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Aus: Ausgabe vom 02.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Konzert

Er kennt die Angst

Liebeslieder an das Leben: Paul Plut spielt und singt im Wiener Werk X am Petersplatz
Von Eileen Heerdegen
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Niemals larmoyant: Paul Plut

»Nur Wossa is grunna, hobn’s gsogt, nur eiskoits Wossa is grunna, hobn’s gsogt.« Der Schamane schlägt die Handtrommel und singt mit tiefer, kräftiger Stimme von der Entstehung der Welt, so hart und eindringlich, dass ich die eiskalten Fluten sehen, riechen und hören kann. Im diffusen Scheinwerferkegel entsteht ein Anfang, der den Untergang in sich trägt: »Koa Mensch, koa Viech, koa Vogel, koa Fisch, koa Sunn, koa Mond, koa Erdn, koa ­Liacht, es war dunki und stü.«

Paul Plut, 1988 in Schladming in der Steiermark geboren und auf der anderen Talseite in Ramsau aufgewachsen, ist ein faszinierender Geschichtenerzähler, der es schafft, im harten Heimatdialekt mit oft sperrigen Texten im Zuhörer Welten entstehen zu lassen. Die rituelle Anmutung kommt nicht von ungefähr, eine Teufelsgeige steht zentral auf der Bühne. Ein mannshoher Stab, besetzt mit Haushaltsgegenständen wie ein Voodoo-Altar, bestückt mit Masken und allerlei krachmachenden Schellen und Rasseln, seit dem 17. Jahrhundert im Einsatz gegen das Böse, gegen die Angst.

Paul Plut kennt die Angst, wollte sich mit 18 das Leben nehmen. Dem ist er entkommen, doch Heilung und Heil liegen nicht im Leugnen. So war es konsequent, dass er nach und neben erfolgreichen Bandprojekten mit den Gruppen Viech und Marta 2017 die Solo-LP »Lieder vom Tanzen und Sterben« veröffentlichte und nun das zweite Album, »Ramsau am Dachstein nach der Apokalypse« (Abgesang), am 29. Oktober im ausverkauften Werk X präsentierte.

»I bin traurig.« Ich bin traurig. »Everyone I know goes away in the end.« Singt Johnny Cash, dass mich am Ende jeder verlässt, den ich kenne, oder fehlen nur zwei Kommas? Ich bin so traurig und denke an das blaue Bademäntelchen für meine Hündin. Der Hautkrebs war schlimm, das Waschen schwierig, trockenföhnen unmöglich. Das Bademäntelchen sollte helfen. Sie hat es nicht mehr tragen können. »I bin traurig. Der Bam wird foin, die Mutter wird älter, die Viecher werdn sterbn, die Sunn wird koit, unsa Kind wird sterbn, und davor, hoff i, trifft’s mi.«

In Kontrast zu den schweren Texten, zum dunklen, rauen Gesang, findet musikalisch auf der Bühne ein Feuerwerk statt. Der Sänger wechselt zwischen Telecaster und elektrisch unterstützter Dreiviertel-Akustikgitarre, greift zum Akkordeon oder rüttelt wild am Watschenbaum, wie ich für mich die eindrucksvolle Teufelsgeige genannt habe. Gemeinsam mit Marie Pfeiffer am Kontrabass (und an der Maultrommel) und Julian Pieber, der für Percussion, Kalimba, Ketten, Knochen, Tischharmonium und allerlei Gedöns zuständig ist, entsteht ein hochinteressanter, sehr eigener Sound. Auch stilistisch wird viel geboten. Passend zum traditionellen weiten weißen Musikertrachtenhemd klingt Volksmusik hindurch, die natürlich nichts, aber auch gar nichts, mit Florian Silbereisen zu tun hat. Eine Prise österreichische Liedermacher, Jazz, viel Bluesiges – die Liebe zu Tom Waits ist nicht zu überhören. Und zwischendurch auch wilder Heavy Metal, bis die roten Locken der Bassistin headbangen.

Paul Plut ist niemals larmoyant, die Traurigkeit ist eine Erkenntnis und kein Jammern. Wild und karg wie die Landschaft, aus der er stammt, könnte ich jetzt sagen, lasse es aber, weil es kitschig klingen könnte. Und kitschig, das ist er wahrlich nicht. Durchaus schräg und komisch schon eher. Im Lied über die Bundesstraße (»B 320«), die das Tal durchzieht, entsteht eine groteske Alltäglichkeit: gefrorene Katze am Straßenrand – schon vorbei, die Michi beim Billa – schon vorbei, die Kreuze, die wie Blumen an der Kurve wachsen – schon vorbei. Oder der Titelsong des aktuellen Albums »Ramsau am Dachstein nach der Apokalypse«: »Beim Kindergarten is ois stü, im Schwimmbad gibt’s koane Pommes mehr, in da Raika (Raiffeisenkasse) wohnt da Fuchs, die Gletschergondel laa (leer), die Aufbahrungshalle laa, in da Kuchi wochst der Klee.«

»Es hat bestimmt alles ein Ende – ich hoffe, der Kapitalismus vielleicht schneller als das Universum«, so der Künstler in einem Interview 2017. Und so düster manch ein Text erscheinen mag, Paul Plut macht in Wahrheit Liebeslieder an das Leben. »Donn steht ma’s Wossa in die Augn / Vor lauter Glück / I bin ehrlich gerührt / Dass I mein Buam aufhebn derf / So a Glück / Hinterm Haus / Bis zu die Stern / So a Glück.«

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