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Aus: Ausgabe vom 11.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Wenn ich zu Hause bin

Dem Schriftsteller Kurt Vonnegut zum 100.
Von Frank Schäfer
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Eine Ikone der Gegenkultur: Kurt Vonnegut (1990)

In der Teeny-Schmonzette »Footloose« von 1984, die wahrer ist, als wir damals wissen konnten, kommt der junge Ren McCormack (Kevin Beacon) aus dem Sündenpfuhl Chicago in die frömmelnde Kleinstadt Bomont, in der Rock ’n’ Roll, Tanz und Alkohol verboten sind, weil die nun mal nur Unchristliches zur Folge haben. Stimmt ja auch. Ren unterhält sich mit dem ersten Moraltrompeter der Stadt, Reverend ­Moore (John Lithgow), über literarische Klassiker und nennt ganz beiläufig Vonneguts »Slaughterhouse-Five« als Musterbeispiel. Der Reverend zieht indigniert die Stirn kraus (und ich zitiere jetzt mal aus dem Gedächtnis): »Das ist er nicht bei uns!« Ren lässt an seiner Verwunderung keinen Zweifel. »Das ist er überall!«

Kürzer lässt sich der Grundkonflikt des Films nicht vorwegnehmen. Es reicht ein Romantitel. Und ich hatte wieder ein Buch mehr auf meiner Lektüreliste, von dem ich wusste, dass es mich gar nicht enttäuschen konnte, egal, wann ich es lesen würde.

Leichen in Dresden

Kurt Vonnegut – am 11. November 1922 in Indianapolis geboren, gestorben am 11. April 2007 in New York – ist nicht von ungefähr Persona non grata im fiktiven Bomont. Er war ein in der Wolle gefärbter Atheist. Wenn ihn seine Eltern nicht schon so erzogen hätten, spätestens 1944 wäre er zu einem geworden. Als er nämlich mit seinem bewaffneten Jungshaufen, der 106. Infanteriedivision, während der Ardennenoffensive von deutschen Soldaten zusammengeschossen, gefangengenommen und nach Dresden verbracht wird, wo er im Februar 1945 den »Feuersturm« in einem Kühlraum eines Schlachthofes überlebt. Als die Bombardierung zu Ende ist, und er den schützenden Keller verlassen kann, sieht es aus wie auf dem Mond, und er muss Leichen aus den Trümmern exhumieren. Von den Dresdnern wird er dafür beleidigt und mit Steinen beworfen.

Ist es falsch, großes Leid mit noch mehr Leid beenden zu wollen? Auch wenn die Strategie letztlich aufgeht? Man kann dieses moralische Dilemma nicht auflösen. Traumatisiert sind jedenfalls alle, die den Untergang Dresdens erleben, auch der 22jährige Kurt, der nun immer wieder von seinen Erlebnissen schreiben will, aber weite literarische Umwege unternehmen, sich mit narrativen Beruhigungspillen wie Zeitreisen und Außerirdischen versorgen muss, um noch einmal in den Februar 1945 zurückkehren zu können. Und der sich immer wieder kaputtlacht, um nicht weinen zu müssen. Das zeigt schon sein erster Brief an die Angehörigen nach Kriegsende, in dem er kursorisch sein Martyrium beschreibt. »Laut der Genfer Konvention brauchen Offiziere und Unteroffiziere nicht zu arbeiten, wenn sie gefangengenommen werden. Ich bin, wie Ihr wisst, Gefreiter. Am 10. Januar wurden hundertfünfzig solcher minderen Wesen nach Dresden in ein Arbeitslager geschafft. Aufgrund meiner geringen Deutschkenntnisse war ich ihr Anführer. Es war unser Unglück, sadistische und fanatische Aufpasser zu haben … Nachdem ich zwei Monate lang verzweifelt versucht hatte, unsere Lage zu verbessern, und bei den Aufpassern nur auf verbindliches Lächeln gestoßen war, sagte ich ihnen, was ich mit ihnen machen würde, wenn die Russen kämen. Sie schlugen mich ein bisschen zusammen.« Am Ende zieht er Bilanz. »Wenn ich zu Hause bin, bekomme ich einundzwanzig Tage Erholungsaufenthalt in Attenbury, etwa 600 Dollar ausstehenden Sold und – stellt Euch das vor – sechzig (60) Tage Urlaub!«

Folgen der Automatisierung

Immer geht es ihm auch darum, ob man irgendwas hätte ändern können. Vermutlich nicht. Dass der Mensch einen freien Willen hat, stellt er in seinem Werk mindestens genauso oft in Frage wie die Idee von einem Gott, der alles auf Erden oder sonstwo in der Galaxis schon ganz gut eingerichtet hat. Beides sind Vorstellungen, die man offensichtlich nicht mehr erträgt, wenn man durch die Hölle gegangen ist.

Nach dem Krieg arbeitet er eine Weile als Reklamemensch für General Electric, und hier holt er sich vermutlich die Anregungen für seinen ersten Science-Fiction-Roman ­»Player Piano« (1952), der sich mit den dystopischen Folgen der Automatisierung auseinandersetzt. Die Plebejer kommen aus dem Dritten Weltkrieg zurück und sehen, dass man sie nicht mehr braucht, weil ihre Arbeit in den Fabriken mittlerweile von Maschinen erledigt wird. Wie einst Ned Ludd und seine Leute, die im Vormärz die mechanischen Webstühle schrotteten, machen sie kaputt, was sie kaputt macht. Auch Vonnegut bleibt zeit seines Lebens ein »Luddit«. Einer, der »neumodischen Mistkram« hasst und vieles davon wirklich gern kaputt gemacht hätte.

Narrative Finesse

So benutzt er weiterhin eine Schreibmaschine, und in einem seiner letzten Essays erzählt er auch, warum. Das unordentliche Manuskript gibt ihm nämlich die Gelegenheit, mit seiner Sekretärin Carol zu telefonieren und sich wunderbar zu unterhalten. Danach darf er wegen eines Briefumschlages zum Kiosk gehen – um den Text Carol zu schicken –, sich in die Schlange stellen und mit vielen netten Menschen reden und schließlich sogar an der Gummierung lecken. Auf all diese schönen Dinge mag er einfach nicht verzichten. Vonnegut besaß Selbstironie und Charme für zwei – und man sympathisiert mit ihm auch noch, wenn man anderer Meinung ist.

Seine ersten Bücher verkaufen sich nicht besonders, aber er schreibt unterhaltsame Geschichten, die auf dem damaligen Zeitschriftenmarkt gute Preise erzielen. Professionelle Magazinware, nicht mehr, trotzdem ist man immer wieder berührt von der Güte und Empathie, die dieser Autor für seine kleinen Angestellten, Zeitungsjungen und freundlichen Dummköpfe aufbringt. Man merkt den Erzählungen zwar etwas zu deutlich an, dass sie einen besseren Menschen aus einem machen wollen, möchte aber gern glauben, dass es ihnen gelingt.

In einem Brief an seinen Autorenkollegen Harris Miller Anfang der fünfziger Jahre hadert er ein bisschen mit der Produktion solcher »5000-Wörtler«, diesem »gediegenen, glatten Bombast«. Er sichert ihm die Subsistenz, klar, aber er würde lieber langsam anfangen, Teil einer neuen »Schule« zu sein. Es wird jedoch noch über zehn Jahre dauern, bis er mit experimentellen und nach der ursprünglichen Definition des US-Literaturtheoretikers Leslie A. Fiedler »postmodernen« Texten wie »Cat’s Cradle« und »Slaughterhouse-Five« tatsächlich eine neue literarische Richtung mitprägt.

Vielleicht hätte auch so eine Art zweiter Philip K. Dick aus ihm werden können, der ein Taschenbuch nach dem anderen wegtippt, um seine Familie zu ernähren. Aber die Kritik merkt tatsächlich mal was, erkennt schließlich die narrative Finesse seiner Romane und die literarische Qualität seiner kalkuliert schlichten Prosa. Zumindest nach dem Bestsellererfolg von »Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug«, diesem großen Antikriegsroman, der auf dem Höhepunkt des Vietnam-Protests erscheint und ihn zu einer Ikone der Gegenkultur macht.

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