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Aus: Ausgabe vom 12.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Ausstellung

Was schaukelt da im Schrott?

Die indirekte Verbindung: Eine Ausstellung im Frankfurter Caricatura-Museum liebt die Satirepioniere von Pardon etwas zu innig
Von Dirk Braunstein
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Die härteste Satire ist die Realsatire: Franz Josef Strauß im Kreise seiner Pardon-Jünger 1972 (unterm INRI Verleger Hans A. Nikel)

Als Jürgen Habermas, Carl-Christian Kaiser und Werner Wilkening im Mai 1958 zu einer studentischen Demonstration in Frankfurt am Main aufriefen, kam auch Hans A. Nikel mit ein paar handgemalten Plakaten vorbei, um gegen die atomare Aufrüstung der BRD zu protestieren. Vier Jahre zuvor hatte er, Jahrgang 1930, mit dem nur wenig älteren Erich Bärmeier einen Verlag gegründet, ihn sinnig »Bärmeier und Nikel« genannt und unter anderem Zeitschriften zur wirtschaftswunderorientierten Verbraucherberatung herausgegeben, die wenig Kundschaft fanden. Glücklicherweise waren unterdessen Kurt Halbritter, Hans Traxler und Chlodwig Poth zum Verlag gestoßen, der nicht nur alljährliche Künstlerfeste unter dem Titel »Quempu Lempu« veranstaltete, sondern 1962 auch ein Memorandum in die Welt stemmte, das eine avancierte Zeitschrift in ideologiekritischer Absicht in Aussicht stellte. Die Aufgabe der Stunde sei, »Situationen zu klären«, entsprechend wolle man »zeigen, wo Ideologie gemacht wird«. Im offiziellen Werbeschreiben des Verlags war hingegen schon arg betulich die Rede von »einer erquickenden Erholung vom Alltag«, die der Erwerb der neuen Zeitschrift gewährleiste.

Eine Erfolgsgeschichte

Das Ergebnis dieser zwischen Revolte und Kundenorientierung unentschiedenen Planung zeigt die Ausstellung »Teuflische Jahre. Pardon. Die deutsche satirische Monatsschrift 1962–1982«, die noch bis zum 19. März 2023 im Caricatura-Museum in Frankfurt besucht werden kann. Die Kuratoren Gerhard Kromschröder und Till ­Kaposty-Bliss zeigen viel Liebe und Leidenschaft zum Gegenstand, aber auch zuwenig Distanz. Leider, denn die Geschichte der Satirezeitschrift treuherzig als Erfolgsgeschichte darzustellen, gelingt nur um den Preis einer gewissen Geschichtslosigkeit. Natürlich ist es ein Akt der Aufklärung, gegen die kleinbürgerliche Spießeridylle anzuarbeiten; auch, einen Franz Josef Strauß, der das ganze postnazistische Elend massig verkörperte, durch ein Cover, das ihn in bombigem Einvernehmen mit Ulrike Meinhof zeigt, so weit zu düpieren, dass der sich zu einer eidesstattlichen Erklärung genötigt fühlte, mit der er am 30. Juni 1972 die Justiz davon unterrichtete, »zu keiner Zeit eine direkte oder indirekte Verbindung zu der Baader-Meinhof-Bande gehabt« zu haben.

Zur Realgeschichte gehört jedoch auch, dass weder die RAF noch Pardon die Daseinsstabilität deutscher Gemütlichkeit im Ernst tangieren konnten. Im Gegenteil hat der lange Marsch durch die gesamtgesellschaftliche Bräsigkeit die Zeitschrift verändert, wie im Laufe der Jahre immer deutlicher wurde. Und genauso spießig – und das heißt immer auch: sexistisch – wie die aufkommende 68er-Bewegung wurden denn auch die Titelbilder der Pardon. Lautete die Bildüberschrift im Oktober 1967 noch: »Wem schadet eigentlich Pornographie? – Augenzeugen berichten«, was immerhin witzig ist, fallen einen Monat später Kleidung und Anspruch. Die folgenden Titelbilder kommen jahrelang nicht mehr ohne Titten und Ärsche aus, zu allem Unglück verbrämt mit blamablem Herrenwitz, den der erklärte Erzfeind Bild nicht beschämender hätte hochwürgen können. Das Cover der Aprilausgabe von 1971 zeigt eine Nackte in Frontalansicht, die ihre linke Brust knetet, und die Sprachblase sprechbläst: »Ich soll Ihnen das dickste Pardon vorstellen. 128 Seiten! Schön wie ich!« Oink, oink!

Die Titel der 70er Jahre wären kein weiteres Wort wert, gäbe es nicht die Ausgabe vom Juni 1972, die einen Adolf Hitler zeigt, der, jederzeit reaktivierungsbereit, beim Sonnenbad am Südseestrand seinem zweiten Frühling zuwartet – sowie das Cover der Novemberausgabe 1977: spät, aber unmissverständlich machte es allen, die’s bis dahin nicht wahrhaben wollten, klar, dass das Blatt seinem unterdessen hochverdienten Untergang längst geweiht war. Neben einem abgespacten Typen im Schneidersitz droht die Bildüberschrift: »Kein Witz: Ich kann fliegen! Unsatirischer Pardon-Bericht über unglaubliche menschliche Fähigkeiten.« Nikel hatte die Bodenhaftung verloren, wenngleich nicht im gewünschten Sinne, und der Rest ist Niedergangsgeschichte: 1980 wechselte die Chefredaktion, zwei Jahre später war endgültig Schluss. Die besten Kräfte waren da längst abgewandert, hatten sich als »Neue Frankfurter Schule« tituliert, die Titanic gegründet und dort nach Glück, Glanz, Ruhm gegründelt.

Der Kreis schließt sich

Der Katalog zur Ausstellung bietet neben überflüssigerweise allen Titelbildern von Pardon eine erstklassige Einleitung von Elsemarie Maletzke über die damaligen Verwicklungen und Verflechtungen – was den Kreis insofern füglich rundet, als sie es ist, die das Realvorbild abgab zu jenem Fräulein Evamaria Czernatzke, das Eckhard Henscheid in seinem historischen Roman »Die Vollidioten« ins Zentrum von allerlei Wirrnis rund um die Pardon-Belegschaft rückt. Maletzke, die wie auch Birgit Wischnewski und Margarete Moser »den unscharf beschriebenen Job der Redaktionsassistentin« versah, schreibt erinnerungsreich über die Helden und Heldinnen damaliger Zeit, die zwischen Redaktion und Redaktionskneipe »Mentz« pendelten, jedoch – apropos deutsches Spießertum – nur kurz und knapp: »Die einzige Redakteurin war 1969 Alice Schwarzer, die natürlich Wichtigeres zu tun hatte, als sich jeden Abend bei ›Mentz‹ zu betrinken. Wo sie wohnte, ist mir entfallen. Sie blieb nicht sehr lange.« Sondern machte, wie bekannt, ihren Weg hinab zu Fanfiction, Quizshows und Verleumdungen en gros bis hin zu immer wieder Bild. Unter ihrer Führerschaft erschien im Juni 1969 eine Ausgabe, deren Cover zwei junge, barbusige Frauen auf einem Schaukelpferd inmitten von Müll zeigt; Unterzeile: »Was schaukelt da im Schrott?«

Anspruch und Wirklichkeit

Eine korrekte Antwort wäre wohl nicht komisch, käme aber womöglich jener historischen Wahrheit näher, von der die Ausstellung letztlich kaum erzählt. Denn wogegen die Pardon ihrem Anspruch nach war, wird gewiss recht deutlich; weniger hingegen, wobei und weshalb sie dennoch lustig mitgemacht hat.

Übrigens: Strauß überlebte die Pardon um fünf Jahre. Da war Meinhof aber auch schon seit zwölf Jahren tot. Eine erquickende Erholung vom Alltag.

Bis 19. März 2023

Till Kaposty-Bliss/Gerhard Kromschröder: »Teuflische Jahre. Pardon. Die deutsche satirische Monatsschrift 1962–1982«, Favoritenpresse, Berlin 2022, 208 Seiten, 25 Euro

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  • Leserbrief von Till Kaposty-Bliss (einer der beiden Kuratoren der PARDON-Ausstellung) aus Berlin (14. November 2022 um 21:55 Uhr)
    Ein hohes Gut in diesem Lande ist zum Glück Meinungsfreiheit. Und vor diesem Hintergrund lese ich auch den Artikel von Dirk Braunstein, der uns Kuratoren »viel Liebe und Leidenschaft zum Gegenstand, aber auch zuwenig Distanz« bescheinigt. »Leider, denn die Geschichte der Satirezeitschrift treuherzig als Erfolgsgeschichte darzustellen, gelingt nur um den Preis einer gewissen Geschichtslosigkeit«. Das verwundert, wird er doch den von ihm ebenfalls im Ansatz besprochenen Begleitband (den wir »überflüssigerweise« mit »allen Titelbildern von PARDON« bestückt haben) zumindest eiligst durchblättert haben. Dort mangelt es mitnichten an Kritik ehemaliger MitarbeiterInnen am Heft, so zweifelt Genazino beispielsweise die Wirkungsmacht einer Anti-Bild-Aktion an. Im Gegensatz zu Herrn Braunstein (er und ich sind ungefähr im gleichen Alter) habe ich mich nun rund 40 Jahre sehr intensiv mit PARDON beschäftigt, mit hunderten ehemaliger LeserInnen gesprochen. Und auf viele hatte PARDON zumindest in Hinblick auf Humorbildung und Erweiterung des Horizonts einen erheblichen Einfluss. Man muss das Blatt doch auch in der Zeit sehen, in der es entwickelt und verlegt wurde. Natürlich würde man heute manches anders thematisieren, aber es ist doch wohlfeil, sich Jahrzehnte später mit erhobenen Zeigefinger über Macher und Machart (»oink, oink«) zu erheben. Unangenehm empfinde ich neben Braunsteins überheblicher Schreibe zum Beispiel die schon bösartige Skizzierung von Alice Schwarzers Werdegang nach PARDON: »… machte, wie bekannt, ihren Weg hinab zu Fanfiction, Quizshows und Verleumdungen en gros bis hin zu immer wieder Bild.« Ihr Lebenswerk ist schon etwas vielschichtiger und einflussreicher als das hier. Man muss sie ja nicht mögen – aber so? Also bitte! Zur Ausstellung sei gesagt: Es war niemals Ziel, eine wissenschaftliche Abhandlung über PARDON zu zeigen, sondern die Vielfalt journalistischer Formen gepaart mit Satire, Frechheit und ja, auch Sex und Blödsinn in unterhaltsamer Weise.

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