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Aus: Ausgabe vom 12.11.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Im Blut-und-Boden-Schwung

Von Arnold Schölzel
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Am 3. November hatte der Schriftsteller Eugen Ruge in einem Gastbeitrag für die FAZ gefragt: »Gibt es einen nützlichen Völkerhass?« Sein Text ist ein Traktat darüber, dass nicht »die Russen« die »Quellen allen Übels« sind. Der Allquantor »allen Übels« ist zwar grober logischer Unfug, vor allem aber antihumanistischer Blödsinn, der den Straftatbestand »Volksverhetzung« berührt, aber ein schlichtes »Nein« fällt Ruge dennoch nicht ein. Gleiches gilt für die Frage, für wen Völkerhass nützlich sein soll – cui bono? Das Resultat ist entsprechend: ein Sammelsurium nationalistisch-rassistischer Begriffslosigkeiten. Ruge führt sich selbst als Autor eines Romans ein, dem bescheinigt worden sei, »dass er den stalinistischen Terror auf eindrückliche Weise erlebbar mache«, und mit dem »Bekenntnis«, er sei »Halbrusse«. Wer sich und andere in solche Kategorien steckt, der hält es auch für mitteilenswert, dass ihn Osteuropäer »als ›reinen‹ Deutschen wahrnahmen«. Das sei kein Nachteil gewesen, »denn alles Deutsche stand hoch im Kurs«. Einmal so im Blut-und-Boden-Schwung, durchforstet Ruge den »Stalinismus« und kommt zu dem Befund: Es »wimmelte« in dessen »Apparat von nichtrussischen Akteuren«. So habe die russische Organisation »Memorial« über die »nationale Zusammensetzung« herausgefunden, »dass 1936, zum Auftakt des großen Terrors, fast 39 Prozent« der Mitarbeiter des Geheimdienstes NKWD Juden gewesen seien. Ruge erhält Platz zu fragen, was es bedeute, dass ihre Zahl bis 1941 auf 5,5 Prozent geschrumpft sei, während der Anteil der Ukrainer von fünf Prozent auf 15,5 Prozent gestiegen sei. 1941 seien in »Stalins neunköpfigem Politbüro« nur drei Russen gewesen. Qualitätspresse.

Was er ausbreitet, sagt viel über »Memorial« und Ruge aus, wenig über sowjetische Geschichte. »Stalinismus«-Kenner Ruge hält seine »Nichtrussen«-Erzählung aber für einen Beweis: »Der nationale Blick geht einfach am Wesen der Sache vorbei.« Stimmt, wenn wie bei Ruge mit »national« eine Art Züchtung halber oder reiner Herkunft verbunden wird. Ruge schließt daher: »Der Stalinismus war keine Diktatur der Russen über Ukrainer oder Balten.« Sondern sei die »eines Psychopathen« gewesen – das irre Böse. Nächster Schlenker: »Das Narrativ des Großen Bösen blockiert jeden Diskurs.« Was Ruges Text zeigt.

Das Ungeheuerliche, Stalin sei nicht russisch inspiriert, lesen und den Ruge aufklären war für den Historiker Gerd Koenen eins. Er hat sich, wie’s scheint, Frank-Walter Steinmeiers neue Devise für Ruck-und-Wumms-Deutschland vom 28. Oktober zu eigen gemacht: »Im Angesicht des Bösen reicht eben guter Wille nicht aus.« Bereits am 7. November war daher in der FAZ von Koenen zu lesen: »Und insgesamt lässt die Geschichte des Kommunismus, und gerade auch die des Stalinismus, wie die des Maoismus auch, sich von der Geschichte Russlands oder eben Chinas als alten, despotisch geführten Großreichen nicht säuberlich abtrennen, so wie Ruge es tut.« Im übrigen habe »die multinationale bolschewistische Machtelite« als »Erbin einer ähnlich abgehobenen Beamten- und Militärelite« nur vom Faschismus gelernt. Und, wer hätte es gedacht, die »neue, Putinsche Machtelite« setze das fort. Ruge wage nicht, in den »Abgrund, der mit ›Verhandlungsangeboten‹ und selbst halben Kapitulationen schwerlich zu überbrücken« sei, zu schauen.

Anders gesagt: Der Russe hat gleichbleibende »Elite«, die allein vom deutschen Faschismus mal was gelernt hat. Mit dem hat die Bundesrepublik aber nichts zu tun, jedenfalls existiert »Völkerhass« laut Koenen nur in russischen Medien. Mit »Halbrussen« und »denen da oben« erklärt sich Geschichte von selbst, es sei denn, man hält Irrationalismus für Dreck.

Mit »Halbrussen« und »denen da oben« erklärt sich Geschichte von selbst, es sei denn, man hält Irrationalismus für Dreck

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