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Aus: Ausgabe vom 05.11.2022, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
Literatur

Wer war Burkitt? – Zehn Jahre später

Von Klaus Weber
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»Den Namen ›Burkitt‹ habe ich vorher nie gehört ...«

»Ich lerne nichts Neues mehr. Weil ich nicht will.

Neues braucht man für später, Bücher liest man in der Zukunft.

Das Wort hat für mich keine Bedeutung. Ich kann

den heutigen Abend in Gedanken berühren,

dahinter ist nichts.«

Wolfgang Herrndorf, 2013, »Arbeit und Struktur«, 386

Wer über seine Krebserkrankung schreibt, reiht sich ein in die Gruppe der »Überlebenden: Diese Gewinner:innen machen berichtend Beute«, schreibt die Brustkrebsüberlebende Anne Boyer in »Die Unsterblichen. Krankheit, Körper, Kapitalismus«, das 2021 erschien. Doch wie kann ich schreiben, ohne Beute zu machen; ist doch Literatur darauf angewiesen, dass die Leser mit meinem Text etwas »anfangen« können, dass er eine »Auftreffstruktur« findet, wie Louis Althusser das sagen würde. Als Autor bin ich Subjekt wie Objekt des Geschriebenen; als »Überlebender«, der politisch fühlt, denkt und handelt, schreibe ich an sowohl gegen die Begriffe und Kategorien, mit der die Medizin eine »Krebserkrankung« (auch dieses Wort ist völlig unzureichend für die damit verbundenen Erfahrungen) einzufangen gedenkt, als auch gegen den im Krebsgewerbe alltäglich auftretenden Wahn der Esoteriker, die mit Hanföl, Himbeeren, Aprikosenkernen (gemahlen!) oder Handauflegen glauben, Krebs heilen zu können.

Den Namen »Burkitt« habe ich vorher nie gehört; und mit dem Wort »Lymphom« oder gar »Non-Hodgkin-Lymphom« konnte ich nicht viel anfangen.

Januar/Februar 2012

Ab und zu habe ich gefastet, um die vielen Weihnachtsplätzchen meiner Mutter weniger sichtbar zu machen. Im Januar 2012 muss ich mich schon bei dem Gedanken daran übergeben und beschließe, nicht zu fasten. Im Februar bin ich wie jedes Jahr mit Freunden oder allein auf Skitouren. Meist geht es mit Fellen an den Skiern 1.000 Höhenmeter bergauf, um anschließend je nach Schneelage eine Tiefschneeabfahrt zu genießen oder aber im Bruchharsch wie ein Anfänger sich den Hang runterzuquälen. Zur Stärkung gibt es Fruchtriegel oder eine Banane; eigenartigerweise wird mir bei jeder Mahlzeit übel. Ein erster Arztbesuch: Vielleicht handelt es sich um ein Magenproblem; ich soll basisch essen und Kamillentee trinken.

März/April 2012

Im März bekomme ich stechende Schmerzen im Rücken und im linken Brustbereich. Der Hausarzt macht einen Ultraschall, schickt mich sofort ins CT und vereinbart anschließend einen Termin mit dem nahe gelegenen Klinikum: Zur genaueren Bestimmung des im Bauchbereich liegenden »Krebsmaterials« ist eine Biopsie notwendig. Einen Tag vor dem »Einmarsch« ins Klinikum gehe ich meine – vielleicht – letzte Bergtour. Ein Fläschchen Novalgin hilft mir, sie relativ schmerzfrei zu absolvieren. Nach der Biopsie, die das Ergebnis Burkitt-Lymphom zeitigt, verbringe ich einige Tage auf der Chirurgie (ein Port wird »eingesetzt«), um dann auf die Station G22 zu wechseln, die für 196 Tage zu meiner »Heimatstation« wird. Am 20. April 2012 starte ich mein Kliniktagebuch mit den Worten: »Die Chemo soll heute schon beginnen. Endlich. Einige Sorgen, ob es klappt, weniger, wie schlecht es mir gehen wird … Ich merke, dass der ›Kampf‹-Gedanke sich ändert. Es ist wohl eher ein Krieg, geführt mit Ruhe und Gelassenheit und viel Sorge um mich. Das Erkranken am Lymphom war Zufall: Gott – gäbe es ihn denn – hat gewürfelt.«

Zehn Jahre später

Woher ich die Ruhe und Gelassenheit nahm, ist mir heute ein Rätsel. Wenn ich mein Tagebuch lese, werde ich eher unruhig und ängstlich, auch traurig. Ich erinnere mich, dass es exakt drei Wochen dauerte, bis ich »wusste«, dass Burkitt keine Chance haben wird. Drei Wochen mit Träumen von blutigen Türrahmen, von ausweglosen Situationen in verschlossenen Räumen, in die Wasser eindringt, und von Türen, die ich nicht erreiche. Dann ein Traum, in dem ich es schaffe, am Bahnhofsvorplatz meiner Geburtsstadt so schnell zu laufen, dass ich gerade noch den Bus nach Rosenheim erwische. Der Busfahrer schickt mich auf einen Platz im hinteren Teil, weil die vorderen Plätze durch Beethoven und Goethe besetzt sind. Ich wache auf und weiß: Es wird klappen, »wenn alles nach Plan geht«, wie es im Tagebuch steht. Als nächster Satz ist dort allerdings zu lesen: »Und hier geht nie alles nach Plan.«

Mai/Juni 2012

Ich realisiere langsam, dass ich erst im November des Jahres (wenn alles gutgeht) aus dem »Therapiearm für Patienten ­18–55 Jahre«, wie es in der trockenen Verwaltungssprache heißt, rauskomme. Sechs »Blöcke« mit unzähligen Chemobeutelchen, mit Hunderten von Cortisontabletten und anderen Medikamenten, deren Namen ich tagtäglich säuberlich aufschreibe. Aus einem Brief an meinen neunjährigen Sohn: »Ich muss viel über Medikamente lernen, damit sie mir richtig guttun.« Der »schön­ste«, weil gelbe Chemobeutel, enthält zugleich die »tödlichste« Dosis: Methotrexat (MTX). Tödlich für den Krebs, tödlich auch für viele, die mit mir im Krankenhaus liegen. Jede Woche werden zehn bis zwanzig Beutelchen mit Gift verabreicht, das ich nicht kenne und auch nicht kennen will. Nach der ersten »Chemorunde« darf ich (nach erfolgter Rückenmarkpunktion plus Punktionsschmerz) für ein paar Tage nach Hause. Glück im Unglück: Ich wohne keine fünf Kilometer vom Klinikum weg und kann also im Notfall schnell dort »einlaufen«. Die Schönheit des Zuhauseseins wird – wie jedes Mal, was ich noch nicht wissen kann – rüde zerstört durch den Schmerz meiner zerfetzten Mundschleimhaut. Einzig Morphium hilft – also: 4,5 Tage Klinikbett, zwölf bis 15 Mal hintereinander Grießbrei oder Pudding als einzig verträgliche Essensration. Für das erste Croissant, das ich mit wunden Lippen nage, benötige ich mehr als eine halbe Stunde … Pfingsten kann ich nach der zweiten Chemo und der zweiten Morphinrunde wieder raus: Besuch bei den Eltern und bei meinem Sohn, der beim Reiten auf einem oberbayerischen Pony­reithof einigermaßen glücklich ist. Ein Drittel geschafft.

Zehn Jahre später

Heute weiß ich, dass in einem der Beutelchen Cyclophosphamid »verborgen« war. Es ist die »medikalisierte Variante eines Stoffes, der 1969 am Kaiser-Wilhelm-Institut unter dem Namen ›Lost‹ als chemische Waffe entwickelt wurde«, viel bekannter unter dem Namen »Senfgas«, wie Boyer schreibt.

Keinem Krebspatienten kann und will ich Ratschläge geben. Und dennoch: Ich war verwundert, dass ich morgens um viertel nach sieben der einzige war, der im Klinikgarten (nach einer warmen und kalten Dusche) spazieren ging: Amseln sangen, und die Sonne wärmte die beleidigte Haut, ich war erstaunt, dass viele sich nicht die Klamotten anzogen, die sie »gesünder« aussehen ließen, sondern ihre labbrigen Bademäntel trugen; ich war froh, dass ich die Tage zu Hause genutzt hatte, um mir für jeden Tag in der Klinik mindestens einen Besuch zu organisieren. Und ich war glücklich über die Worte des Chefarztes, die – ich konnte es ihm Jahre später sagen – da hießen: »Wir behandeln sie auf Heilung und nicht auf Zeit.« Natürlich wusste ich, dass keine Wunder geschehen; von jeglicher Esoterik bin ich weit entfernt: Doch jedesmal, wenn ich nur ansatzweise Zweifel am »Überleben« hatte, gaben mir des Chefarztes Worte einen Energieschub, der mindestens so heilsam für die Seele war wie »Capri-Eis« für die Mundschleimhaut (und wie wichtig Eis bei brennenden Schmerzen im Mundraum ist, können wohl nur Chemopatienten ermessen). Ebenso wichtig wie diese Hoffnungsworte waren die Gespräche mit der Psychoonkologin. »Wie sagen wir es unserem Sohn?«, war eine Frage, auf die meine Frau und ich keine Antwort wussten. »Sagen Sie ihm die Wahrheit«. Also: Jakob erfuhr, dass ich Krebs hatte und Sterben eine Möglichkeit sein könnte. Dass er einigermaßen gut mit der Wahrheit umgehen konnte, zeigt eine Postkarte, die er mir im August von der Nordsee schrieb: »Wie geht es den Kaninchen? Und wie geht es Dir?«

»Auf dem Höhepunkt der Behandlung gleicht [Krebs] einem

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»Natürlich wusste ich, dass keine Wunder geschehen ...«

Generalstreik: die Haare streiken, die Wimpern streiken,

die Augenbrauen streiken, die Gedanken streiken,

die Sprache streikt, die Emotionen streiken,

die Vitalität streikt, der Appetit streikt,

Eros streikt, … die Leistungsfähigkeit streikt,

Das Immunsystem streikt …«

(Anne Boyer, 2021, »Die Unsterblichen«, 75)

Juli/August 2012

Vier Chemorunden sind vorbei; nach der dritten bin ich in der Lage, mit dem Rad Richtung Starnberg zu einem Biergarten zu fahren, hin und zurück zwanzig Kilometer. Die muskelschwachen Oberschenkel und Waden im warmen Sommerwind tretend, kommen mir die Tränen. Am Tag danach muss ich in die Klinik zur hoffentlich vorletzten Torturrunde. Der Oberarzt fragt mich, wieso ich so »gut« aussehe. Ich erzähle ihm von meiner Glücksradtour, doch er ist ganz und gar nicht einverstanden mit so viel Unvernunft (»Was da alles passieren kann«). Mit dem Satz: »Für Sie ist ja Nasenbohren schon Sport, deswegen verstehen Sie mich nicht«, lasse ich ihn und seine Zigarette am Südeingang der Station allein zurück. Nichts fällt mir so schwer wie die Tage der fünften Chemo, nicht nur, weil Frau und Sohn im Urlaub sind, sondern weil sie eben noch nicht die Tage der letzten »Runde« bedeuten. Kann ich beim sechsten Durchgang jedes Chemosäckchen mit einem »never more« abhaken, so ziehen sich die Tage Anfang August unendlich lange hin. Als »Gegenmittel« beginne ich zu notieren, was ich nach meiner Entlassung alles machen werde: Berggipfel, Buchprojekte, politische Aktivitäten, Skitouren, Akkordeonstücke usw. Doch das reicht nicht. Psychisch und sozial bin ich down. Ich benötige von den Ärzten Klarheit, die ich mir selbst nicht mehr verschaffen kann. Aus dem Tagebuch: »Ich brauche eine Ansage der Ärzte zur Prognose. Ich will hören, dass ich gut drauf bin und dass sie es gut finden, wie ich die 5 + 6 machen werde. ›Sie machen das gut‹, ›Wir kriegen Sie da gut durch, so wie Sie das machen‹ oder ähnliches.« Obwohl oder gerade weil ich kurz vor dem Ende der »Therapie« bin, wird die Angst immer größer: Angst vor einem »Rezidiv« (ein harmloses Wort mit grausamer Bedeutung), Angst davor, den Kopf und die Muskeln nicht mehr in Gang zu kriegen, Angst vor Begegnungen mit Freundinnen und Freunden, die sich in der Krebszeit rar gemacht haben.

Zehn Jahre später

Wenn ich heute in meinem Krebstagebuch lese, muss ich weinen. Kurz vor der letzten Chemoreihe schreibt mein Sohn: »Ich hoffe, die Leukozüten haben einen guten Stand, gute Besserung, dein Jakob.« Wie belastend die Zeit für ihn war, kann ich nur daran ermessen, dass er heute kein Wort über Krebs, Gesundheit und Krankheit hören will. Wie belastend die Zeit für mich war, kann ich in den Augen derer lesen, denen ich von neun Monaten onkologische Station erzähle. Viele Geschichten sind schön, weil das Leben auf der Station G22 angesichts der Möglichkeit des Todes durch die be- und oft überlasteten Pfleger und Ärzte auf eine unglaubliche Art und Weise geborgen war (doch muss erwähnt werden: Dazu gehört auch das nicht immer »lautlose« Sterben von Mitpatienten; ich kann mich noch an jeden einzelnen von ihnen bis heute erinnern). Das lässt viele Sorgen, Ängste und Schrecklichkeiten »vergessen«. Nur zweimal seit 2012 habe ich das Tagebuch aufgeschlagen: Einmal in der Trennungsphase mit meiner Frau, um es ihr vorzulesen; und ein zweites Mal jetzt, um diese Zeilen zu schreiben.

»Man kann nicht leben ohne Hoffnung,

schrieb ich hier vor einiger Zeit,

ich habe mich geirrt.

Es macht nur nicht so viel Spaß.«

(Wolfgang Herrndorf, 2013, »Arbeit und Struktur«, 344)

Was ich vergaß

Nach der zweiten und der vierten Chemosession war jeweils eine Knochenmarkpunktion an der Reihe. Als Sportler besitze ich harte Beckenknochen, so dass der scharfe »Bischofsstab« (ein besonderes Drehskalpell) es schwer hatte, den Beckenknochen zu durchbohren, um Analysematerial (mein Blut, meine Knochensubstanz) zu gewinnen; vielmehr hatte es die Ärztin schwer: Brandblasen an ihren Händen zeigten, wie sehr sie sich abgemüht haben musste, genügend Material für das Labor zu »schürfen«. Ein paar Tage nach der er­sten Punktion – ich war gerade auf dem Gang unterwegs – läuft die Stationsärztin auf mich zu und rennt mich (meine Schwäche nicht bedenkend) fast über den Haufen. »Was ist denn los, Frau R.?«, frage ich. Außerordentlich glücklich teilt sie mir mit, dass fast der ganze Krebs weg ist – nur noch wenige Lymphknoten seien auffällig. Die zweite Knochenmarkpunktion wird regulär nach der vierten Chemo durchgeführt: Der Assistenzarzt kommt ein paar Tage später ins Zimmer und ruft: »Herr Weber, Sie sind krebsfrei!« Ich, schon im Fragen wissend, dass die Antwort negativ sein würde: »Muss ich dann die letzten zwei Chemoreihen doch noch machen?«; darauf der große Blonde mit dem schönsten Lächeln der Welt: »Wenn da noch irgendein ›Schläfer‹ sich in Ihrem Körper versteckt, dann hauen wir den mit den letzten Chemos kaputt!« Wer kann da »Nein« sagen?

Anne Boyer fängt die Problematik ein, die einen wie mich umfängt, wenn ich mich einen »Überlebenden« nenne: Es komme ihr immer noch »wie ein Verrat an den Toten vor. Aber ich gebe gerne zu, dass kein Tag vergeht, an dem ich nicht davon begei­stert bin, immer noch leben zu dürfen.«

Ach ja: Burkitt?! Die Doktoren – Chefarzt und Oberarzt – gaben mir zu Beginn der »Therapie« einen Ratschlag: »Schauen Sie nicht im Internet nach, welchen Krebs Sie haben!« Bis heute weiß ich nur eins über das Burkitt-Lymphom: Es hatte bei mir keine Chance.

Klaus Weber ist Professor für Psychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München und Fraktionssprecher der Partei Die Linke im Bezirksrat von Oberbayern

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