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Aus: Ausgabe vom 11.11.2022, Seite 15 / Feminismus
Jin Jihan Azadi

Von Abya Yala bis Kurdistan

Internationale Frauenkonferenz in Berlin: Widerstandsformen und Organisation. Über 700 Teilnehmerinnen
Von Annuschka Eckhardt
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700 Teilnehmerinnen aus 50 Ländern: Feministische Vernetzung (Berlin, 28.9.2022)

Sie setzt sich die Kopfhörer auf und dreht am Lautstärkeregler des kleinen, schwarzen Apparats. Es rauscht laut, sie zuckt kurz erschrocken zurück, wechselt den Kanal und blickt gespannt auf die Bühne. Dort sitzen sechs Frauen auf einem Podium.

Am wichtigsten für den inklusiven Charakter der 2. Internationalen Frauenkonferenz am Wochenende vom 5. bis 7. November an der Technischen Universität Berlin, ist die Simultanübersetzung. Damit die Teilnehmenden die Redebeiträge verstehen können, wird in acht Sprachen übersetzt: Kurdisch, Türkisch, Arabisch, Spanisch, Italienisch, Englisch, Französisch und Deutsch.

Gemeinsamer Kampf

Mehr als 700 Teilnehmende aus 50 Ländern sind anwesend, in Präsenz oder online, um sich im Sinne der Frauenbefreiung im Kampf gegen Faschismus, Kapitalismus und das Patriarchat auszutauschen. Das Motto: »Our Revolution: Liberating Life« (Unsere Revolution: Das Leben befreien, jW).

Nach der Eröffnungszeremonie beginnt der informative Teil der Konferenz mit einer Schweigeminute für Frauen, die im Kampf für Befreiung getötet wurden. Zwei große Plakate hängen links und rechts neben der Bühne des Hörsaals der Technischen Universität in Berlin. Auf dem einen ist ein Foto von Nagihan Akarsel zu sehen, die kurdische Journalistin, Frauenrechtlerin und Forscherin wurde Anfang Oktober vor ihrer Wohnung in der Stadt Sulaimanija in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak (Südkurdistan) erschossen. Auf der anderen Seite der Bühne hängt ein Plakat von Jina Mahsa Amini, die im Iran in Polizeigewahrsam starb und deren Tod große Proteste auslöste.

Wie sich Frauen in verschiedenen Teilen der Welt gegen die Praktiken multinationaler Konzerne und neue Formen des Kolonialismus wehren, ist eines der Themen des Eröffnungspodiums. Alle Rednerinnen berichten, mit welchen Schwierigkeiten sie konfrontiert sind – die Probleme sind je nach Region unterschiedlich. Frauen aus arabischen Ländern prangern an, dass dschihadistische Kräfte von westlichen Ländern finanziell unterstützt werden, die so eigene geopolitische Interessen durchzusetzen versuchen. Das passt zu kriegstreibenden Politikerinnen, die den Slogan der kurdischen Frauenbewegung Jin Jihan Azadi – Frauen, Leben, Freiheit – für ihre Zwecke kapern, aber den NATO-Partner Türkei unterstützen, der Krieg gegen Kurden führt.

Im interaktiven Teil der Konferenz haben die Teilnehmenden die Wahl zwischen acht verschiedenen Workshops: Widerstand gegen erzwungene Migration, Verteidigung von Sprache und Kultur oder Aufbau einer antifaschistischen Front – die Entscheidung fällt nicht leicht.

Ohne Frust

Nilüfer Koc ist Mitglied des Kurdistan National Congress, gemeinsam mit Mariam Rawi, der Vertreterin der Revolutionären Vereinigung der Frauen Afghanistans (RAWA), hat sie das Podium eröffnet. Einige Tage nach der Konferenz resümiert sie gegenüber jW: »Die Vielfalt der Widerstandsformen hat mich fasziniert«. Von Abya Yala (Bezeichnung für Lateinamerika, jW) bis Kurdistan kämpften Frauen gegen Unterdrückung. Anders als bei der ersten Internationalen Frauenkonferenz vor zwei Jahren in Frankfurt am Main seien dieses Jahr mehr jüngere europäische Frauen anwesend gewesen. »Junge Frauen wollen die Traditionen des europäischen Feminismus reformieren und von Feministinnen aus anderen Regionen der Welt lernen«, so Koc.

Die besprochenen Themen sind nicht neu und die Probleme vielseitig. Trotzdem kommt kein Frust auf: »Ein Raum voller Frauen, die auf Augenhöhe miteinander agieren, schon soviel durchgestanden haben und nicht aufhören zu kämpfen für eine feministische Vision. Das gibt mir Mut«, sagt eine junge Frau, während sie die ausgeliehenen Übersetzungskopfhörer im Eingangsbereich der TU Berlin zurückgibt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfgang H. aus OT Dreesch, 17291 Grünow (11. November 2022 um 11:13 Uhr)
    Wenn Quetzal und Condor gemeinsam fliegen, Abya Yala, Land der Reife, nannten die Kuna in Panama und aus dem Nordwesten Kolumbiens den amerikanischen Kontinent vor der Ankunft Kolumbus. Die Volksstämme träumten von der freien Gemeinschaft. Sie drückten das poetisch aus: »Eines Tages werden Adler und Condor gemeinsam fliegen.« Der Adler war das Symbol der Volksstämme des Nordens, der Condor das der Volksstämme des Südens. Auf die Kolonialherrschaft der spanischen Krone folgte der Interventionismus der USA. An Stelle des Adlers muss ein anderer Vogel den Condor begleiten: Der Quetzal. Für die Volksstämme in Guatemala ist der Quetzal das Symbol der Freiheit und Souveränität. Nach dem Internationalen Treffen »Souveränes Abya Yala« in Guatemala-Stadt im Dezember 2021 besuchten Delegationen der Andenvolksstämme die territoriale Versammlung der Maya- und Xincavolksstämme. Mayas, Xincas und Andenbewohner stellten fest, dass sie eine ähnliche Geschichte haben und gemeinsame Vorstellungen teilen. Sie waren sich einig, dass nicht die Differenzen der indigenen Völker, sondern die Kreolen-Staaten und die kapitalistischen Konzerne das Problem sind. Die Teilnehmer verpflichteten sich, von ihren Territorien aus die Bewegungen der sozialpolitischen Kämpfe fortzusetzen. Am 5. und 6. November 2022 war Buenos Aires Gastgeber der 4. Versammlung von Vertretern von Organisationen, Bewegungen, Völkern und Gemeinschaften von Abya Yala, die im Runasur-Raum artikuliert sind. (»Runa« in Quechua für Menschen und »Sur« für südliche Hemisphäre Amerikas.) Die Idee, mit Runasur den Raum »für ein plurinationales Amerika der Völker für die Völker« zu schaffen, entstand auf dem Weg der Rückkehr Evo Morales von Argentinien nach Bolivien. Runasur hat fünf Fachkommissionen: Gesundheit, Bildung, Wirtschaft, Integration der Völker und Mutter Erde. Mit Runasur hat der Kontinent Abya Yala seine Plurinationale Konstituierende Versammlung erhalten. Das wurde in Buenes Aires gefeiert.

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