addis harmloser, aber nichtsnutziger Vater durch häufige Abwesenheit für Ärger sorgen. Die Souveränität der Inszenierung erweist sich nicht zuletzt in der Ambivalenz, mit der Guðmundsson Gewalt als rauschhaftes Ventil und legitimes Mittel der Notwehr gleichermaßen inszeniert. Eine dezente, verträumte Wendung ins Märchenhafte schmälert den blutigen Ernst des Themas nicht.

»Beautiful Beings«, Regie: Guð­mundur Arnar Guðmundsson, Island/Dänemark/Schweden u. a. 2022, 123 Min., bereits angelaufen

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