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Trinkgeld

Von Helmut Höge
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In der DDR gab es Industriepfarrer, die keine Gemeinde betreuten, sondern ganz normal in Betrieben arbeiteten. 1992 trafen sie sich mit ihren französischen Kollegen, die ebenfalls irgendwo arbeiten mussten, da es in Frankreich keine Kirchensteuer gibt. Zum Schluss besuchten sie gemeinsam berühmte Pariser Cafés am Boulevard Saint-Germain. Die Kellner erzählten ihnen, dass sie nicht nur kein Gehalt bekämen, sondern dafür zahlen müssten, um dort arbeiten zu dürfen. Sie lebten vom Trinkgeld.

Weil Kellner in den USA und in Kanada sowenig verdienen, soll man 20 Prozent Trinkgeld geben, wenn nicht bereits eine Servicegebühr auf der Rechnung steht. Im Gegensatz zu Europa, wo man zehn Prozent der Rechnungssumme für ein gutes Trinkgeld hält, ist es in Südostasien und Japan unüblich, überhaupt Trinkgeld zu geben. In Moskau gab ich kurz vor meiner Abreise einer Kellnerin meine gesamten Rubel, sie stieß einen spitzen Schrei aus und gab mir einen Kuss. Vermutlich war es mehr Geld, als ich angenommen hatte. Wir freuten uns beide.

Während der Coronahochzeiten litten vor allem die Angestellten in Gastronomie und Veranstaltungswirtschaft. Und noch einmal besonders doll während des langen Lockdowns. Sie verdienten (so gut wie) nichts. Es gab Ausnahmen: Ein paar türkische Restaurants, in denen ich verkehre, hatten Hinterzimmer geöffnet, die Kellner bekamen über 20 Prozent Trinkgeld.

Jägermeister fährt seit einiger Zeit eine aufwendige Kampagne, die bereits in die zweite Phase geht: »Trinkgeld gehört dazu.« Auf Plakaten spricht man die Situation von Taxifahrern und in der Gastronomie Beschäftigten an: »Nur 54 Prozent finden Trinkgeld geben selbstverständlich«; »Jeder zweite unterschätzt die Bedeutung von Trinkgeld«; »Jede zweite Taxifahrt endet ohne Trinkgeld«; »65 Prozent finden, Trinkgeld muss man sich verdienen.« Die Aktiengesellschaft Jägermeister machte vor der Pandemie mit rund 900 Mitarbeitern einen Umsatz von etwa 500 Millionen Euro. In der zweiten Phase der Kampagne will die Firma nun angeblich zeigen, »dass Trinkgeld geben Spaß machen kann und soll«. Hierfür stellt sie »100.000 Euro Trinkgeld für zehn deutsche Klubs bereit. Die Übergaben werden als kurze Videoclips in relevanten So­cial-Media-Channels zum Trinkgeld geben anregen.«

Außerdem hat Jägermeister die ergrauten Spaß-HipHopper Die Fantastischen Vier engagiert und ein Video produziert, in dem Barkeeper, Taxifahrer, Türsteher, Reinigungskräfte, Soundtechniker, Garderobieren und Kioskbetreiber von ihrem Alltag erzählen. Eine limitierte Jägermeister-Edition gibt es auch, man kann sie im Onlineshop von Jägermeister bestellen, zusammen mit einem Kapuzenpullover und Tickets für die kommende Tour von Fanta 4: »Für immer 30 Jahre live«.

Der Erlös aus dem Verkauf der Jägermeister-Edition soll dem Verein Alarmstufe Rot zufließen, der von acht »Partyprofis« gegründet wurde: Tom Koperek vom LK, einem »Anbieter von Live- und Markenkommunikation, Sandra Beckmann aus dem Event-Kombinat, Christian Eichenberger, Geschäftsführer der Party Rent Group AG, Christian Dietzel vom Mobilen Discoservice Berlin, Alexander Ostermaier, Geschäftsführer der Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft, Chris Fleck, Square-­Dance-Caller, Nico Ubenauf, Eventdienstleister«, Christian Seidenstücker, Geschäftsführer der Joke Event AG.

Der Verein der acht Geschäftemacher hat ebenfalls eine Kampagne gestartet, sie heißt »#SangUndKlanglos« und will Zeichen setzen »für freischaffende Künstlerkollegen, Bühnen- und Backstagemitarbeiter und über eine Million Beschäftigte im Veranstaltungswesen«. Weiter heißt es: »Diese Aktion soll die Aufmerksamkeit von Regierung und Öffentlichkeit für unsere Not gewinnen.« Die acht »kämpfen für das Überleben der Veranstaltungswirtschaft – dafür ist der Erfolg der Impfkampagne essentiell. Nur mit einer hohen Impfquote können wir alle es gemeinsam schaffen, schnell und sicher wieder an unsere Erfolge anzuknüpfen.« Gesundheitsminister Lauterbach dürfte das gefallen.

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