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Aus: Ausgabe vom 09.11.2022, Seite 7 / Ausland
Kommentar

Ukrainische Gerüchteküche

Bericht über Verhandlungsfenster befeuert Spekulationen
Von Reinhard Lauterbach
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Wie lange werden die russischen Fahnen hier wehen? Denkmal im früher ukrainischen Tschornobaiwka (26.7.2022)

Berichte wie der aus der italienischen Tageszeitung La Repubblica vom Montag sind mit äußerster Vorsicht zu genießen: Washington dränge die EU und diese Kiew dazu, einem Fahrplan für Verhandlungen zuzustimmen, der folgendermaßen aussehen soll: Erst erobere die Ukraine mit oder ohne Kampf die Stadt Cherson zurück, dann öffne sich ein »kurzzeitiges Fenster« für Verhandlungen.

Der erste Einwand hierzu lautet, dass da die Haut eines Bären verteilt wird, der noch nicht erlegt ist. Noch steht Russland in Cherson, und sein Militär hat die Stadt angeblich in vergangener Zeit befestigt und bereitet sich auf Straßenkämpfe vor. Gleichzeitig sendet Russland zwar auch gegenteilige Signale, indem es die nach der Eroberung von Cherson gebildeten Behörden auf das linke Dnipro-Ufer evakuiert. Das ist natürlich auch nicht mehr als zweckmäßig, um deren »Ortskräfte« vor der Rache etwa zurückkehrender ukrainischer Behörden zu bewahren. Es ist Kabul am Dnipro.

Einiges spricht freilich dafür, dass die USA geneigt sein könnten, Russland ein derartiges Angebot zu machen: Cherson und damit die Option auf einen zweiten Vorstoß in Richtung Odessa aufzugeben, dafür aber den Landkorridor auf die Krim – d. h. den Großteil der im Frühjahr eroberten südukrainischen Gebiete – zu behalten. Vor allem die in der Repubblica-Indiskretion genannten Abschlussargumente sprechen dafür: Wenn Russland diesen Krieg nach allen Regeln der Kunst verliere, werde es noch abhängiger von China, und dieses stärke damit seine Position in Eurasien noch weiter. Die Ukrainska prawda, die den italienischen Artikel ausführlich zitiert, führt noch das Zitat an, ein »Gegner mit blauen Flecken« sei den USA nützlicher als ein inhaltlich unberechenbarer Putin-Nachfolger.

Und was spricht gegen einen solchen Deal? In erster Linie das auf praktisch null gesunkene Vertrauen der russischen Führung in die Verhandlungs- und Kompromissfähigkeit des von den USA angeführten kollektiven Westens. Der Sprecher des Präsidialamts, Dmitri Peskow, hat als Reaktion auf die italienische Veröffentlichung gesagt, auf diesem Feld gebe es unzählige Spekulationen oder offene Lügen. Deshalb könne Russland zu solchen Meldungen auch nicht Stellung nehmen, ohne davon überzeugt zu sein, dass sie ernst gemeint seien. Man kann das durchaus als Aufforderung an die USA verstehen, konkreter zu werden, wenn es ihnen ernst sei.

Das zweite Fragezeichen erhebt sich über den Hügeln des Kiewer Regierungsviertels. Hier hat man sich auf Maximalforderungen kapriziert, wie die, vor jedem Gespräch müsse sich Russland a) aus der gesamten Ukraine zurückziehen und b) ein neuer Präsident im Amt sein. Den Realitätscheck macht in Kiew zumindest öffentlich niemand. Das ist in gewissem Maße verständlich: Für die USA ist der Ukraine-Krieg ein Stellvertreterkonflikt, den man genauso wieder abschalten kann, wie man ihn losgetreten hat. Das Kiewer Regime aber kämpft um sein Überleben. Notfalls, bis alles in Scherben fällt.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 9. November 2022 um 12:10 Uhr)
    Es ist richtig: »Für die USA ist der Ukraine-Krieg ein Stellvertreterkonflikt, den man genauso wieder abschalten kann, wie man ihn losgetreten hat.« Mit Sanktionen (auch schon zuvor, seit 2014) und mit kriegerischen Drohungen wollte das Biden-Regime Russland auf die Knie zwingen, um außenpolitische Erfolge bei den Zwischenwahlen aufweisen zu können. Dies ist ihm eindeutig nicht gelungen. Für Russland besteht kein Grund von seinen Genfer Forderungen Abstand zu nehmen. Was das Kiewer Regime dazu meint, spielt keine Rolle, es ist nicht in der Lage selbst, ohne westliche Hilfe, etwas zu bestimmen, weder wirtschaftlich noch militärisch. Zwei Möglichkeiten ergeben sich: Erstens, eine ukrainische Kapitulation an Russland, was sehr unwahrscheinlich ist mit Selenskij. Zweitens, eine Verhandlungsaufnahme zwischen Russland und den USA, eventuell mit EU und ukrainischer Beteiligung, was eher realistisch erscheint.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum ( 9. November 2022 um 00:29 Uhr)
    Aus verschiedenen Quellen hörte ich, dass Russland (die russische Führung) sich bereits vollständig von der West- bzw. Europa-Orientierung gelöst hat und die Zukunft in Eurasien und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit sieht. Meine Vermutung ist (zu mehr reicht es wegen mangelndem Wissen über militärische und sonstige Ressourcen sowie der inneren politischen Stabilität Russlands nicht), dass Russland/Putin nicht geneigt ist, faule Kompromisse (»schmutziger Frieden«) einzugehen. Wie man an anderer Stelle in dieser Zeitung lesen kann, schwadronieren amerikanische Admiralskreise vom bevorstehenden Krieg gegen China (US-Admiral prophezeit Krieg gegen China, Seite 1, Zeit läuft ab, Seite 8). Beachtenswert ist, dass dessen Zeitpunkt immer mehr nach vorne gezogen wird, von 2034 über 2026 auf 2024. Vor diesem Hintergrund sollte man das »Lieferkettendiversivizierungsprogramm« der Grünen betrachten. Wie ich – insbesondere – Baerbock und Habeck einschätze, geht es denen dabei um genau diese Kriegsvorbereitungen, natürlich vegan, feministisch, LSBTIQ. Wenn es 2024 losgehen soll, muss noch der eine oder andere »Doppelwumms« kommen, bevor es rummst. Nur steht die Frage im Raum, was eine funktionierende Lieferkette nutzt, deren Abnehmer nicht mehr existiert. Wer glaubt, »den heißen Machtkampf um die globale Hegemonie zu entscheiden« (S.8., Die Zeit läuft ab), sei ohne Untergang der Menschheit möglich, liegt falsch. Diese Erkenntnis ist ein paar Jahrzehnte alt und aktuell wie damals.
    • Leserbrief von Arike aus Trier (12. November 2022 um 23:32 Uhr)
      Gut, treffend formuliert. Danke

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