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Aus: Ausgabe vom 07.11.2022, Seite 2 / Inland
Hinter Gittern

»Das Leben in Freiheit wird verlernt«

»Aktionstage Gefängnis«: Kritik am Haftsystem, das in erster Linie herrschende Verhältnisse aufrechterhält. Ein Gespräch mit Lisa Schneider und Jan Tölle
Interview: Henning von Stoltzenberg
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Bei den »Aktionstagen Gefängnis« soll auf die Situation inhaftierter Menschen aufmerksam gemacht werden

Gefängnis, Kultur, Gefängniskultur: Unter diesem Motto finden aktuell die diesjährigen »Aktionstage Gefängnis« statt. Was meinen Sie mit Gefängniskultur?

Lisa Schneider: In einem herkömmlichen Sinne wird darunter die Kultur der inhaftierten Menschen verstanden, die zumeist als »Subkultur« herabgewürdigt wird. Unser Bündnis versteht den Begriff aber anders: Es geht uns um die Art und Weise, wie Menschen im Gefängnis zusammenleben und welche Formen der Alltagsbewältigung und der Aushandlung sie sich dort schaffen. Gefängniskultur bezieht sich also auf all das, was inhaftierten Menschen geschaffen haben. Dazu gehört auch, wie sie sich künstlerisch ausdrücken. Darüber hinaus beschäftigen wir uns mit der Frage, wie wir als Dominanzgesellschaft, die nicht in Gefangenschaft lebt, dazu beitragen, dass diese Institution aufrechterhalten wird.

Was erwartet Besucherinnen und Besucher bei den Aktionstagen vom 1. bis 10. November?

Jan Tölle: Es gibt ein breites Spektrum an Angeboten: Vorträge, Projektvorstellungen verschiedener kultureller Bildungsangebote, Theatervorstellungen, Filmvorführungen, aber auch Lesungen. Gefängniskultur soll in all ihren Facetten gezeigt werden.

Die »Aktionstage Gefängnis« finden seit 2017 statt und werden von einem Bündnis aus karitativen und linken Organisationen getragen. Was ist der gemeinsame Nenner?

J. T.: Unser Ziel ist es, auf das Thema Gefängnis und auf die Situation inhaftierter Menschen aufmerksam zu machen. Ihre Stimmen sollen im Rahmen der Aktionstage nach draußen getragen werden. Die verschiedenen teilnehmenden Organisationen haben unterschiedliche Haltungen zu den Fragen, ob es Gefängnisse geben sollte oder wie der Rückbau des Gefängnissystems geschafft werden kann. Einig sind wir uns aber in dem Punkt, dass diese Institution problematisch ist und dass Menschen dort nicht gut untergebracht sind. Das muss sich ändern, unabhängig davon, wie wir generell zum Gefängnis stehen.

Sie wollen auf Missstände und grundsätzliche Probleme hinweisen. Was sind Ihrer Meinung nach die schwerwiegendsten?

L. S.: Das ist ein Fass ohne Boden – andersherum gefragt: Was gewinnt die Gesellschaft durch das Haftsystem eigentlich? Wenn wir so fragen, dann sehen wir, dass durch das gezielte Kriminalisieren und Einsperren von armen, mehrheitlich rassifizierten Personen in erster Linie die herrschenden Verhältnisse aufrechterhalten werden. Auch die Situation im Gefängnis ist schmerzhaft und gefährlich. Innerhalb des Systems erfahren die Menschen Unterdrückung und Diskriminierung – Erfahrungen, die Spuren hinterlassen. Das zeigt sich besonders im Leben nach der Haft. Häufig sind soziale Netzwerke weggebrochen, die Wohnung ist weg, der Arbeitsplatz verloren – so wird das Leben in Freiheit verlernt. Hinzu kommt, dass ehemals Haftbetroffene vielen Vorurteilen ausgesetzt sind. Das System Gefängnis hat extrem schädliche soziale Folgen und hilft nicht, das Versprechen von mehr Sicherheit einzulösen.

Wie reagieren Politik und Justizbehörden auf Ihre Initiative? Gibt es Unterstützung, Ablehnung oder Nichtbeachtung?

J. T.: Wir beschäftigen uns seit 15 Jahren mit Gefängniskritik. Und insgesamt werden wir damit auch gehört und wahrgenommen, zumindest mehr als in den 90ern und frühen 2000ern. Es kommen immer wieder politische Akteurinnen und Akteure mit Fragen auf uns zu. Insgesamt würden wir uns aber noch mehr Interesse wünschen. Fast alle Institutionen der Straffälligenhilfe, auch im Bündnis »Aktionstage Gefängnis«, arbeiten in extremer finanzieller Unsicherheit. Um Menschen vor, in und nach der Haft zu unterstützen, bräuchte es ein justizunabhängiges Finanzierungssystem.

Lisa Schneider ist Sonderpädagogin und Kriminologin, Jan Tölle ist Sozialarbeiter und Supervisor. Beide engagieren sich im Organisationsbündnis »Aktionstage Gefängnis« und arbeiten für den gemeinnützigen Verein »Exit – Enter Life«, der sich für emanzipative Bildung im und über das Gefängnis einsetzt

aktionstage-gefaengnis.de

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