3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Sa. / So., 28. / 29. January 2023, Nr. 24
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 03.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Testosteron will schwitzen

Lügen über die Liebe: Billy Eichners »Bros« ist ein Schwulenfilm fürs grüne Weltbild
Von Maximilian Schäffer
2537_D019_00134R Kopie.jpg
Kämpfen, knutschen, vögeln? Aaron (Luke Macfarlane, l.) und Bobby (Billy Eichner)

»It’s the economy, stupid!«

James Carville

Ein romantisch-lustiges Schwulenfilmchen aus Hollywood mit Budget. Für wen? Anscheinend für niemanden, denn »Bros« floppte in den USA kolossal. Drehbuchautor und Hauptdarsteller Billy Eichner wusste sogleich die Verantwortlichen auszumachen: Heterosexuelle. Böse Normalos mit internalisiertem Hass konnten wohl nicht anders als sein Meisterwerk zu ignorieren. Billy Eichner ist seit Jahren bekannt für seine vulgären Tiraden gegen Männer, Mütter, Republikaner, Landbevölkerung, Trump-Wähler, Christen, jegliche irgendwie »nichtqueeren« Personen und alles, was per Schlagwort nicht ins aktuelle neoliberale Hirngespinst der woken US-Demokraten passt. Geschäftlich hat so etwas natürlich keinen Sinn. Wer regelmäßig mindestens sieben Achtel des zahlungsfähigen Publikums beleidigt, muss sich nicht wundern, wenn die Kinokassen leer bleiben. Ideologisches Geschwurbel bleibt ohne Staatskohle halt nur Nische. Der Markt regelt.

Perspektivwechsel: »Bros« soll schließlich ein Film aus der »Community« (Lieblingswort von Antikommunisten aka Sozialdemokraten) für die »Community« sein. Was will der schwule Mann, um den es ja geht, also in »Bros« wiederfinden? Erzählt wird die sich anbahnende Liebesbeziehung von Bobby (Billy Eichner) und Aaron (Luke Macfarlane), zwei New Yorker Yuppies an der Grenze zur Soziopathie. Bobby ist Aktivist für die »Community« mit den vielen Großbuchstaben, er ist beziehungsunfähig und kann nur auf schwulen Popkulturreferenzen kommunizieren. Jeder Satz ein flotter Spruch, jeder Kommentar ein sarkastisches Witzelchen. Aaron hingegen stammt aus dem Hinterland, war in der Highschool Sportler und ist tendenziell schüchtern und ruhig. Sie lernen sich oberkörperfrei in der Gaydisco kennen, beide füllen ihre Freizeit gern mit schnellen Sexdates, Gangbangs und dem dafür notwendigen Besuch im Fitnessstudio. Bobby ist sehr stolz auf seinen Lebenswandel, denn allein und unabhängig laufen Karrieren am besten.

Doch dann kommt tatsächlich so etwas wie eine starke, unerklärliche Zuneigung dazwischen. Bobby und Aaron verknallen sich ineinander – es ist die »Liebe«. Und sie ist schwierig, schließlich füllte das urbane Schwulendasein mit all seinen unmittelbaren Impulsbefriedigungen plus der Identifikation als linksliberale Demokraten-Wähler bisher sämtliche Leeren von Bobbys und Aarons Gefühlsleben aus. Für beide wird die »Liebe« zum Akt der Selbstfindung, der eigentlich bestimmte Verhaltensweisen der »Community« hinterfragen müsste, wäre er ehrlich. So weit will man aber nicht gehen. »Bros« beschäftigt sich vor allem mit dem positiven Konnotieren all der gängigen Chimären der »grünen« Parteien der Welt. Da tanzen schwarze Transsexuelle mit halbnackten übergewichtigen Männern bei Champagner, und es heißt Vielfalt, heißt Freiheit, heißt Frieden, heißt ­Ukraine, heißt Liebe.

Wer zum Beispiel Schwule ernst nehmen will, muss aber deren ganz radikale Vielfalt – von der Häkeltante bis zum »Gay for Trump« – akzeptieren. Denn die Gemeinsamkeiten schwuler Männer finden sich bei rechtlicher Gleichstellung und absenter Strafverfolgung höchstens noch zwischen den Beinen. Grindr und Sexklub sind der kleinste gemeinsame Nenner der »Community«. Testosteron will ficken und schwitzen – wenn zehn Lesben im Darkroom tanzen, daneben zwanzig hippe Touristen laut gackern, sind die einzig notwendigen Schutzräume des Schwulen im Jahr 2022 abgeschafft. Dass die im Grunde auch wieder dämlich und ungesund sind, hat nur ihn selbst zu interessieren. Filme wie »Bros« allerdings machen es sich einzig zur Aufgabe, fürs westliche ­Establishment zu lügen. Sie konstruieren Interessengruppen, Selbsthilfegruppen, Lebensstilgruppen unter dem Vorwand der »Community«. Sie hinterfragen kein Glück, sie lügen über die »Liebe«. Sie sind die Feinde jeglicher Solidarisierung, die Gegner jeder Bewegung, sie spalten die Bevölkerung im Auftrag des Kapitals. Bobby Eichner ist eingetragenes Mitglied der Demokratischen Partei in den USA und einer »demokratiefördernden« Wahlkampfgruppe mit dem irreführenden Namen »Swing Left«.

»Bros«, Regie: Billy Eichner, USA 2022, 115 Minuten, bereits angelaufen

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Zwei vom gleichen Schlag: Kommunistenfresser Joseph McCarthy (l....
    06.08.2019

    Trumps Lehrer

  • Hatten sich noch nicht im queerfeministischen Diskurs-Dschungel ...
    27.06.2019

    Was vom Aufstand übrig blieb

    50 Jahre Stonewall. Schwule, Lesben und Drag Queens setzten sich vor einem halben Jahrhundert militant gegen ihre Unterdrückung zur Wehr. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für das Hier und Jetzt? Ein Erklärungsversuch

Regio:

Mehr aus: Feuilleton

Startseite Probeabo