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Aus: Ausgabe vom 03.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Wo ist das Klo?

»Land of Dreams«: Shirin Neshat und Shoja Azari zeigen Exiliraner, die in den USA nichts finden als den nächsten Alptraum
Von André Weikard
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Kaum Handlung, aber starke Bilder (Filmszene)

Manche Dinge ändern sich nie. Shirin Neshat, Exiliranerin und Feministin, imaginiert die Zukunft der USA so: Die Protagonistin Simin (Sheila Vand) besucht einen christlichen Gottesdienst. Eine Weile sieht sie dem lächerlichen Chor aus Frauen mit roten Perücken und Männern in schwarzen Anzügen nur angewidert zu. Dann, als der geifernde Prediger im weißen Westernanzug von der Kitschkanzel schwadroniert, dass seine Gemeinde »Drogendealer, Homosexuelle und Diebe« meiden solle, steigt in ihr die Wut auf. Die schwarz ummalten Augenlieder zucken. Als der Gottesmann davor warnt, das Land werde mit Ungläubigen »geflutet«, bricht es aus ihr heraus: »Ich komme aus einem Land, in dem Gott herrscht.« Während der Fanatiker die Orgel vom Band aufdreht, schreit sie dagegen an: »Es gibt keine Spur von eurem Herrn Jesus.« Lauter und lauter wird die Szene – bis ein Schuss fällt.

Shirin Neshat, Fotografin und erst vor anderthalb Jahrzehnten auf den Regiestuhl gewechselt, hat mit ihrer Hauptfigur Simin der zweiten Generation von Iran-Exilanten in den USA eine Stimme gegeben. Es sind Menschen, deren Familien einst vor den Mullahs in ein vermeintliches Land der Freiheit, das Land ihrer Träume flohen – und dort Rassismus, religiöse Intoleranz und Dekadenz vorfanden. Simin, die im Film als Angestellte der staatlichen US-Zensusbehörde von Haus zu Haus tingelt, muss sich Sprüche anhören wie: »Wenn sie das Klo nicht findet, wie soll sie sich dann in Amerika zurechtfinden?«

Sie landet aber auch in einem Trainingscamp der Exiliraner, in dem alte Männer an Kreidetafeln den Umsturz in ihrem Heimatland planen und paramilitärische Übungen absolvieren. Ganz offenkundig seit Jahrzehnten. In Neshats Amerika der Zukunft ist aber vieles erstarrt. So sehen die Bars noch immer aus wie in den 50ern. Countrysängerinnen mit Mundharmonika und Schlitzkleid sitzen auf Barhockern im Bühnenspotlight, während wortkarge Männer am Bourbon nippen. Simin selbst fährt einen alten Mercedes, wie ihn wohl schon der Schah von Persien besaß.

»Land of Dreams« ist eine große politische Metapher, die kaum Handlung hat, aber starke Bilder produziert und durchtränkt ist von einer klaren Haltung. Simin, von zwei Männern umworben, lässt am Ende beide stehen. Das scheint Shirin Neshats Botschaft zu sein: Weder dem Iran noch der Notheimat USA ist die Protagonistin zugetan. Beide ähneln sich viel zu sehr – in dem, was sie abstößt.

In diesen Wochen, in denen das Mullah-Regime im Iran wankt und in den USA der Wahlkampf tobt, hat »Land of Dreams« eine besondere Relevanz bekommen. Auch eine aktuelle Umfrage macht dem verdutzten Europäer klar, dass dieses hässliche, fanatische Amerika, das Neshat in ihrem Film zeichnet, real ist. Das Pew Research Center ermittelte kürzlich, dass 45 Prozent der US-Amerikaner der Meinung sind, ihr Land solle eine »christliche Nation« sein. Acht von zehn Befragten dieser Gruppe waren außerdem der Meinung, dass die Bibel Einfluss auf Gesetze haben solle. Und eine Mehrheit von 54 Prozent fordert, dass bei einem Konflikt zwischen Bibel und Volkswillen die Bibel zu entscheiden habe. Willkommen im amerikanischen Alptraum, willkommen im US-Gottesstaat.

»Land of Dreams«, Regie: Shirin Neshat und Shoja Azari, BRD/USA 2021, 113 Minuten, Kinostart: heute

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