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Aus: Ausgabe vom 09.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Wer benutzt hier wen?

Die Doku »Rise Up!« verbreitet Zweckoptimismus für die Kämpfe der Zeit
Von Ronald Kohl
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Gute Stimmung auf der Straße: Warmtanzen für die Revolution

Die im Jahr 2018 produzierte Dokumentation »Hamburger Gitter« analysierte Polizeigewalt in Deutschland und erzielte beim Publikum eine enorme Wirkung. Die meisten Zuschauer, so Regisseur Marco Heinig kürzlich in einem Interview, »sind deprimierter aus dem Film herausgekommen, als sie hineingegangen waren«. Nun ließe sich spötteln, dass Heinig vielleicht genau deshalb für seinen zweiten Film »Rise Up!«, den er zusammen mit seinen Koregisseurinnen und -regisseuren Steffen Maurer, Luise Burchard und Luca Vogel gedreht hat, so reichlich staatliche Förderung einsacken durfte. Aber wer hier wen benutzt hat, ist noch die Frage.

Wo bleibt die BRD?

In einem Interview, das Heinig Radio eins gegeben hat, nennt er als ein Motiv für die neue Produktion, dieses Mal Optimismus verbreiten zu wollen. Vier Frauen und ein Mann berichten in »Rise Up!« von ihren zunächst aussichtslos erscheinenden politischen Kämpfen. Wobei sich die Geschehnisse auf verschiedenen Kontinenten und unter den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bedingungen zugetragen haben. Was alle eint, ist die hiesige offizielle Anerkennung als gerechtfertigtes Aufbegehren: der Kampf des ANC gegen die Apartheid in Südafrika, die Proteste der Schwarzen gegen den Polizeiterror in den USA, die jüngsten Ausschreitungen in Chile, die bewaffnete Autonomie kurdischer Frauen, und schließlich wird auch einer ostdeutschen Bürgerrechtlerin, die den DDR-Knast erfahren hat, reichlich Platz eingeräumt.

Es ist also zwar alles in allem eine beeindruckende Mischung, sie steht jedoch in völligem Widerspruch zu der von Marco Heinig formulierten Anfangsfrage des Films, die mit Blick auf das deutsche Publikum lautete: »Macht es hier noch Sinn, irgendwie groß was zu rocken?«

Anscheinend nicht. Denn es werden in »Rise Up!« weder aktuelle Strukturen des einheimischen Widerstands beleuchtet, noch kommen Veteranen, die als Linke im BRD-Knast gesessen haben, zu Wort. Allerdings verweist eine Stimme aus dem Off auf das in Westeuropa schlummernde Potential: die zunehmende Vermögenskonzentration, »Fabriken, die Menschen auf die Straße spucken«, und das wachsende Heer der allgemein Unzufriedenen. So ist davon die Rede, dass 37 Prozent aller Briten ihren Job als völlig sinnlos einschätzen. In der DDR waren es bestimmt nicht annähernd so viele, und trotzdem hat es gerumst.

Wie wenig Heinig wirklich für das Hier und Jetzt zu bieten bereit ist, lässt sich wohl am besten erkennen, wenn er im Interview behauptet, »dass es nicht unbedingt notwendig ist, aufzugeben.« Im völligen Kontrast zu dieser eher laschen Durchhalteparole stehen die Aussagen der Protagonistinnen im Film. Denn sie kennen sowohl den Kampf als auch den Sieg. Es gibt auch einen Grund, warum es beinahe ausschließlich Frauen sind, die darüber berichten. Heinig wollte laut eigenem Bekunden keine früheren Kämpfer vor die Kamera holen, die sich später Versorgungsposten geangelt hätten. Und da wären eben fast nur Frauen übrig geblieben, egal, ob nun in Ostdeutschland oder in Südafrika.

Die Richtigen schubsen

Das konsequente Infragestellen parlamentarischer Gesellschaftskonstruktionen ist einer der beiden bemerkenswerten Aspekte des Films. Der andere ist die offensichtliche Toleranz bewaffneter Gegenwehr, die sich aus den dargestellten Gegebenheiten ganz selbstverständlich abzuleiten scheint. Der schwarze Protagonist aus den USA sagt: »Wenn sich die Liberalen durch die Erfolge der Linken bedroht fühlen, hetzen sie die rechten Kettenhunde auf uns. Immer wieder. Auch auf die Gefahr hin, dass es zum Faschismus kommt.«

Als Marco Heinig von der Radio eins-Moderatorin nach der gewünschten Wirkung seines Films gefragt wird, antwortet er darauf, dass alle, die hierzulande aufgegeben hätten, ihre liegengelassenen Projekte wieder aufnehmen mögen. Was von der Moderatorin sogleich als wunderschönes Schlusswort bejubelt wird. Wenn die wüsste, wie das ausgehen könnte. Aber das ist Marco Heinig: Die einen lullt er ein, die anderen schubst er vorwärts. Hoffentlich nicht die falschen. (Die potentiellen Parlamentarier.)

»Rise Up!«, Regie: Marco Heinig (u. a.), BRD 2022, 89 Min., bereits angelaufen

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  • Leserbrief von Jürgen Kessler aus Berlin (16. November 2022 um 17:51 Uhr)
    »Das Heinig (…) so reichlich staatliche Förderung einsacken durfte« ist nicht nur ein peinlicher Auftakt für eine solche Filmrezension, sondern vor allem ein Hinweis darauf, dass der Autor keinen blassen Schimmer von seinem Metier zu haben scheint. Recherche aber für überflüssig hält. Filmförderung wird nicht anhand des Drehbuchs oder für den »Inhalt« vergeben. Anders verhält sich dies mit TV-Sendeplätzen. Und wenn es jemals einen Filmemacher gab, der eine Kinodoku mit Auslandsdreharbeiten und ohne Beteiligung der Öffentlich-Rechtlichen produzieren konnte und dabei am Ende nicht mit ’nem großen Minus rauskam – dann wäre das schon ein magisches Kunststück. Alle, die auch nur einen Hauch vom Dokumentarfilm verstehen, wissen dies – der Filmkritiker der jungen Welt offensichtlich nicht. So hätte der Artikel auch mit einem Glückwunsch beginnen können, dass hier für so einen Stoff Filmförderung eingesammelt werden konnte, was sicher ein Monsteraufwand war – aber der Autor gefällt sich besser in billiger Missgunst und der Unterstellung, dass hier »reichlich eingesackt wurde«. Zum Fremdschämen.

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