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Aus: Ausgabe vom 05.11.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Deutsche magische Ideologie

Von Arnold Schölzel
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Kein Versehen: Die von der NATO zerstörte chinesische Botschaft in Belgrad 1999

Am Donnerstag veröffentlichte die FAZ einen Leserbrief von Karl ­Ulrich Voss, in dem es heißt: »Mit den Zeitenwenden ist es immer so eine Sache.« Und weiter: »Mit einiger Wahrscheinlichkeit werden mehr als eine Milliarde Menschen dieser Welt bei näherem Hinsehen den 7. Mai 1999 als den für sie größeren Epochenbruch bewerten, darunter sehr viele junge Menschen. Am 7. Mai war im Rahmen der bereits am 24. März 1999 aufgenommenen Operation Allied Force die chinesische Botschaft in Belgrad bombardiert worden. Der Ort – eine weitere europäische Hauptstadt. Die Zeit – weit vor Kiew.« Spätestens 1999 sei klargeworden: »Ein ambitionierter Westen will beim Durchsetzen seiner Werte- und Ordnungsvorstellungen und bei der progressiven Wahrung seiner wohlverstandenen Interessen künftig alles sein, nur nicht zimperlich – gerne aber dominant.« Von Zimperlichkeit daher keine Rede, »diverse empfindliche Misserfolge und einige hunderttausend zivile Opfer eingeschlossen«. Das sei doch »eine kluge Ausgangsbasis für die Diplomatie«.

Das bezog sich auf einen FAZ-Kommentar von Berthold Kohler vom 29. Oktober, in dem der Mitherausgeber des Blattes eine Rede des Bundespräsidenten vom Vortag gewürdigt hatte. Steinmeier hatte darin Diplomatie gegenüber Russland zu den Akten gelegt. Kohler fand das alles welthistorisch. Denn wer hierzulande Geschichte in vorher und nachher einteilt, eine »Zäsur«, »Phase«, einen »Epochenbruch« oder eben eine »Zeitenwende« verkündet, der gilt als ihr Macher. In der deutschen magischen Ideologie ist seit dem antinapoleonischen Furor das rechte Wort zugleich Wirklichkeit. Stets bricht der Sturm los, und das Volk steht auf – wusste noch Goebbels im Sportpalast nach Stalingrad. Steinmeier trug nicht so dick auf, sondern es hieß »Epoche im Gegenwind«, in der »Widerstandskraft« der Deutschen nötig sei. Im Stammland realer Konterrevolutionen und irrealer Weltsichten blüht oben Irrationales, bevor die unten aufstehen. »Zeitenwende«-Rhetorik kennt präventiv stets nur Deutsche und keine Parteien, heute eine antirussische Volksgemeinschaft.

Kohler beschrieb Steinmeiers Monolog als »Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede«, in der das Staatsoberhaupt umfassend dargelegt habe, »wie er die Lage der Nation und der Welt nach dem von Putin herbeigeführten Epochenbruch sieht und wie die Deutschen darauf reagieren müssten«. Überraschung: mit »Einigkeit« statt »im ewigen Disput über alles und jedes«.

Wo aber ein vom Moskowiter verfertigter »Epochenbruch« spukt und Steinmeier die Restvernunft abhanden kommt (»Im Angesicht des Bösen reicht guter Wille nicht aus«), da muss die Welt erneut vorm Russen gerettet werden, diesmal aber richtig. Auch wenn der Globus dabei gesprengt wird.

Nur einen Tag später fragt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung auf ihrer Titelseite daher: »Brauchen wir die Bombe?« Und lässt Kohler klagen: »Die Regierung Scholz will das Atomzeitalter hinter sich lassen. Doch Windräder schrecken Putin nicht ab.« Denn ohne eigene Atomindustrie keine eigene Atombombe. Die möchte Kohler aber haben, das ist sein Lieblingswahn. Für den benötigt er das Märchen vom Putin und von dessen »Epochenbruch«: »Der russische Diktator hat mit seinem Krieg und seinen Drohungen eine neue furchterregende Phase des Atomzeitalters eröffnet.« Wo Steinmeier schlottert, bleibt Atompyrotechniker Kohler kühl.

Leserbriefschreiber Voss hat recht, mit Zeitenwenden ist es immer so eine Sache. Kommt stets drauf an, wofür sie benötigt werden. Kohler holt aus der Scholzschen raus, was drinsteckt: nicht nur Ende der Diplomatie, sondern der Welt. War mal wieder keine Hexerei, sondern Tradition des deutschen Großbürgertums seit anno Wilhelm.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 8. November 2022 um 10:10 Uhr)
    Leserbriefschreiber Voss hat recht, mit der Zeitenwende ist es immer so eine Sache. Die Zeitenwende ist in aller Munde – jedoch ist eine Wende gar nicht in Sicht. Inflation, Energiekrise und Krieg beuteln uns und man versucht, diese Probleme mit mehr Schulden und Aufrüstung zu bewältigen. Zur Wende gehört aber eine andere Richtung, die derzeit niemand vorweisen kann. Wir sind also an einer Zeitengrenze angestoßen, das ist die Realität. Wir sind im dunklen Tunnel und es ist kein Licht zu sehen. Wie es Erich Kästner mit seinen genialen Worten formulierte: »Ob Sonnenschein, ob Sterngefunkel: Im Tunnel bleibt es immer dunkel.«

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