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Aus: Ausgabe vom 09.11.2022, Seite 4 / Inland
Private Fluggeräte

Drohnenindustrie beflügelt

Deutsche Telekom will mitverdienen: EU fördert Reservate für unbemannte Luftfahrzeuge
Von Matthias Monroy
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Privatfirmen und Militärs setzten vermehrt auf die kleinen Flieger (Breitscheid, 26.3.2016)

Wie in Hamburg könnten auch bald im Hafen von Rotterdam kleine zivile Drohnen Testflüge innerhalb eines sogenannten »U-Space«-Luftraums durchführen. Das »U« steht für urban, also städtisch. Mit den von der EU geförderten Vorhaben soll Luftraum in Bodennähe, durch den kommerzielle Flüge von Quadrokoptern oder anderen kleinen Drohnen erfolgen, mit anderen durchfliegenden Hubschraubern oder Flugzeugen koordiniert werden. Ein »U-Space« ist nur einige hundert Meter hoch – wie hoch genau, das will die EU noch festlegen. Dazu dienen die Flüge in Hamburg und Rotterdam, die zunächst für bis zu zwei Jahre testweise erfolgen sollen.

Auch auf der am Dienstag gestarteten Luftfahrtmesse »European Rotors« in Köln sind Drohnen ein Thema. Zwar werden sie immer öfter von Rettungs- und Katastrophenschutzbehörden eingesetzt, etwa zur Vermisstensuche, Inspektion von Energieanlagen oder inzwischen auch zum Medikamententransport. Die Drohnenindustrie sieht das Potential aber längst nicht ausgeschöpft. Denn oft stehen die Drohnenbediener vor dem Problem, dass sich die Fluggeräte gegenseitig ins Gehege kommen oder andere Luftfahrzeuge stören. Projekte wie »U-Space« sollen deshalb Routinen für Aufstiegsgenehmigungen und Konfliktvermeidung mit anderen Luftfahrzeugen entwickeln.

In den städtischen Lufträumen gibt es – anders als in der zivilen und militärischen Luftfahrt – keine Fluglotsen. Deshalb durften kleine Drohnen bislang nur in der Nähe der Piloten fliegen. In den »U-Spaces« soll dies auch außerhalb der Sichtweite möglich sein. Allerdings geht dies auch mit mehr Überwachung einher. Jede Drohne wird dazu mit einer SIM-Karte ausgestattet, die darüber ihre Position und ihren Kurs mitteilt. Der zuständige Dienstleister autorisiert die Flüge und gibt den Drohnenpiloten Hinweise, wo sie fliegen dürfen.

Hier entsteht also ein wachsender Markt, an dem auch Telekommunikationsdienstleister verdienen können. Früh erkannt hat dies die Deutsche Telekom, die am Hamburger Hafen als »U-Space«-Service-Provider fungiert. Hierzu hat der Konzern die Frankfurter Firma Droniq gekauft, die allerdings in Teilen auch der Deutschen Flugsicherung gehört. Nach Einschätzung von Achim Friedl vom Verband für unbemannte Luftfahrt im deutschsprachigen Raum könnten die ersten dauerhaften »U-Spaces« im Herbst 2023 eröffnet werden. Der Lobbyist ist ein Daniel Düsentrieb der Drohnenindustrie und hat auch mit Überwachung kein Problem. Bis zu seiner Verrentung war Friedl Referatsleiter im Innenministerium, zuständig für Technik bei der Bundespolizei und den Bereitschaftspolizeien der Länder.

Noch ist der kontrollierte Drohnenbetrieb im Rahmen der »U-Spaces« aber nicht rentabel, kritisiert Friedl. Darauf weist auch der Droniq-Firmenchef Jan-Eric Putze gegenüber der Nachrichtenagentur dpa hin, der sich deshalb möglichst große Lufträume als »U-Spaces« wünscht. Dadurch werde ihre Nutzung attraktiver, und die Nachfrage nach Flügen steige, so Putze. In den Startlöchern sitzt auch die Firma Quantum Systems aus dem bayerischen Oberpfaffenhofen, die senkrecht startende Starrflüglerdrohnen unter anderem an die Deutsche Bahn, aber auch an das Militär in der Ukraine verkauft. »Eine erfolgreiche Einführung von U-Spaces wird die Drohnenindustrie beflügeln«, sagte Firmenchef Florian Seibel der dpa.

Zu kämpfen haben die Hersteller und Betreiber aber mit Vorbehalten in der Bevölkerung, die mit massenhaft umherschwirrenden Drohnen nicht nur in Industriegebieten ein Problem haben dürfte. »Die Drohne ist nicht dazu da, heimlich den Nachbarn zu fotografieren, sondern um mit ihren ganzen vielfältigen Facetten das Leben zu verbessern«, wirbt Droniq-Chef Putze. Dafür soll jetzt die Gesetzgebung entsprechend geändert werden. Die EU-Kommission hat bereits in einer Rahmenverordnung festgelegt, dass ab Ende Januar außerhalb der Sichtweite geflogen werden darf. Wie das genau gemacht wird, bleibt den Mitgliedstaaten überlassen. Auch das Bundesverkehrsministerium will deshalb im kommenden Jahr einen Vorschlag für ein »U-Space«-Gesetz vorlegen.

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