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Aus: Ausgabe vom 03.11.2022, Seite 15 / Medien
Social Media

Musks Twitter-Blase

US-Milliardär übernimmt Kurznachrichtendienst – und schmeißt erst mal Führungsspitze raus
Von Bernd Müller
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Der neue Eigentümer droht auch einem Großteil der Twitter-Belegschaft mit Entlassung (New York, 28.10.2022)

Der Milliardär Elon Musk hat am Freitag den Kurznachrichtendienst Twitter übernommen. Knapp 44 Milliarden US-Dollar zahlte er für den Kauf. Und gleich darauf kündigte er einige gravierende Veränderungen an: Alle Accounts, die aus »geringfügigen und zweifelhaften Gründen« gesperrt wurden, sollen wieder aktiviert werden. Gravierender dürften die Folgen der Übernahme allerdings für die Beschäftigten ausfallen; für sie bricht nun eine ungewisse Zukunft an, sie sind auch mit dem autokratischen Führungsstil des neuen Chefs konfrontiert.

Bei Twitter arbeiten etwa 7.500 Menschen – und vielen von ihnen wird wahrscheinlich gekündigt werden. Die Entlassungen sollten bereits am Wochenende beginnen, berichtete die New York Times (NYT) am vergangenen Samstag. Der 1. November als Stichtag soll dabei eine besondere Rolle gespielt haben: Wer vorher entlassen wurde, verlor sein Anrecht auf ein Aktienpaket, das mitunter einen beträchtlichen Teil des Einkommens ausmacht. Musk widersprach am Sonntag dieser Darstellung: »Das ist falsch«, schrieb er auf Twitter, ohne dabei auf Details einzugehen.

Wie stark der Kahlschlag in der Belegschaft ausfallen wird, dazu gibt es noch keine Verlautbarungen. Musk hatte am Sonntag aber auf Twitter angedeutet, dass die Struktur der Belegschaft verändert werden müsse. Auf die Frage, was im Unternehmen »am meisten im argen liegt«, antwortete er, dass »auf eine Person, die programmiert, zehn Leute zu kommen scheinen, die ›verwalten‹«.

Die NYT will dagegen Genaueres erfahren haben. Ihr sagte Ross Gerber, der Geschäftsführer von Gerber Kawasaki Wealth and Investment Management, ihm sei von Jared Birchall, dem Leiter von Musks Family Office, mitgeteilt worden, »dass etwa 50 Prozent der Mitarbeiter entlassen werden sollen«. Gekürzt werden soll laut NYT-Bericht im gesamten Unternehmen, wobei einige Bereiche stärker beschnitten werden sollen als andere.

Kurz nach der Übernahme hatte Musk bereits die komplette Führungsspitze des Unternehmens entlassen. Am Mittwoch berichtete Reuters, dass weitere Topmanager den Konzern verlassen, darunter die Werbe- und Marketingchefs sowie die Integrationsbeauftragte.

Ein weiterer Trend hat seit der Übernahme von Twitter durch Musk Aufsehen erregt: Die neue Meinungsfreiheit hat zu einem Anstieg von rassistischen und hasserfüllten Inhalten geführt. Die Washington Post hatte bereits am Freitag darüber berichtet und berief sich dabei unter anderem auf das Network Contagion Research Institute (NCRI), das mehrere Hundertmillionen Nachrichten in sozialen Netzwerken analysiert und nach »cybersozialen Bedrohungen« untersucht. Innerhalb von zwölf Stunden nach Abschluss der Übernahme sei die Verwendung des »N-Wortes« um 500 Prozent angestiegen. Frauenfeindliche, antisemitische, transphobe und homophobe Beiträge wären ebenfalls stärker verbreitet worden.

Die lasche Moderation von Beiträgen könnte allerdings negativ auf die Plattform zurückfallen. Eine Koalition von mehr als 40 Organisationen schickte am Dienstag einen offenen Brief an die 20 größten Werbekunden von Twitter. Sie werden darin aufgefordert, ihre Anzeigen zurückzuziehen, wenn Musk die Moderation von Inhalten abschaffen sollte. Mediabrands, eine Tochter der Werbeholding IPG, riet ihren Kunden, die Werbung auf Twitter für die nächste Woche pausieren zu lassen.

Die Flucht von Werbekunden könnte die wirtschaftlichen Probleme der Plattform noch verschärfen, die schon vor der Übernahme erkennbar waren. Unter anderem schwand ihre Attraktivität für Werbekunden, weil die »Vieltweeter« Twitter verlassen.

Auch die Interessen der Twitter-Nutzer ändern sich und machen die Plattform für Werbekunden weniger attraktiv. Für sie waren bislang Themen wie Nachrichten, Sport und Unterhaltung relevant. Die Nutzer wollten dagegen weniger davon wissen und interessierten sich zunehmend stärker für Kryptowährungen, »Nacktheit« und Pornographie. Große Anzeigenkunden wie Dyson, PBS Kids und Forbes hätten ihre Werbung ausgesetzt, hieß es bei Reuters, weil Twitter-Accounts zu Kinderpornographie aufriefen.

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