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Aus: Ausgabe vom 22.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

An der Maschine

Zum ersten Mal zeigt ein westdeutsches Museum eine Retrospektive der Fotografin Evelyn Richter
Von Hannes Klug
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Evelyn Richter: »An der Linotype« (ND-Druckerei Berlin, um 1960)

Die Aufnahme könnte aus einem expressionistischen Stummfilm stammen, so stark dominieren die Kontraste von Licht und Schatten ihre Komposition, und so übermächtig scheint die alles überformende schwerindustrielle Apparatur: »An der Stanze« heißt die Fotografie, die Evelyn Richter 1966 in einer Dessauer Maschinenfabrik anfertigte. Im unteren Drittel des hochformatigen Bildes sitzt eine junge Frau mit toupiertem Haar und Kurzarmhemd, ihre Hände stecken in Arbeitshandschuhen und bedienen Schalter. Ein heller Schein erleuchtet Arme und Gesicht, während die eisernen Räder und Gewichte der Maschine, die sie steuert, düster und bedrohlich über ihr thronen, als werde sie selbst gleich dazwischen zermalmt.

Die Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast, die den Namen von Evelyn Richter als schlichten Titel trägt, widmet einen von neun thematisch untergliederten Räumen dem Thema Arbeit, das die Fotografin zeitlebens beschäftigt hat. Es ist – kaum zu glauben – die erste westdeutsche Retrospektive des über 50 Jahre umspannenden Werks der Künstlerin, die außerhalb ihrer ostdeutschen Heimat bis heute weitgehend unbekannt blieb. Schon früh in ihrer Karriere begann Richter (1930–2021), Arbeitswelten zu dokumentieren: Noch während ihrer Ausbildung, mit Anfang zwanzig, fotografierte sie Bauern in der Lausitz oder Fischer auf Rügen – Motive, die hauptsächlich der körperliche Einsatz ihrer Protagonisten bestimmte. Bald beginnt sie, sich verstärkt für den Arbeitsalltag von Frauen zu interessieren. Einige ihrer eindrucksvollsten Serien fotografiert sie in Webereien und Spinnereien oder 1959/60 in der Druckerei des ND-Verlags: Arbeiterinnen überwachen oder kommandieren komplizierte Arbeitsprozesse, bedienen konzentriert Maschinen und verschwinden dabei fast zwischen deren raumgreifenden Bauteilen. Manchmal sehen sie müde und erschöpft aus.

Auf Linie mit dem Arbeiter- und Bauernstaat DDR liegt Richter damit nur scheinbar: Zu rauh, zu realistisch sind ihre Aufnahmen, zu sehr interessiert sie sich für das dokumentarische Element, das auch belastende Arbeitsumgebungen zeigt und sich kritisch gegenüber einer sozialistisch-kitschigen Bildwelt zeigt, die, wie es heißt, »das lachende fröhliche Leben« zeigen, »unsere stolze Jugend, unsere schaffenden Menschen und unsere schöne deutsche Heimat«, kurz, die Bilderbuchversion des zufriedenen und prosperierenden werktätigen Menschen. Richter sucht ihre eigene Sprache, den Spannungen zwischen Mensch und Gesellschaft nahezukommen und ihrer subjektiven Sicht auf die vorgefundene Realität künstlerisch Gestalt zu verleihen. Zwar kriegt sie immer wieder journalistische Aufträge, wobei sie sich jedoch an den pathetischen Idealvorstellungen der Redaktionen aufreibt und sich gegen die politische Vereinnahmung ihrer Arbeit stemmt. Doch sie nutzt solche Projekte auch als Türöffner und arbeitet zweigleisig – einerseits für die Zeitschrift Sibylle, andererseits für ihr persönliches künstlerisches Archiv.

Richters Arbeiten sind vorrangig schwarzweiß, und als 1957 auf einer Moskau-Reise ihr Fotoapparat kaputt geht, macht sie zunächst mit einer Kleinbildkamera weiter, die bald ihr bevorzugtes Arbeitsgerät wird. Pausenlos ist sie auf der Suche nach Motiven, also Menschen: wenn nicht bei der Arbeit, dann auf öffentlichen Straßen und Plätzen oder unterwegs, in Zügen, S- oder Straßenbahnen. Für Richter scheint der Mensch immer auf der Durchreise zu sein, auf dem Bahnsteig wartend, aus dem Fenster schauend, mal eine vorbeiziehende Landschaft, mal ein Neubaugebiet im Hintergrund. Nicht nur Öffentlichkeit und Privatheit, auch Versprechen und Wirklichkeit der DDR treten zueinander in Spannung oder gleich ganz in Widerspruch. Bewegend sind auch ihre Porträts, etwa von der sowjetischen Avantgarde-Regisseurin Lilja Brik oder von Dolores Ibárruri, einer spanischen Revolutionärin und überlebenden Protagonistin des spanischen Bürgerkriegs, die sie beide 1978 in Moskau kurz vor ihrem jeweiligen Tod besuchte.

Am bekanntesten ist Evelyn Richter im Westen für das Buch »Entwicklungswunder Mensch«, das sie 1980 zusammen mit dem Psychologen Hans-Dieter Schmidt veröffentlichte. Es begleitet das Heranwachsen von Kindern von der Geburt bis zum Schuleintritt; mehr als die Hälfte der 100.000 gedruckten Exemplare wurde in die Bundesrepublik exportiert. Richter lebte und arbeitete in Leipzig, der Stadt, in der sie auch von der Hochschule für Grafik und Buchkunst geflogen war. Die Düsseldorfer Ausstellung zeigt rund 150 Fotografien, ergänzt um Archivmaterial aus dem Nachlass, die vom Alltag in der DDR erzählen, mehr als das aber das Werk einer bedeutenden Künstlerin auch im Westen der Republik endlich umfassend zugänglich machen. Mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es dort immer noch viel nachzuholen.

»Evelyn Richter«, Kunstpalast ­Düsseldorf, bis 8. Januar 2023

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