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Aus: Ausgabe vom 10.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Marxismus

Hallo, hier spricht die Weltgeistzentrale!

Genuss der Negation: Reinhard Jellens popmarxistisches Best-of »Ironie und Warenfetischismus«
Von Dieter Kraft
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Wartet seit 500 Jahren auf die Erfüllung des bürgerlichen Glücksversprechens: Goldfisch

Wie rezensiert man ein Buch eines Autors, der sich ganz fröhlich als »kritischer Stalinist und Gefühlsdemokrat« bezeichnet? Am besten wohl auch ganz fröhlich. Und Freude kommt bei Reinhard Jellen aller­orten auf. Das verspricht schon der Untertitel seines Buches: »Schriften zu Philosophie, Kultur, Sex, Drogen und Northern Soul«. Eine delikate Mischung, mit der wohl auch angezeigt sein soll, dass die Lektüre nichts für grimmige Konventionalisten ist. Aber selbst die würden auf ihre Kosten kommen, so sie denn Freunde des Georg Christoph Lichtenberg sind und den Aphorismus und das Bonmot zu schätzen wissen. Und davon finden wir bei Jellen auf fast jeder Seite etwas.

Nur wenige Kostproben: »Das Erinnerungsvermögen eines Goldfischs beträgt ungefähr fünf Sekunden. Wenn also ein Goldfisch in seinem Aquarium seine Runden dreht, erblickt er stets eine aufregende, neue Beste-aller-Welten-Welt. Man kann also behaupten, dass im Glücksbegriff des bürgerlichen Individualismus, also in dem, was der Leser des Süddeutsche-Zeitung-Magazins sein eigen dünkt, immer auch ein Goldfisch mitschwimmt.« – »Seit der Romantik wird in Literatur und Lyrik nicht mehr die Welt, sondern der Abstand des Dichters zu ihr thematisiert, was Subjektivismus und Weltleere zur Folge hat, bis heutzutage gewissermaßen der Text die Welt ersetzt.« – Einer geht noch: »Man kann keine richtigen Gedanken vertreten, die man selbst nicht verstanden hat. Mit der volkstümlichen Hitparade lässt sich schlecht für den Sozialismus argumentieren. Naive Linke, die in ihrer Einfalt richtige Positionen falsch vertreten, sind keine Feinde, sondern unabsichtliche Hilfsarbeiter des Kapitals.«

»Ironie und Warenfetischismus« lautet der Haupttitel des Buches, das sich nur schwer einem bestimmten Genre zuordnen lässt: 105 Texte, die bisweilen kaum eine Seite füllen, die meisten davon als Kolumnen für diese Zeitung verfasst – und zugleich umfangreichere Essays zu Thomas Mann, Ernst Bloch, Goethe und Lukács, zur Rechtsphilosophie, zur Frankfurter Schule oder zum Begriff der »sozialen Gerechtigkeit« seit der Ära »Rot-Grün«. Keiner der Texte ist datiert, und dennoch wirkt der Band geradezu wie eine Biographie in nuce. Jedenfalls zeigt uns Jellen ganz freimütig, womit er sich so beschäftigt, was er so alles erlebt hat, was er liebt und was er verachtet – und warum man ohne Hegel und Marx gar nicht richtig denken kann. Und daneben: »Pornographie«, »Busen«, »schlechter Geschmack«, »Fahrradfahren«, »Sex, Drogen, Alkohol«, »Sex, Pizza, Surfen, Selbstmord« – und warum nicht: auch »linker Sex«. Und ganz viel Northern Soul. Das ist des Rezensenten Musik nicht; aber gespielt hat er sie auch schon.

Eine erstaunliche Vielfalt. Die aber nicht verwundert, wenn man sich die Autorenvita anschaut. Jellen ist zwar ein zünftiger Philosoph und Soziologe, aber als »freier Autor« natürlich »doppelt frei«. Und so hatte er über Jahre nicht nur besagte Kolumne zu kulturtheoretischen Themen in der jungen Welt, er verdient sein Geld auch als Hilfsarbeiter und wahrscheinlich nicht ungern auch als Northern-Soul-DJ. 2017 erschien im Mangroven-Verlag sein Buch »Pop-Marxismus – Nachrichten aus der Weltgeistzentrale«, ebenfalls eine Auswahl aus den Kolumnen.

So macht der Autor hier etwas, das er sich als verbeamteter Philosophieprofessor kaum wagen dürfte: Er kritisiert schonungslos, zudem oft in einer Sprache, die aus der Gosse stammt. Jawohl, würde Jellen wahrscheinlich sagen: Diese Sprache entspricht genau der politischen Verortung jener, die ich kritisiere. Und seine Palette ist breit und reicht von den Rechten bis zu den Linken; und wer sich in der Mitte tummelt, der ist ohnehin schon erledigt, denn ein bayrischer Marxist mit katholischer Kinderstube pfeift auf des Aristoteles’ »Mesótes«. Alles will er sein, nur nicht mittelmäßig.

Vom »Lager der total verblödeten Linken« darf natürlich auch ein Münchner Ordinarius reden, auch wenn der wahrscheinlich ganz andere meinen dürfte. Aber er würde natürlich nicht von der »Disziplin des Arschkriechens« sprechen, von »Edelschleimtrompeten im postmodernen James-Last-Orchester« und von dem »Schoß des Bundeskanzlerzwerges«, auf dem die verzwergte »blöde Linke« schließlich landen würde und möchte.

Aber nicht nur die Linke, alle bekommen ihr Fett weg: Philosophen, Entertainer, Politiker und Hochstapler aller Art. Manchmal sind die auch schon eine Weile tot. Leider gibt es kein Personenverzeichnis, sonst könnte man problemlos alle aufzählen, die in diesem Fett schwimmen. Jellen gefällt sich auch ein wenig in der Schlammrhetorik, und so wird denn aus dem von jedem staatstreuen Bürger pflichtgemäß verehrten Immanuel Kant ein »Königsberger Zwetschkenmännecken«, bloß weil der, von Hegel natürlich gerügt, in seiner Ethik ständig Inhalte voraussetze, die er dann zur Norm erkläre. Und warum regt sich Jellen darüber so despektierlich auf? Weil bei Kant »bürgerliche Rechtsmuster zu substantiellen anthropologischen Grundkonstanten erhoben« werden! Da kann man allerdings die Contenance verlieren.

Das freilich fällt Jellen nicht besonders schwer, gerade auch wenn es um Namen wie Michel Foucault, Gilles Deleuze oder um den »abgehobenen Schwurbelheini« Louis Althusser geht. Die Namen der Entertainer läßt der Rezensent aus kulturästhetischen Gründen hier lieber weg. Aber erwähnt werden soll doch zur Mischung von Politik und Hochstapelei Jellens vom »Grauen« gepackte Frage: »Hatte seinerzeit nicht Robert Havemann mit dem verrückten Wolf Biermann in zahlreichen spiritistischen Sitzungen den Geist des wahren Sozialismus beschworen, der eines Tages dann prompt mit Kevin Kühnert und Katja Kipping manifeste Gestalt annehmen sollte?« Und Jellens Grauen schwappt denn auch über seine nüchtern wirkende Feststellung: »Seit Adolf Hitler hat niemand der Demokratie mehr Schaden zugefügt als dieses Duo (Gerhard Schröder und Jockel Fischer), das ästhetisch wie politisch durch das Triumvirat Kerstin Müller, Claudia Roth und Renate Künast vervollkommnet wurde.«

Das ist nun alles starker Tobak. Und wer ein Freund des Kabaretts ist, der sollte sich den Jellen unbedingt anschaffen. Denn im Kabarett geht es zwar drastisch und lustig zu, es wird aber nicht gelogen.

»Ironie und Warenfetischismus« – der Buchtitel ist auch der Schlüssel für eine heilsame Lektüre. Er stammt vom Essay »Ironie und Warenfetischismus in der Novelle ›Wälsungenblut‹ von Thomas Mann«. Völlig zutreffend, lesen wir dort: »Wie mit einem Brennglas bündelt Thomas Mann in seinen Protagonisten die Widersprüche und Entfremdungsphänomene der bürgerlichen Gesellschaft und macht sie für den Leser anschaulich.« Die jüdischen Zwillinge Siegmund und Sieglinde tragen nicht nur hochgermanische Namen, sie haben auch – wie in Wagners »Walküre« – ein inzestuöses Verhältnis. Dennoch wird Sieglinde einen in der Gesellschaft etablierten Germanen heiraten, denn anders will die Assimilation nicht gelingen. Der Warenfetischismus hat seinen Preis. Ein barbarischer Widerspruch, der ertragen wird nur durch eine »geistig hoch­stehende Ironie«. »So negiert die Ironie die Wirklichkeit – indem sie von ihr abstrahiert, sie also zu einem geistigen Exklusivgegenstand macht und diesen je nach Belieben verwirft oder bestätigt. Sie genießt sich selbst in dieser Negation – aber will sich andererseits selbst Wirklichkeit geben.«

Wohl nicht zufällig hat Reinhard Jellen diese Novelle besprochen. Sie beschreibt nicht nur Vergangenes, in ihr lässt sich auch Gegenwärtiges spiegeln. Jellens Ironie ist freilich weit derber als bei Thomas Mann. Aber man ahnt ihre innere Verfasstheit, wenn er schreibt: »Siegmunds Ironie ist durch die Ausgeschlossenheit von der Gesellschaft bedingt.« Jellen freilich will sich der warenfetischistischen Gesellschaft bewusst nicht assimilieren.

Reinhard Jellen: Ironie und Waren­fetischismus. Schriften zu Philosophie, Kultur, Sex, Drogen und Northern Soul. Mangroven-Verlag, Kassel 2021, 290 Seiten, 23 Euro

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  • Leserbrief von gregorogin aus Halle (12. November 2022 um 18:35 Uhr)
    Ironie und Wirklichkeit. Dieses Thomas Mann zugeschriebene Zitat hinkt auf beiden Beinen. Frage: Was ist Wirklichkeit? Mensch kann über Tatsachen bestimmen und Realität vorgeben, mehr nicht. Mit Wirklichkeit und Wahrheit ist Mensch heillos überfordert. Ironie bezeichnet einen Umgang mit Realität(en), welche diese verzerrt wiedergeben und zuspitzten kann. Damit kann sich Ironie nicht im geringsten Wirklichkeit geben, denn sie ist nur das Anhängsel der jeweils von Mensch erdachten Realität. Im Übrigen sei vermerkt, einen verblichenen, in bürgerlichen Kreisen angesehenen Autor zitieren, um dem eigens Verfassten Würze zu geben … Wer’s nötig hat.

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