75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Mittwoch, 30. November 2022, Nr. 279
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 04.11.2022, Seite 12 / Thema
Ideologiekritik

Im Gnadenstand

»Grüne« Ideologie und »protestantische Ethik«
Von Nirto Karsten Fischer
12-13.jpg
Wo ein moralischer Rigorismus Analysefähigkeit und politisches Denken ersetzt, herrscht schrill vorgetragene Verzichtsethik (Modeaktion »Dicke Pullis«, die für Energieeinsparung wirbt, Hannover, 27. Februar 2021)

Die Strömungen und Dynamiken »grüner« Ideologie zu bestimmen ist Aufgabe vielfältiger Forschungsprozesse. Im folgenden soll umrissen werden, wie »grüne« Politik sich auf ideologische Kon­struktionen stützt, um gleichsam alternativlos erscheinen zu können. Es geht um den immer stärker auftretenden moralischen Rigorismus der Grünen als politische Orientierung, der sich ideologisch vom Diskursiven einfach abmeldet und als quasi nicht hinterfragbar auftritt. Im Grunde ist so eine neue »Alternativlosigkeit« als Nachfolgerin der alten Merkelschen zur neoliberalen Staatsräson geworden, unter anderem durch Apologeten in den Positionen des Wirtschaftsministers und der Außenministerin.

Da die neoliberalen Agenden einfach weitergeführt werden, während gleichzeitig der Druck durch moralische Abriegelung steigt, lässt sich hier sowohl von einer neoliberalen Kontinuität als auch von einer Erneuerung sprechen. Liest man Max Webers Abhandlung »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« heute, mehr als 100 Jahre nach ihrem Erscheinen, so drängt sich angesichts der Beschreibung der puritanischen und calvinistischen Positionen zu den sozialen Lebensbedingungen die Analogie zu aktuellen »grünen« Positionen geradezu auf.

Mahnung zum Verzicht

Dabei geht es nicht um einen direkten Vergleich im Sinne einer gleichlautenden Religiosität, sondern um säkularisierte Denkformen, die religiös anmutende sprachliche Konstruktionen mit einem moralischen, doch pragmatisch wirkenden Rigorismus enthalten und ein »imaginäres Verhältnis« der Individuen »zu den realen Verhältnissen, unter denen sie leben«, herstellen (Louis Althusser). »Grün« bedeutet hier nicht eine Beschränkung auf die Partei der Grünen, obwohl diese aktuell durch die Besetzung wichtiger Leitfunktionen im Staatsapparat zur Reproduktion eines neoliberalen Systems eine herausragende Rolle spielt, sondern meint die Zentrierung diskursiver Schwerpunkte auf eine unbedingte und moralisierende Weise, etwa bei dringenden Fragen des Klimawandels oder der Menschenrechte. Die Behandlung realer Probleme nimmt Formen eines (nicht personalisierten) »Göttlichen« an, das bestimmte Handlungen geradezu bedingen soll. »Grüne« Anrufungen, verpackt in alternativlos klingende Aufrufe und Mahnungen zum Verzicht, sollen ritualisierte Handlungen evozieren, deren Sinn nicht erklärt werden muss, da der Bezug, in einer quasireligiösen Struktur säkularisiert, als selbstevident ausformuliert wird.

Die Lebenswirklichkeiten – von Interessen, Notwendigkeiten und Bedürfnissen geprägt – stehen naturgemäß diesem Verlangen entgegen. Daher wird auf vermeintlich höhere Werte rekurriert, wie etwa mit der thinktankkompatiblen Phrase von einer »regelbasierten internationalen Ordnung«. Dann gilt Interessenausgleich als eher belanglos und kann ein Pragmatismus behauptet werden, um Maßnahmen wie Waffenlieferungen oder einen Wirtschaftskrieg (euphemistisch als »Sanktionen« bezeichnet) in Gang zu setzen. Der Bruch mit den eigenen Grundsätzen wie etwa »Keine Waffen und Rüstungsgüter in Kriegsgebiete« kann so leicht aufgegeben werden zugunsten nun als alternativlos dargestellter pragmatischer Ziele. Das ist der Mechanismus, die eigene »grüne« Bewegung und Teile der Bevölkerung »abzuholen« und mitzunehmen auf eine Reise, die nicht mehr von den Interessen der Bevölkerung in Deutschland geleitet wird. Was die eigenen Wähler denken, kann dann sogar als »egal« abgetan werden, wie Annalena Baerbock selbstsicher vorführte. Enthalten im Paket der »höheren Werte«, die doch bloß einen brutalen Pragmatismus bedeuten, ist da auch der identitätspolitische und angesichts der Komplexität internationaler Politik bloß dreist zu nennende Ansatz einer »feministischen Außenpolitik«.

Dass die Grünen als Bewegung und Partei von jeher eine starke antiindustrielle Ausrichtung hatten und noch immer haben, dürfte evident sein. Sehen sie sich doch selbst als »Wachstumskritiker«, ein Impetus, der infolge der sich verschärfenden Klimakrise immer schrillere Züge annahm oder sich sogar zu hysterischem Denken verdichtet. Dahinter steht meist ein Begriff von Natur, der, wenn er denn überhaupt näher bestimmt wird, seltsam diffus bleibt und als Antagonismus zu den bestehenden Industriegesellschaften als eine Art selbstevidente Entität beschworen wird.

Disziplin zur Selbstgenügsamkeit

Für Marx war der »Stoffwechsel mit der Natur« eine immer vorherrschende Notwendigkeit mit einer jeweiligen historischen Formbestimmung in Produktionsweisen und Produktionsverhältnissen. Das heißt auch, dass es immer nur ein kollektives Leben mit einer modifizierten Natur geben kann. Daher mutet der Gedanke vom »Einklang« mit der Natur sinnlos und kindisch an, da Natur nicht als quasi philosophisch oder religiös bestimmbare Entität zu fassen ist, sondern immer nur verstanden werden kann im Kontext menschlicher historischer Formen der Produktion und der Herrschaftsverhältnisse, die Natur auf Basis der Naturwissenschaften transformieren. Um so wichtiger ist es, alle ökologischen Fragen unter Berücksichtigung der Produktionsverhältnisse zu analysieren und letztere als Basis von Veränderungen gegebenenfalls zu modifizieren.

Im grünen Milieu wird aber das Verständnis von »Natur« als Gegensatz zu einer »Indus­triegesellschaft« Grundlage von Anrufungsmodellen, die apodiktisch formuliert die altbekannte Alternativlosigkeit vor sich hertragen. Hier kommt zum Tragen, was Max Weber im Zusammenhang des Calvinismus als »Werkheiligkeit« bezeichnet hat: »Der Gott des Calvinismus verlangte von den Seinigen nicht einzelne ›gute Werke‹, sondern eine zum System gesteigerte Werkheiligkeit. (…) Die ethische Praxis des Alltagsmenschen wurde so ihrer Plan- und Systemlosigkeit entkleidet und zu einer konsequenten Methode der ganzen Lebensführung ausgestaltet.« Die Individuen brauchen keinen »Magier« (Weber) als Priester mehr, der sie per katholischer Beichte und Buße locker von ihren Sünden befreien kann, sondern sie internalisieren kosteneffektiv die Hoffnung auf das Auserwähltsein durch eine disziplinierte Selbstschau – sie errichten das verinnerlichte Panoptikum der Disziplin zur Selbstgenügsamkeit: Wasser sparen, Gas sparen, Strom sparen, Wohnraum reduzieren, die individuelle Mobilität einschränken usw.

Die disziplinierenden Anforderungen, der »grünen« Ideologie zu genügen, werden immer zahlreicher und aufwendiger. Der »neue Mensch« der Grünen als Antiutopie ist der, der sich selbst stetig überwacht, um immer neue Möglichkeiten der Selbstkasteiung zu finden. Es ist praktisch der »alte Mensch«, aber seiner Möglichkeiten beraubt, die als »Wachstumsideologie« diskreditiert werden sollen. Michel Foucault beschrieb solche Art der Disziplinierung im kollektiven Sinne als »Disziplinargesellschaft«: »Eine Disziplinargesellschaft formiert sich also in der Bewegung, die von den geschlossenen Disziplinen, einer Art gesellschaftlicher ›Quarantäne‹, zum endlos verallgemeinerungsfähigen Mechanismus des ›Panoptismus‹ führt«.

Das Bindemittel, eine solche internalisierte Unterwerfungsbereitschaft gegen ein immer wieder aufbrausendes Lustprinzip aufrechtzuerhalten, zum Beispiel etwas konsumieren zu wollen, ist ein moralischer Rigorismus, der Analysefähigkeit und politisches Denken ersetzt. Schreckensbilder und der Vorwurf individueller Verfehlungen sind nicht bloß nötig, um Schuldgefühle zu erzeugen, sondern auch, um den Druck auf das Individuum zu erhöhen, seine Anstrengungen für ein vermeintlich »soziales« und »energiebewusstes« Leben zu verstärken. Max Weber spricht vom »Abreagieren der religiösen Angstaffekte« durch gesteigerte »rastlose Berufsarbeit«, um die »Selbstgewissheit« zu erlangen, Gottes Werk zu vollführen. Der umweltbewusste Grüne, letztlich natürlich jeder Bürger, soll sich also ununterbrochen wie eine ideologische »Ich-AG« ganz im neoliberalen Sinne selbst optimieren. Die Schuld der Verschwendung darf erst gar nicht entstehen. Permanente Kontrolle ist nötig, der Bürger soll zum ökologisch bewussten, anspruchsloseren Wesen gedrillt werden. Dort, wo die gesellschaftliche Ohnmacht für den einzelnen am höchsten ist, wird also der individuelle Druck am stärksten erzeugt. Ein beliebtes Anrufungsmittel ist der »ökologische Fußabdruck« – ein zwar nicht von BP erfundener, aber interessanterweise vom Ölkonzern massentauglich gemachter Begriff. Mit dem Topos »ökologischer Fußabdruck« lässt sich leicht das Schuldkonto eines jeden aufladen und die Frage einer ökologisch organisierten Wirtschaftsform im Dunst individueller Normverfehlungen auflösen.

Kriegswirtschaft als Blaupause

Als momentanes Epitom solcher antiutopischen und destruktiven Denkformen können die Ausführungen von Ulrike Herrmann zu ihrem neuen Buch vom »Ende des Kapitalismus« gelten. Die Autorin erklärt, von dieser Warte aus durchaus folgerichtig, dass die Disziplinierung zum »Negativwachstum« (»Degrowth«) durch Maßnahmen einer »Kriegswirtschaft« erfolgen solle. Ausgerechnet die Kriegswirtschaft Großbritanniens ab 1939 wird als Blaupause herangezogen. Dabei ignoriert Herrmann, dass es damals nicht um das Ziel einer schrumpfenden Wirtschaft ging, sondern um eine staatlich vorgegebene Ressourcenumverteilung. Eine Kriegswirtschaft zur Vernichtung von Ressourcen, die darauf aus ist, den Krieg zu finanzieren, ist so ziemlich das genaue Gegenteil einer »ökologischen Kreislaufwirtschaft«, etwas, das auch Herrmann auffallen müsste. Aber es scheint ihr vielmehr um die dirigistische Form einer Vergesellschaftung von oben zu gehen. Damit bedient sie, gewollt oder ungewollt, Ansprüche an Herrschaft, in der die Bevölkerung als anzuleitende Masse angesehen wird – eine fundamental antidemokratische Haltung. Auch hier spricht ein erzieherischer Führungsanspruch »grüner Selbstgewissheit«, der konträr zu jeder wie auch immer gearteten Demokratisierung steht. Diesmal speist sich das Misstrauen gegenüber den »Massen« nicht aus einer ökonomisch fundierten »Überlegenheit«, sondern einer fundamentalistischen, nicht hinterfragbaren Glaubensgewissheit.

»Realität» ist nur noch etwas, das behauptet wird, Analysen braucht es nicht. Die Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang wusste auf dem letzten Parteitag zu berichten: »Wir machen Politik für die Realität, die da ist, und nicht nur für die, die wir uns gewünscht haben.« Die »Realität« erscheint hier als nicht hinterfragbare Entität, alles »ist da«, säkular formuliert ohne Gottesbeweis. Interessanterweise wird solches Ajatollah-Gerede geduldet und die Verabschiedung von perspektivischen Veränderungen zugunsten sogenannter Realpolitik wie eine plötzlich erkannte Notwendigkeit präsentiert. Die destruktive Politik der Vergangenheit wird so verklärt als Realität aufgezeigt, auf die man wiederum so und nicht anders reagieren müsse – natürlich »alternativlos«. Das ist das altbekannte Rezept reaktionärer Politik, hier aufgeführt als progressives Mimikry. Immer diese »Sachzwänge« der »Realität« – es ist schon ein Kreuz, aber man opfert sich auf, »dient« und »führt« (Robert Habeck).

Als hätte Herrmann selbst nicht damit gerechnet, dass solche Art orwellscher Begriffshuberei und dreisten Brachialdenkens, offenbar entsprungen aus verzweifelten Destruktionsphantasien, so ein breites Diskussionsfeld erhält, sieht man sie in Youtube-Videos oft leise vor sich hin kichern. Es erinnert an Darbietungen des Dalai Lama, der, gern selbst über seine geistigen Ergüsse gibbelnd, seine Gefolgschaft mit lauter konnotativer Arbeit zu seinem Blödsinn beschäftigt. Beide rechnen offenbar damit, dass die schon ideologisch angeschlagenen und zugerichteten Rezipienten wohlwollend die ganzen logischen, analytischen, systematischen Brüche und Leerstellen von selbst ausfüllen. Das ist nur möglich, wenn man davon ausgeht, dass die jeweilige Ideologie bereits zu einem gewissen Grad als »imaginäres Verhältnis« eingeübt ist und dadurch die Gedanken sich bereits in einer individuellen Selbstbeobachtung autodisziplinieren.

Losgelöst von aktuellen Herrschafts- und Machtinteressen, von geopolitischen, historischen und sozialen Entwicklungen, schwa­droniert Ulrike Herrmann: »Man braucht eine Kriegswirtschaft«, und wer andere Positionen hat, zeige »moralische Überheblichkeit«. Dafür, dass sie praktisch nichts zu irgendwelchen Umsetzungen sagen kann, was auch gar nicht möglich oder erstrebenswert wäre, hat sie aber schon den passenden Begriff parat: »kapitalistische Planwirtschaft«. Ob die Zuweisung von Wohnflächen (»Jeder hat 40 Quadratmeter, mehr nicht«) oder die Absage an den Individualverkehr (»Autos gibt es sowieso nicht«) – alles ist nicht mehr als der feuchte Traum einer vom Gedanken an die Apokalypse befangenen Autorin, die Zuflucht in einer diktatorischen Technokratie sucht. Das heißt auch, dass unter Beibehaltung des Profitsystems die Massen, die unmittelbaren Produzenten, gezähmt und enteignet werden sollen. Der Staat übernimmt die gesellschaftliche Kontrolle aller Lebensbereiche – bei gleichbleibenden Eigentumsverhältnissen. Das riecht dann schon nach dem, was Johannes Agnoli einen »faschistischen Korporativismus« genannt hat.

Als hätte es einen gewissen Karl Marx nie gegeben, wird gedanklich die Zerstörung der durch den Kapitalismus selbst hervorgebrachten Möglichkeiten – als Utopie und Notwendigkeit – zelebriert. Anstatt das Ende konkreter Ausbeutungsverhältnisse und die Hemmungen des Fortschritts zu thematisieren, um gesamtgesellschaftliche Lösungen kollektiv zu erarbeiten und zu entwickeln, wird einer Kriegsökonomie das Wort geredet, die sich gegen die eigentlichen Produzenten des ganzen Reichtums richtet: die Arbeiter, Angestellten und Menschen, die unbezahlte Reproduktionsarbeit leisten, also meist Frauen. Offenbar gibt es in einer solchen Denkweise keinen Klassenkampf, von dem bekanntlich der Milliardär Warren Buffett in aller Offenheit sprach, als er sagte, es sei »die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen«. So werden der Untergangs- und der Siegesgedanke in einer absurden Degrowth-Dystopie vereint.

Auf der Seite der Guten

Ähnlich verhält es sich offenbar im Bereich der internationalen Politik. Die Bürden imperialistischer Geopolitik sollen die Bevölkerungen Europas tragen. Damit die das auch ohne viel Murren tun, wird Krieg als unhinterfragbare Realität präsentiert, die nur erkennt, wer sich der »Erwähltheit« – herausgelöst aus den historischen und geopolitischen Zusammenhängen – gewiss ist. Dazu wird eine infame Schwarzweißdarstellung gebraucht, die Ausdruck der »Werkheiligkeit« ist: Man steht einfach auf der Seite der auserwählten Guten. Die andere Seite wird dämonisiert und ist das personifizierte Böse. Es gibt sogar einen biblischen Helden, wie ihn Max Weber, den Erbauungsschriftsteller Richard Baxter paraphrasierend, beschreibt, wonach der »Puritaner (…) den eigenen Gnadenstand durch Vergleich mit der Seelenverfassung der biblischen Helden kontrollierte«. Dieser »Held« unserer Tage ist analog offensichtlich der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij. Wahlweise werden auch alle »Ukrainer« als homogene Gruppe beschrieben und abstrakt zu Helden erhöht. Die Orientierung an solcherart Heldentum befeuert auch die Ausrichtung der deutschen Politik an ausländischen Interessen: politische Arbeit im Palast des glänzenden Guten, ein Raum der neuen kriegstreibenden Herrlichkeit, imperialistische »Werkheiligkeit«.

Über den moralischen Rigorismus schrieb Max Weber: »Es wird (…) schlechthin zur Pflicht gemacht, sich für erwählt zu halten und jeden Zweifel als Anfechtung des Teufels abzuweisen, da ja mangelnde Selbstgewissheit Folge unzulänglichen Glaubens, also unzulänglicher Wirkung der Gnade sei.« Das klingt wie eine Vorwegnahme der berufenen Ignoranz eines Habeck oder einer Baerbock. Was kümmern die Insolvenz von Unternehmen, die Verarmung der Massen, die Kriegsgefahr bis hin zur atomaren Auseinandersetzung, wenn man »erwählt« ist, »das Gute« als Werk zu vollbringen? Habecks transatlantische Unterwürfigkeit mit Führungsanspruch (»dienende Führungsrolle«) passt hier doppelt. Zum einen in der Unterordnung unter das »Richtige« einer »Wertegemeinschaft«, geführt von den USA, zum anderen in der gleichzeitigen Vertretung dieses »Richtigen« gegenüber denen, die geführt werden sollen.

»Schicksalsgemeinschaft«

Es gelten nicht mehr der breite Diskurs, die Berücksichtigung verschiedenster Interessen, sondern nur eine »reine politische Lehre«, deren Koordinatensystem aus höherer Verantwortung, abgeleitet von einer Interpretation der Menschenrechte oder von »regelbasierten« Ordnungen, a priori gesetzt ist. Daher kann und muss aus solcher moralischen Überheblichkeit, wenn »Gnadenstand« Gewissheit verleiht, der Bevölkerung auch nicht mehr alles mitgeteilt werden. Es geht schließlich darum, technokratische Entscheidungen zu fällen, zum Beispiel wie Waffenlieferungen ausgeweitet werden können, und nicht darum, zu erklären, in welchem Kontext ein Konflikt steht – Schuld und Erwähltheit werden einfach vorausgesetzt. Das »Perception management« (der britische Dokumentarfilmer Adam Curtis) gegenüber der Bevölkerung ist allerdings in einer Zeit kulminierender Ereignisse nicht gut durchzuhalten. Zu bruchstückhaft, holprig, zu aufgeregt und bisweilen zu hysterisch kommen die Beschwichtigungsversuche und »Wir«-Anrufungen daher. Österreichs »grüner« Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Robert Habeck sprachen bereits wieder von der »Schicksalsgemeinschaft«, ein Begriff, der völkisch konnotiert ist und auch von Goebbels häufiger benutzt wurde. Das richtige »Wir« ist hingegen ein fundamental demokratischer und erst zu erarbeitender Zustand, der diametral gegen eine von oben behauptete »Schicksalsgemeinschaft« steht.

Die nächste große Aufgabe für den moralischen Rigorismus ist schon gesetzt: der Konflikt mit China. China ist zum globalen Endboss auserkoren und wird hier und da schon angerempelt in einer sich abzeichnenden multipolaren Welt. Es ist allerdings zu bezweifeln, dass es gelingt, die europäischen Bevölkerungen ohne weitere autoritäre Maßnahmen dazu zu bringen, sich dauerhaft selbst zu schaden. So ist die »grüne« Bewegung innerhalb des neoliberal ausgerichteten Staatsapparates im »Gnadenstand« angekommen und zum Garanten für Druck nach innen und außen geworden.

Nirto Karsten Fischer ist Sozialwissenschaftler, Komponist, Produzent und audiovisueller Künstler.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Rainer Kruse ( 7. November 2022 um 14:53 Uhr)
    Was für eine wichtige Analyse von Nirto Karsten Fischer . Leider erreicht sie das doch so wichtige Ziel nicht, auch für möglichst viele Normalbürger lesbar zu sein.
    Eine studierte Tochter bittet ihre nicht so gebildete Mutter um ihre Meinung zu einem Artikel, den sie geschrieben hat. Die Mutter liest ihn und fragt: willst Du, dass die Leute verstehen, was Du sagen willst oder ihnen zeigen, dass Du studiert hast?
    Spaß beiseite! Dies ist eine Schwäche, die ich als Nichtstudierter in manchem Junge Welt Artikel vorfinde. Der von Fischer ist besonders krass. Schade, dachte ich. Wir wollen und müssen doch den einfachen Bürger erreichen. Dann würde auch die Zahl der Leser der jungen Welt noch erheblich weiter steigen und das brauchen wir dringend! Bitte besprecht das Problem ernsthaft. Ermahnt Eure Journalisten zu einfacher Sprache.
  • Leserbrief von Peter Maaßen aus Frankfurt (Main) ( 6. November 2022 um 17:26 Uhr)
    Dieser Artikel enthält Abschnitte, die m. E. nicht unwidersprochen bleiben können, ja aus der Zeit gefallen erscheinen. So nötig heute Kritik an den NATO-»Grünen« ist, war ich hier beim Lesen öfter erschüttert. Unbestreitbar ist doch, dass die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen Ausmaße erreicht, die zumindest höhere Lebensformen mittelfristig sehr infragestellen. Unbestreitbar ist auch, dass dafür der reiche imperiale wilde Westen mit seiner Genug-ist-nie- und Nach-uns-die-Sintflut-Wirtschaftsweise hauptverantwortlich ist. Zumal, wenn man die Vergangenheit einbezieht. Wo müsste also in globaler Perspektive wohl ein ökologisches Umsteuern zuallererst stattfinden? Unbestreitbar ist weiter, dass vor allem hier im reichen Westen (oder globalen Norden) diese exzessiv-konsumistische herrenmenschliche ressourcenübernutzende Lebensweise (selbstverständlich vor allem auch einschließlich der imperialistischen Militarisierung) des ewigen Wachstums, Haste-was-bist-ewas, das Problem Nummer eins ist. Von Prekärarbeitenden, Sozialhilfeempfängern und so ist hier natürlich nicht die Rede … Wollten alle bald 12 Milliarden Menschen so leben wie die Mehrheit in der BRD oder gar den USA, bräuchten wir mindestens drei bis fünf Erden. Nicht übersehen werden darf auch die Korruptions- und Ablenkungsfunktion dieses Konsumismus (Konsumismus statt Kommunismus), seine herrschaftsstabilisierende Bedeutung: Brot und Spiele, das wussten schon die alten Römer(-Herren) und die altgriechischen Sklavenhalter-»Demokraten«. Wie üppig der Lebensstil des Einzelnen ausfallen kann, sollte auf einem ressourcenbegrenzten Planeten auch bei noch so toller technischer Entwicklung von der Gesamtbevölkerung dieses Planeten abhängen. Wenns gerecht zugehen soll. Und solange fast weltweit »Religion statt Bildung« herrscht und Frauen weitgehend auf die Rolle als Dienerinnen des Mannes und Gebärmaschinen reduziert werden, stellt sich die Frage, was dem Einzelnen gerechterweise zusteht, in immer größerer Schärfe.
    Unbestreitbar ist für mich auch, dass der Zeitdruck mittlerweile derart ist, dass wir uns nicht den Luxus erlauben können, auf die weltweite Überwindung des imperialen westlichen Kapitalismus zu warten, ehe wir wirklich umsteuern. Und dass nicht nur der Staat, welcher auch immer, in der Pflicht stünde, Änderungsmaßnahmen zu ergreifen, sondern auch jeder Einzelne bei sich. Als wenn wir noch die Wahl hätten, ob einerseits nötige staatliche Maßnahmen, die eh meist nur symbolisch erfolgen, und andererseits Umsteuern gerade im reichen Westen im Bereiche des Individualkonsums Alternativen wären, wo eines durch das andere ersetzt werden könnte. Wie fast immer kann es auch hier nicht um ein schwarz-weißes Entweder-oder gehen, sondern nur ums Sowohl-als-auch. Jedes auch kleinere private Umsteuern ist im Zweifel ein Schritt in die richtige Richtung. Das sind einfach Tatsachen, die sich auch durch scheinlinken Dogmatismus nicht wegdiskutieren lassen. Bestreiten kann das alles nur, wer sich etwa mit den Berichten des Weltklimarats und solcherlei Wirklichkeitsbeschreibungen nicht befasst. Wenn ich dann vor diesem Hintergrunde Textteile lese wie: »Der Gedanke an ein Leben im Einklang mit der Natur mute sinnlos und kindisch an«, kann ich derlei nicht ernst nehmen. Zu einem Leben in Einklang mit der Natur gabs auf Dauer noch nie eine Alternative, außer für Herrenmenschen. Das steht auch überhaupt nicht im Widerspruch zu Marx’ Einsicht in die Notwendigkeit des »Stoffwechsels mit der Natur«. Umweltbearbeitung ist nicht gleich Umweltzerstörung. Und Umweltzerstörung ist vor allem auch Leben auf Kosten Anderer. Dann werden im Artikel Kritik an Wachstum, westlicher Verschwendungswirtschaft usw., die Analyse-Instrumente wie der ökologische Fußabdruck als »moralisierende Verzichtspolitik« denunziert. Da frage ich mich, ob so nicht, sicher ungewollt, genau dieser »wertewestlichen«, zerstörerischen, egomanen »Selbstverwirklichungs«-Lebensweise das Wort geredet wird.
    An anderer Stelle heißt es, als seien Die Grünen oder wer auch immer gegen Verschwendung: »Die Schuld der Verschwendung darf erst gar nicht entstehen.« Ja was ist, besonders aus globaler Perspektive, Verschwendung Anderes als parasitäres Reichengehabe, was ist dieses Ausmaß im reichen Westen üblicher Verschwendung Anderes als Leben auf Kosten Anderer, siehe bspw. die damit verbundene Entwaldung und Vermüllung besonders auch der Meere. Inwieweit besonders im reichen Westen die jahrtausendelangen kulturellen Prägungen bereits so tief gehen, dass die große Mehrheit der Arbeiterklasse und der Werktätigen überhaupt eher danach strebt, selbst individuell reich zu werden, genug ist nie, nach uns die Sintflut, statt die humanistisch-sozialistische Überwindung der kapitalistischen Katastrophenwirtschaft zu erkämpfen, das ist eine große Frage, die einer gesonderten Untersuchung bedürfte. Zumal es für derartige Revolutionen fast immer katastrophaler Vorereignisse bedurfte, siehe Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg …
  • Leserbrief von Hans Wiepert aus Berlin ( 5. November 2022 um 22:34 Uhr)
    Danke für die Ausführungen. Die in manchen Kreisen als progressiv geltende Ulrike Herrmann hatte in der Taz ja schon während des letzten GDL-Streiks reaktionäre Sprüche gegen den Gewerkschaftsvorsitzenden Weselsky losgelassen, die man so 1:1 auch in Springers dünner Zeitung mit den dicken Balken finden konnte. Auch gilt die Dame allen Ernstes als »Wirtschaftsexpertin«, obwohl sie Geschichte und Philosophie studierte. Die höchsten »wirtschaftswissenschaftlichen« Weihen hat sie in Form einer abgeschlossenen Banklehre vorzuweisen …
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum ( 3. November 2022 um 23:31 Uhr)
    Als satirische, dystopische oder realistische Ergänzung zum Artikel empfehle ich dringend, den Vortrag von Georg Schramm mit dem Titel »Ist die Zeit der Hofnarren vorbei?« auf Einladung von Martin Sonneborn im Ausschuss für Arbeit und Soziales des Europaparlaments am 6. März 201 auf Youtube anzuschauen: https://www.youtube.com/watch?v=F22hZJLPBeQ&list=PLJwpOwHgJCXXUp7bHSsFCHD0Kmkyb_xlA&index1
    Der nicht ganz vier Jahre alte Beitrag ist erstaunlich aktuell, ob Schuldenfalle-, Renten- oder Welpenfrage …

Ähnliche:

  • Schieferplatten: Durchbohrt und aufgespalten, um an Fluide zu ge...
    02.11.2022

    Gesprengtes Gestein

    Finanzminister Lindner wettert gegen Frackingverbot. Umweltaktivisten beklagen Rollback bei fossiler Energie
  • Sollen deutlich erweitert werden: Nutzflächen für biologisch ang...
    09.05.2022

    Bioziel 30 Prozent

    Kontroverse um ökologischen Landbau: Umweltverbände fordern raschen Ausbau. Landwirteorganisation skeptisch
  • Dünger, Futter, Vorrangflächen: Agrarverbände fordern, ökologisc...
    28.03.2022

    Ran an die Auflagen

    Agrarverbände wollen wegen hoher Preise an Beschränkungen rütteln

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk