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Aus: Ausgabe vom 28.10.2022, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Who the fuck is Kiev Stingl?

Der große Unbekannte der deutschen Popgeschichte hat nach 23 Jahren eine neue Mini-LP veröffentlicht
Von Maximilian Schäffer
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Male des Exzesses: Kiev Stingl auf Tour 1980

Kennen Sie Kiev Stingl? Nein? Den beinahe großen deutschen Popstar, der von Achim Reichel und später von Dieter Meier von ­Yello produziert wurde? Der drei legendäre Soloalben veröffentlichte und noch eines mit der Hälfte der Einstürzenden Neubauten? Der zusammen mit Velvet Undergrounds Nico in einem Film von Christel Buschmann spielte? Den Underground-Beat-Poeten und Romantiker Kiev Stingl, der so einige skandalöse Gedicht- und Prosabände veröffentlichte? Den Rabulisten und Provokateur, der 1979 im Hessischen Rundfunk Bierflaschen nach Aufnahmeleitern und Feministinnen warf, so vulgär, dass sogar der Spiegel davon berichtete? Stingl, der auf Madagaskar der Spionage bezichtigt wurde und in Untersuchungshaft landete?

Kein Wunder, Kiev Stingl ist der große Unbekannte der deutschen Musik- und Poesiegeschichte. Der ewige Geheimtipp von Künstlern wie Rammsteins Keyboarder Flake, der Stingl 2017 zu Radio eins einlud und ihm eine ganze Spezialsendung widmete. Wer zum ersten Mal auf Kiev Stingls musikalisches Werk stößt, kann nur überrascht sein. Drei Alben namens »Teuflisch« (1975), »Hart wie Mozart« (1979) und »Ich wünsch’ den Deutschen alles Gute« (1981) verstauben gerne in den Ein-Euro-Kisten der Plattenläden, geführt unter ferner liefen. Beschäftigt man sich näher mit Kiev Stingl, erschließt sich die Biographie eines Künstlers, der als radikal, unstet, unberechenbar und völlig betriebsinkompatibel bezeichnet werden darf. Einer, der wegweisende Musik machte in einer beigegrauen BRD.

1975 entdeckt Achim Reichel Stingls musikalisches Talent, bis dahin ein sonderlicher Songwriter im abgedunkelten Wohnzimmer an der Akustikgitarre, der seine beinharten Leidenschaftschansons infernalisch bis engelsanft intoniert. Reichel will es wagen, stellt ihm eine hochprofessionelle Studioband zur ­Seite, Qualitätshandwerker der Hamburger Szene, teilweise bei Udo Lindenberg beschäftigt. Während aber bei Lindenberg alles »im Lot aufm Riverboat« ist, singt Kiev Stingl von »deinen lila Lippen, deinen Milchkuhtitten«, fieberphantasiert von Rockern und schrecklich jungen Minderjährigen, teuflischen wie engelhaften Mädchen und Prostituierten. Zu hart für jede Radiostation, zu geil für jedes Jugendzimmer. Linke hassen ihn als Sexisten, Feuilletonisten als plumpen Schmutzfinken. Dabei ist »Der Sommer ist längst vorbei« auf dem Debüt »Teuflisch« ganz objektiv die beste deutsche Ballade mindestens der 1970er.

Die kommenden Jahre entführen Stingl in die gerade zart aufkeimende Punkszene, auf seinem nächsten Album spielt Holger Hiller Gitarre und Violine, ein damals noch Unbekannter, der später Palais Schaumburg gründet. Eine zugehörige Tournee scheitert 1980 katastrophal an Stingls Exzessen. Das dritte Album, eine schneidende Abrechnung mit der BRD, besteht aus astreiner deutscher Detroit-Disco, der Song »Einsam Weiss Boys« klingt wie die Blaupause für den erst ein Jahr darauf auftauchenden Falco. Mit FM Einheit, Alex Hacke und Mona Mur entsteht acht Jahre später das experimentelle, düster-martialische, cool-lässige »Grausam das Gold und jubelnd die Pest«. Stingl verschwindet erst einmal nach Berlin, lässt sich gelegentlich auf Lesungen sehen, 1987 sogar in der Umweltbiblothek der Zionskirche in Ostberlin. Er zieht sich in manisches Schreiben und Lieben zurück – seine beiden Hauptberufe. Geld braucht der verwaiste Oberschichtensprössling nur sporadisch.

Stingl, der kommenden März 80 Jahre alt wird, der nach eigener Mythisierung ein »spätes Marlene-Dietrich-Dasein« in seiner Berlin-Steglitzer Dachgeschosswohnung führt, sie atemlos und infarktgeschwächt kaum verlässt, hat noch nicht mit dem Irdischen abgeschlossen. Am 14. Oktober erschien wie aus dem Nichts eine neue Veröffentlichung namens »XRI Nuit«, 23 Jahre nach dem letzten Album, veröffentlicht auf Hans Joachim Irmlers (Faust) Label Klangbad. Niklas David, eine Hälfte des Duos Audiac, instrumentierte und arrangierte komplett neue, expressive Instrumentals zu einer von 1982 übriggebliebenen Studiosession. Synthesizer, Loop-Gitarren, Clavinet, Mellotron, Gameboy, Schellenkranz und Spieluhr. Kiev, der sich auf seinem prosapoetischen Band »Die besoffene Schlägerei« einst den Zusatz »Jaguar« erlaubte, raunt dazu wie eine Raubkatze: »Im Radio Richard Wagner / Dann Lou Reed / Dann kommt sie rein / Augen blau / Ozean / Nurejew tanzt bis zu ihr / Und sie kniet / Damit Liebe geschieht / Im Ozean.«

Bis heute arbeitet der rastlose Künstler immer weiter, in seinen Schubladen lagern eine Menge unveröffentlichter Songs und diverse literarische Manuskripte. Zuletzt erschien das Fragment »Mandalina« 2020 im Verlag Moloko. Ein Roman ist gerade fertiggestellt und braucht einen Verleger. Stingl fasst ihn und sich so zusammen: »Ein durch den plötzlichen Tod von Eltern und Bruder junger hanseatischer Millionärserbe stürzt in den achtziger Jahren abrupt aus dem seelischen Gleichgewicht, nachdem im Jahr darauf auch seine erste große Liebe bei einem Segelunfall aus dem Leben gerissen wird. Der von Natur aus abenteuerlustige und vergnügungssüchtige, dem Sex verfallene früh Verwaiste verlässt, eine neue Liebe suchend, die Unglücksstadt Hamburg und gerät, bislang politisch desinteressiert, in Berlin der Vor- und Nach-Mauerfall-Jahre durch einen ebenfalls reichen, die bundesrepublikanische Welt hassenden, alten Privatgelehrten in den Sog des historischen Duells von Bolschewismus und Nationalsozialismus.«

Stingl scheut von jeher pathologisch Feigheit, Moralismus und Konformismus. Er ist einem delikaten Thementourette verfallen, dem er sich als notorischer Transgressor nicht entziehen kann. Auch das kostete ihn die Karriere. Musikalisch, literarisch, kulturhistorisch: Kiev Stingl gilt es auszugraben, bevor man ihn eingräbt. Seine endgültige Entdeckung durch die Öffentlichkeit wäre das letzte Wunder der deutschen Popmusikgeschichte. Ob er es verdient hat, stellt sich angesichts der jämmerlichen Garde heimischer Helden nicht.

Kiev Stingl: »XRI Nuit« (Klangbad)

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