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Aus: Ausgabe vom 14.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Kleider machen Damen

Klischees nonchalant überspielt: »Mrs. Harris und ein Kleid von Dior«
Von Marc Hairapetian
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Manchmal etwas betulich inszeniert: Lesley Manville als älteres Aschenputtel

Eigentlich ist »Mrs. Harris und ein Kleid von Dior« ein alter Hut. Bereits 1982 schickte das deutsche Fernsehen Inge Meysel unter der Regie des Wiener Schauspielers Peter Weck auf die Reise nach Paris. Mit der »Mutter der Nation« in der Rolle der titelgebenden Heldin folgten bis 1991 noch fünf weitere Filme, die allerdings nicht alle nach Vorlagen des ehemaligen Sportjournalisten Paul Gallico entstanden. Der wurde 1969 durch einen anderen Roman bekannt: »The Poseidon Adventure« wurde die Vorlage für Ronald Neames »Die Höllenfahrt der Poseidon«, den wohl besten Katastrophenfilm der 1970er Jahre.

Zu Paul Gallicos umfangreichem Œuvre zählen vier Bücher über die Abenteuer einer englischen Putzfrau, beginnend mit dem 1958 erschienenen Band »Mrs. Harris Goes to Paris«. Nach Meysel verkörperte 1992 Angela Lansbury die nach einem Kleid von Dior strebende Londonerin. Nun werden die beiden abgelöst von Lesley Manville, die in der ersten Kinoverfilmung des Stoffes brilliert. Schon allein Mike Leighs favorisierte Aktrice ist in dem nostalgischen Kinospaß von Regisseur Anthony Fabian das Eintrittsgeld wert.

Als Ada Harris (Lesley Manville) bei ihrer Kundin Lady Dant (Anna Chancellor) ein Kleid von Dior entdeckt, ist es um die Londoner Reinigungskraft geschehen. Dass es stolze 500 Pfund kosten soll, schreckt sie nicht ab. Im Gegenteil: Eines Tages hat die Kriegswitwe tatsächlich genug Geld gespart, um sich die Shoppingtour ins mondäne Paris leisten zu können. Die gestaltet sich aber anfangs ­alles andere als einfach. Die Direktorin des renommierten Bekleidungshauses, Madame Colbert (Isabelle Huppert), versucht alles, um die natürlich nicht standesgemäße Ada abzuwimmeln. Da der elegante Marquis de Chassagne (Lambert Wilson) einen Narren an ihr gefressen hat, wird Mrs. Harris dennoch Zutritt zu einer Modenschau gewährt. Doch, so ein Pech aber auch, das Kleid ist einer anderen Kundin versprochen. Bevor ihr zweiter Favorit für sie maßgeschneidert ist, dauert es lang, allzu lang. Für einen ausgedehnten Aufenthalt im Kreis der Reichen und Schönen langt das Budget nicht mehr. Und das ist bei weitem nicht das einzige Problem, das in der Stadt der Mode und der Liebe noch auf sie wartet.

Die britisch-französisch-ungarische Tragikomödie präsentiert typisches Wohlfühkino, das durch ein erlesenes Schauspielerensemble und ein ­superbes Setdesign von Luciana Arrighi aufgewertet wird. Zudem hat sich die dreifache Oscar-Preisträgerin Jenny Beavan (»Zimmer mit Aussicht«, »Mad Max: Fury Road«, »Cruella«) selbst übertroffen: Fünf Modelle waren Leihgaben aus der Originalkollektion des Hauses Dior. Die anderen Kleider schneiderte sie mit ihrem Team selbst. Die hübsch designte Aschenputtel-Variante (nicht nur) für ältere Damen ist manchmal aber zu betulich inszeniert.

Klischees, vor allem bei der Zeichnung der oberen Zehntausend von ­Paris, bleiben nicht aus. Das wird zum Glück wieder aufgefangen vom engagierten Spiel der Darsteller, allen voran der nonchalant zwischen dramatischer Tiefe und komödiantischer Leichtigkeit changierenden Lesley Manville. Ihr kauft man beides ab: Die unscheinbare Putzfrau und – Kleider machen Damen – den schönen, reifen Schwan. Und die von Isabelle ­Huppert grandios verkörperte, kratzbürstige »Widersacherin« Madame Colbert ist dann doch nicht ganz so bösartig, wie es zunächst den Anschein hat. In Nebenrollen gefallen Lucas Bravo als schüchterner Dior-Buchhalter André und Alba Baptista als Sartre lesendes Model Natasha. Letztlich sind sie alle Sympathieträger. Es muss ja im internationalen Kino nicht immer um Mord- und Totschlag gehen.

»Mrs. Harris und ein Kleid von Dior«, Regie: Anthony Fabian, GB/U/F u.a. 2022, 117 min., bereits angelaufen

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