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Aus: Ausgabe vom 01.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Ketzerin des Tages: Ulrike Guérot

Von Nick Brauns
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Streitlustig: Häufig Gast in Talkrunden (Mainz, 2.6.2022)

Der russisch-ukrainische Krieg sei ein von langer Hand vorbereiteter US-amerikanischer Stellvertreterkrieg und Produkt jahrzehntelanger amerikanischer Geostrategie. Ziel sei die Verfestigung der US-Dominanz über Europa, das von seinen wirtschaftlichen Adern im Osten abgeschnitten wird. So lautet die Grundthese des neuen Buches »Endspiel Europa« von Ulrike Guérot und Hauke Ritz.

Die 58jährige Politikwissenschaftlerin Guérot, die seit 2021 eine Professur für Europapolitik an der Universität Bonn innehat, galt lange mit ihren Stationen bei EU-nahen Thinktanks als konservative Karrieristin. Bis 2015 gehörte sie der CDU an. Doch dann eckte sie mit ihrer Kritik an »semiautoritären« Coronamaßnahmen der Bundesregierung beim linksliberalen Establishment an. Zum Hassobjekt der NATO-Claque von Grün bis Schwarz wurde die Professorin schließlich durch einen Talkshowauftritt im Juni, in dem sie sich gegen Waffenlieferungen an Kiew und für Verhandlungen aussprach.

Seitdem Auszüge aus ihrem neuen Buch im Internet kursieren, schlagen vor allem auf Twitter die Wogen wieder hoch. Sich mit den Argumenten ihres neuen »Buches« auseinanderzusetzen, hieße »sie auf eine wissenschaftliche Ebene zu heben und als der Debatte würdig darzustellen«, bekundete der Ampel liebster Kriegspropagandist Carlo Masala von der Bundeswehruniversität in München. Der AStA Bonn ging auf Distanz zu Guérot und Akademikerkollegen appellierten an die Uni, das Berufungsverfahren zu überprüfen. Es sei »unvorstellbar, dass Guérot nach all diesen Veröffentlichungen von unbelegten und unerträglichen Einzelmeinungen noch weiter unbehelligt an einer Hochschule lehrt«, forderte die Bonner FDP-Vorsitzende Franziska Müller-Rech gleich ein Berufsverbot.

Die Botschaft ist klar: Hier werden Scheiterhaufen aufgeschichtet, die rothaarige Ketzerin soll brennen.

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  • Leserbrief von Hans Wiepert aus Berlin ( 2. November 2022 um 19:47 Uhr)
    Beim staatskonformen Gehorchen des Bonner AStA kommt einem glatt der deutschbritische Zeitchronist Sebastian Haffner in den Sinn. Er stellte um 1968 sinngemäß fest: Die Studenten sind derzeit so weit links, wie sie in den 30er Jahren rechts waren. Offenbar schlägt das jungakademische Pendel nun wieder zur rechten, staatskonform-reaktionären Seite durch.
  • Leserbrief von Joán Ujházy ( 2. November 2022 um 19:46 Uhr)
    An Franz S. (1. November 2022 um 16:06 Uhr): Sie schreiben, wonach die UdSSR und die USA den deutschen Faschismus gemeinsam besiegt hätten. Stimmt und stimmt nicht. Fakt ist: Die USA sind erst in den Krieg in Europa eingestiegen, als sie die Gefahr sahen, freilich eine Gefahr für ihre Weltherrschaftsambitionen, dass die UdSSR allein würde siegen können. So ähnlich agierten die USA kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges. Auch da kamen sie nach Europa, als der Krieg für die Mittelmächte ohnehin schon verloren war. USA: Als letzte kommen, als erste abkassieren. Was hat das mit dem von Ihnen unterstellten »Ressentiment gegen die USA« zu tun? Ich kann da nur Ihrem Kritiker Hans-Joachim Wolfram aus Sondershausen zustimmen. Sie scheinen über das Jahr 1945 nicht hinausgekommen zu sein. Und was den, mit Verlaub, Blödsinn betrifft: »viele Dummköpfe aus der Querdenker- und Coronaverharmloserszene Russland verteidigen«. Zum einen: ich bin kein Coronaverharmloser. Und dennoch stehe ich zu Russland, wenn auch nicht unkritisch. Zum anderen: was haben Sie gegen das Querdenken? Wären Marx, Engels keine Querdenker in ihrer Zeit gewesen, wären beide bei Hegel und nicht darüber hinaus hängen geblieben. Denken gegen den Strich ist nicht per se abzulehnen. Begriffe wie Verschwörungstheorie, Gutmenschen, Putin- und Russland-Versteher, aber auch Querdenker, sind Nebelkerzen, um kritische Menschen zu verwirren und justitiabel zu machen (siehe den verschärften Paragraphen 130, Volksverhetzung). Schlussendlich zum Thema quer gedacht: Nur Leichen schwimmen mit dem Strom.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. ( 3. November 2022 um 13:15 Uhr)
      Mein Leserbrief ist leider zu kurz geraten und daher etwas missverständlich. Siehe auch meine Antwort an Herrn Wolfram. Was Sie über den US-Imperialismus schreiben, ist mir schon auch bewusst. Das mit dem »Ressentiment gegen die USA« zielte auf diejenigen, die zum Beispiel den deutschen Imperialismus verniedlichen und mit dem Finger auf die USA zeigen. Was habe ich gegen die »Querdenker«? Karl Marx wird sich im Grab umdrehen, wenn Sie ihn mit diesen Nichtdenkern vergleichen. Beispiel Ulrike Guérot. Diese Ikone der Querdenker behauptet allen Ernstes: »Impffolgen sind schlimmer als die Folgen von Corona« (https://www.youtube.com/watch?v=4eJmz8dHLPE). Sie behauptet übrigens auch wahrheitswidrig Europa (also die EU) sei ein Friedensprojekt. Was soll man von Leuten halten, die von Freiheitsberaubung schwafeln, wenn sie mal eine halbe Stunde eine Maske tragen müssen. Leute, die bereit sind, andere Menschen (und sich selbst) auf dem Altar der Marktwirtschaft zu opfern. In fortschrittlichen Gesellschaften wie China oder der DVRK wird um jedes Menschenleben gekämpft.
  • Leserbrief von Lothar Böling aus Düren ( 2. November 2022 um 17:45 Uhr)
    Professorin Ulrike Guérot hat tatsächlich den Mut, dieser gierigen Ausbeuter- und Verbrechergesellschaft die Stirn zu bieten. Mit ihren Ausführungen trifft sie den Nagel auf den Kopf. Ihre Einschätzung passt zu der Aussage, der amerikanischen Journalistin Anne Appelbaum. Diese hatte am 03.02.2022 bei Anne Will gesagt, dass die NATO-Osterweiterung »die erfolgreichste Außen- und Sicherheitspolitik« der westlichen Länder nach dem Kalten Krieg» gewesen sei. Nachzulesen in der Frankfurter Rundschau v. 07.02.2022: »Deutschland muss aus Dornröschenschlaf erwachen«: Ukraine-Botschafter wird bei Anne Will deutlich (Siehe: https://www.fr.de/kultur/tv-kino/anne-will-ard-ukraine-konflikt-deutschland-nato-botschafter-warnung-putin-biden-scholz-tv-kritik-91285637.html). Am Ende des Artikels in der Frankfurter Rundschau v. 07.02.2022 findet sich folgender Satz: »Anne Applebaum aber pries die Ost-Erweiterung der Nato als ›die erfolgreichste Strategie der westlichen Außenpolitik überhaupt‹ – in ideologischer Blindheit verkennend, dass eben diese Ost-Erweiterung ein Grund für die aktuelle Krise ist (Daland Segler).« Ulrike Guérot steht mit ihrer Einschätzung also keineswegs allein da. Siehe auch Tagesschau.de v. 01.04.2022: »China macht USA und NATO für Ukraine-Krieg verantwortlich« (https://www.tagesschau.de/newsticker/liveblog-ukraine-freitag-113.html#China-macht-USA-und-NATO-fuer-Ukraine-Krieg-verantwortlich). Dort heißt es: »China gibt den Vereinigten Staaten die Schuld am Ukraine-Krieg. ›Als Schuldige und führende Anstifter der Ukraine-Krise haben die USA die NATO in den letzten zwei Jahrzehnten nach 1999 zu fünf Runden der Osterweiterung veranlasst‹, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Zhao Lijian, bei einem täglichen Briefing vor Reportern. Die Zahl der NATO-Mitglieder ist von 16 auf 30 gestiegen, und sie haben sich mehr als 1000 Kilometer nach Osten bewegt, in die Nähe der russischen Grenze, und Russland Schritt für Schritt an die Wand gedrängt.«
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gabriel T. aus Berlin ( 1. November 2022 um 20:12 Uhr)
    Jedes auch noch so unscheinbare Aufblitzen der Wahrheit muss gnadenlos verfolgt, niedergemacht, eliminiert werden. Das erinnert an noch ganz andere Zeiten.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. ( 1. November 2022 um 16:06 Uhr)
    Es ist sicher zu begrüßen, wenn sich auch Konservative gegen Waffenlieferungen an Kiew aussprechen. Aber auffällig ist schon, wie viele Dummköpfe aus der Querdenker- und Coronaverharmloserszene Russland verteidigen. Die Klage über die angebliche »US-Dominanz über Europa« ist alles andere als fortschrittlich. Sie speist sich aus dem Ressentiment gegen die USA, die gemeinsam mit der Sowjetunion Nazideutschland besiegt hat.
    • Leserbrief von Hans-Joachim Wolfram aus Sondershausen ( 2. November 2022 um 15:50 Uhr)
      Herr S. Sie scheinen mit ihrer Denkweise im Jahr 1945 stecken geblieben zu sein. Wenden wir uns den Tatsachen zu. Die USA haben sofort nach Kriegsende ihre politische Strategie geändert und begannen die Sowjetunion kleinzuhalten. Im Verlaufe dieser Strategie wurden einige Naziverbrecher noch am Nürnberger Gerichtshof verurteilt, aber die konsequente Verfolgung blieb aus, weil die Losung bereits bei dem Vordringen der US-Truppen in Thüringen hieß: »We take the brain!« So sind also unzählige Schreibtischtäter ihrer gerechten Strafe entgangen. Der BRD-Bürger, damals noch ein »Zoni«, nutzte sofort die Gelegenheit und schleimte sich bei den Besatzern ein. Das liegt nun einmal in der Mentalität dieses kriecherischen Volkes. Mit Erfolg konnten so fast alle Naziverbrecher – mit aktiver Hilfe von der CDU/CSU und der FDP – später wieder ihre alten Machtpositionen besetzen. Glauben Sie etwa im Ernst, dass hat jemand, der verfolgt wurde oder im Widerstand war, jemals diesen Politikern vergessen? Im Gegenzug wurde in der BRD ein sentimentales USA-Bild gezeichnet und der jeweilige Präsident vergötzt. Was glauben Sie wohl, was das damals in West-Berlin für ein Theater war, als ein paar Farbbeutel an das Gebäude der US-Botschaft geworfen wurden? Den Anlass dazu gaben die US-Soldaten mit ihren Kriegsverbrechen in Südvietnam. Das zu erinnern nennen Sie Ressentiment? Sie ereifern sich zu Recht, wenn Sie sich daran stoßen, dass diese Szene aus rechten Schwachköpfen und esoterischen Spinnern Putin nicht als das ansehen, was er ist: ein mieser Diktator. Zu Ihren Gunsten nehme ich an, dass sie Putin nicht mit dem russischen Volk gleichgesetzt haben. Das russische Volk ist ebenso demokratisch unentwickelt wie das deutsche Volk. Jahrhunderte der Unterdrückung haben eine genetische Veränderung im Denken bewirkt. Deshalb liebt die genannte Szene einen Mann wie Putin und der linksliberale Gegenpart, zu dem Sie offenbar gehören, liegt der US-Regierung zu Füßen.
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. ( 2. November 2022 um 16:52 Uhr)
        Ich bin nicht im Jahr 1945 stecken geblieben. Man sollte mal die Bevölkerung Griechenlands fragen, wer heute Europa »dominiert«. Ihre Kritik an meinem spontanen und zu kurzen Kommentar ist aber berechtigt. Ich hätte hinzufügen sollen, dass aktuell natürlich Solidarität mit Russland richtig ist, auch wenn man Putin nicht »lieben« muss. Man kann es Putin nicht verdenken, wenn er Hilfe auch bei dubiosen, teilweise rechten Organisationen sucht. Das liegt aber nicht daran, dass er deren Ansichten teilt, sondern an der Schwäche der Linken hierzulande. Was Sie ansonsten geäußert haben: »ein mieser Diktator«, »Das russische Volk ist ebenso demokratisch unentwickelt wie das deutsche Volk«, »Jahrhunderte der Unterdrückung haben eine genetische Veränderung im Denken bewirkt«. Darüber decken wir lieber den Mantel des Schweigens.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (31. Oktober 2022 um 22:40 Uhr)
    Na ja, vielleicht schreiten die »Wertewestler« nicht gleich zur Hexenverbrennung. Bücher verbrennen täte ja auch erst mal reichen, speziell bei diesen Energiepreisen. Ob der AStA Bonn Vorreiter spielen wird? Wann wird die peinliche Befragung in die Gerichtsordnung aufgenommen?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Detlev R. aus Tshwane, Südafrika (31. Oktober 2022 um 21:24 Uhr)
    All dies erinnert mich an Westberliner Zeiten, als die NoFu (Notgemeinschaft für eine freie Universität, ein Zusammenschluss rechter Hochschullehrer:innen von 1970 bis 1990) an der FU gegen alles mobil machte, was demokratisch, links oder gar – O, Schreck! O, Graus! – kommunistisch war oder ihnen so erschien. Irgendwie hat sich in den Köppen mancher Be.äR.De’ler nüscht verändert. Nur, dass die NoFu-Nachfolger:innen, wie diese an der Bonner Uni, das kommunistische Gespenst, mit dem des Schrecklichen Iwan ersetzt haben. Man muss nun wahrlich kein Linker oder gar – O, Schreck! O, Graus! – Kommunist sein, um die derzeit herrschende primitive Propaganda im Sinne von Selinskij = gut und Putin = böse, nicht mitzumachen. Frau Guérot ist, soweit ich das beurteilen kann, eine engagierte Verfechterin der EU bzw. einer europäischen Einheit. Im Unterschied zu offiziellen EU-Zampanos à la Von-der-Leyen-Barroso oder fanatischen Transatlantikern wie Baerbock-Gabriel-Merz ist Frau Guérot noch gut bewandert in Geografie, und sie weiß daher, dass Europa, klassischerweise, von der Atlantikküste bis zum Ural reicht. Schon der gesunde Menschenverstand sagt einem also, Europa ohne Russland iss nich. Oh Herr, schmeiss Hirn ra, sagt man zuweilen im Schwäbischen. Es ist höchste Zeit, er täte es mal, so es ihn denn gibt!
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael M. aus Reichsmustopp ( 1. November 2022 um 16:44 Uhr)
      »Oh Herr, schmeiss Hirn ra«. Bloß das nicht, diese Leute sind mit dem, was sie haben, schon heillos überfordert.

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