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Aus: Ausgabe vom 02.11.2022, Seite 15 / Antifa
Stammlager der Wehrmacht

Vom Stalag zum Lernort

Berlin: Sonderausstellung erinnert an Kriegsgefangene im Lager Lichterfelde. Mitten im Neubaugebiet soll neue Gedenkstätte entstehen
Von Carmela Negrete
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Hier soll ein Gedenkort entstehen: Die Baracke Landweg 35a (Berlin, 8.7.2022)

In Berlin sollen im Stadtteil Lichterfelde-Süd bis zu 2.500 neue Wohnungen auf dem Gelände eines Kriegsgefangenenlagers aus der Nazizeit entstehen. Anwohnerinnen und Anwohner hatten vor rund zehn Jahren an der Ecke Osdorfer Straße und Landweg Spuren des früheren Lagers gefunden. Seitdem engagieren sie sich dafür, dass die Baracken nicht wie geplant vollständig abgerissen werden, um Wohnungen zu weichen. Statt dessen soll dort ein neuer Erinnerungsort entstehen. Aus einer der Baracken, Fundamenten eines Wachturms und einer weiteren Baracke der Reichsbahnwerkstatt soll eine Gedenkstätte für die überwiegend aus Frankreich stammenden und von der Wehrmacht im Zeitraum von 1940 bis 1945 im Lager Lichterfelde internierten Soldaten werden.

Wenig erforscht

Um »nun einen Beitrag zu der Debatte« zu leisten, wie es in einer Mitteilung vom 20. Oktober heißt, »was mit dem wichtigen historischen Ort geschehen soll«, zeigt das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide seit Freitag eine Sonderausstellung mit dem Titel »Vergessen und vorbei? Das Lager Lichterfelde und die französischen Kriegsgefangenen«. Sie kann noch bis zum 31. Mai 2023 besucht werden und richtet sich an ein breit interessiertes Publikum. »Sie beleuchtet ein wenig erforschtes und wenig bekanntes Thema – die Geschichte des Kriegsgefangenenwesens in Berlin«, sagte die Leiterin des Dokumentationszentrums, Christine Glauning, am Montag auf Anfrage von junge Welt.

Dafür habe das Zentrum eine umfangreiche Recherche, basierend auf Informationen engagierter Bürger in Lichterfelde-Süd sowie des Landesdenkmalamtes, betrieben, aber auch in Frankreich. »Eine besondere Herausforderung war die Suche nach ehemaligen französischen Kriegsgefangenen in Lichterfelde, deren Biographien wir in der Ausstellung zeigen wollten«, erklärte die Historikerin Glauning. »Dafür sind wir auch ungewöhnliche Wege gegangen wie über eine Facebook-Gruppe namens ›Prisonniers de guerre‹ (Kriegsgefangene).« Zur Ausstellungseröffnung kam Agnès Tanière, Tochter des französischen Gefangenen Joseph Baby. Sie hatte vom Dokumentationszentrum ausfindig gemacht werden können.

Besucherinnen und Besucher der Ausstellung werden von Bildern des jetzigen Zustands des damaligen Kriegsgefangenenlagers begrüßt. Sie führen in das System der sogenannten Stalags ein, der Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager, in denen die Wehrmacht geschätzt bis zu zehn Millionen Kriegsgefangene interniert hatte. In Lichterfelde sollen vor allem Tausende Franzosen inhaftiert gewesen sein. Forschende schätzen die Zahl auf bis zu 1,8 Millionen französische Soldaten, die damals nach Deutschland verschleppt wurden.

Das Lager Lichterfelde war ursprünglich für ein anderen Zweck errichtet worden. Es war für Arbeiter gedacht, die zur Erfüllung von Hitlers Plänen für eine neue Hauptstadt namens »Germania« einen Knotenpunkt der Reichsbahn aufbauen sollten. Manche Gefangene dürften dort bis zu fünf Jahre gefangen gewesen sein, wobei genaue Daten fehlen, wie der Kurator der Ausstellung, der Historiker Roland Borchers, am Donnerstag im Gespräch mit jW in den Ausstellungsräumen erklärte.

Die Sonderausstellung dokumentiert einige Einzelschicksale, darunter das des Busfahrers François Julien Bardet aus Vichy, der aus dem Lager hatte fliehen können. Oder auch außergewöhnliche Geschichten wie die des Olympiasiegers René Duverger aus Paris, der von Mai bis Dezember 1941 in Lichterfelde interniert war und nach seiner Entlassung weiterhin an Wettkämpfen teilnahm.

Träger gesucht

Mehrere Initiativen hatten bereits vor drei Jahren einen Einwohnerantrag an das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf überreicht. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), das Aktionsbündnis Lichterfelde Süd und die Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde Süd wollten, dass dort, wo einst das größte Gefangenenlager Berlins war, ein Lernort entsteht. Edith Pfeiffer von der VVN-BdA war dabei. Sie erzählte am Samstag im Gespräch mit jW, die Initiativen hätten sich gewünscht, dass alle drei Baracken erhalten blieben. Mit der jetzigen Lösung seien sie aber auch nicht unzufrieden. »Nun ist die große Frage, einen Träger zu finden.« Pfeiffer habe die Hoffnung, dass Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) das Projekt nicht im Stich lassen werde. Auch die Sonderausstellung mache ihr Mut, da die Idee eines Lernortes dadurch mehr Aufmerksamkeit bekomme. »Alle sind begeistert, und das ist gut«, sagte Pfeiffer.

Bis zur Errichtung der Gedenkstätte in einer der Baracken, die erhalten bleiben soll und unter Denkmalschutz steht, sowie bis zum Neubau der Wohnungen wird es noch eine ganze Weile dauern. Denn nun sollen auch archäologische Ausgrabungen auf dem früheren Lagergelände stattfinden. »Wir hoffen, dass die Ausstellung dazu beiträgt, die offenen Fragen zur Ausgestaltung und Trägerschaft eines zukünftigen Erinnerungsortes zu klären, dessen Bedeutung weit über den Bezirk Steglitz-Zehlendorf hinausreichen wird«, erklärte Glauning.

»Vergessen und vorbei? Das Lager Lichterfelde und die französischen Kriegsgefangenen«, Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin, bis 31. Mai 2023, geöffnet Di–So 10–18 Uhr, Eintritt frei

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