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Aus: Ausgabe vom 29.10.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Was stark macht

Von Arnold Schölzel
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Weil die Bundesregierung entschieden hat, dass eine chinesische Reederei 24,9 Prozent vom kleinsten der vier Containerterminals in Hamburg erwerben darf, herrschte vorzugsweise in deutschen Regionalblättern wochenlang »Hysterie« – so am Donnerstag die Neue Zürcher Zeitung.

Im Pflichtblatt für Bankvorstände, Bundesministerien, höhere Richter und Ideologiepriester, der FAZ, konzentrierte man sich nicht auf eine Kaimauer, sondern auf das, »was stark macht«. Unter dieser Überschrift kommentierte der Wirtschaftskorrespondent in Stuttgart, Gustav Theile, am Dienstag seinen eigenen Bericht »Schwäbische Tüftler in der Weltpolitik« auf derselben Seite über einen Besuch bei den Unternehmen Zeiss und Trumpf. Sie seien, heißt es dort einleitend, »die wichtigsten Zulieferer für jene Maschine, welche die besten Chips der Welt herstellt«. Damit stünden sie »plötzlich auf der großen Bühne«. Zeiss liefere für die Maschine, die der niederländische Konzern ASML produziere, die Spiegel, Trumpf die Lasertechnik.

Theile doziert: »Die Chipindustrie ist derzeit der wohl wichtigste Schauplatz im geopolitischen Ringen zwischen China und dem Westen.« Das US-Embargo gegen die Halbleiterindustrie Chinas, das am 12. Oktober in Kraft trat, sei das weitreichendste seit vielen Jahren. US-Amerikaner dürften kaum noch in Chinas Chipkonzernen arbeiten, manche Hochleistungschips und Maschinen, die für deren Produktion benötigt werden, nicht mehr dorthin exportiert werden. »Den Export der Maschine von ASML in das Reich der Mitte unterbinden die Amerikaner seit Jahren.«

Im Klartext: »Wir« sitzen einfach am längeren Hebel, der Chines’ kann machen, was er will. Theile hält daher den Miesmachern, den Inflationshausierern und Rezessionsapokalyptikern entgegen: »Die Stimmung in der Wirtschaft ist maximal trist: Energie, Inflation, Lieferketten, Konjunktur, China. Zu jedem dieser Begriffe gehört inzwischen das Wort Krise. Doch wenn es mal dreckig läuft und allzu trist aussieht, hilft es meistens, sich auf seine Stärken zu besinnen.« Also, schaut auf diese Schwaben: »Sie fertigen mit einem riesigen Aufwand die Maschine, welche die besten Chips der Welt baut und welche die Chinesen gern hätten, aber nicht bekommen. Es sind die Zähigkeit, das über Jahrzehnte angehäufte technologische Wissen und die Stabilität der Unternehmen, die solche Meisterleistungen möglich machen.«

Nutzanwendung: »Für die Frage, wie abhängig Deutschland und Europa künftig von China sind, ist es viel wichtiger, diese Technologien zu beherrschen, als einen Anteil an einem Hafenterminal zu besitzen. Auch wenn es im lauten Gebrüll des politischen Alltags meistens keine Rolle spielt: Es sind diese Zigtausenden an Ingenieuren, die Deutschlands Gewicht in der Geopolitik maßgeblich definieren. Oder anders ausgedrückt: Nur wer was kann, kann auch bestimmen.«

Und das wollen wir ja wohl alle. Am deutschen Ingenieurwesen wird einst auch der Chinese genesen, wenn wir bestimmen – nicht blechtrompetend wie 1900 Wilhelm II. vorm »Expeditionskorps« (»Möge der Name Deutscher in China auf 1.000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!«), aber im Grunde: doch, genau so. Wie damals sind außerdem die USA an unserer Seite. Wie erläuterte der Nationale US-Sicherheitsberater Jacob Sullivan am 12. Oktober im Weißen Haus die neue Sicherheitsstrategie: »in unsere ökonomische Stärke und unsere technologische Führerschaft zu Hause investieren«. Denn: »Das ist die tiefste Quelle unserer Macht in der Welt.« Krise? Welche Krise? Mit den Sullivans und Theiles an der Spitze hat es nie eine gegeben.

Am deutschen Ingenieurwesen wird einst auch der Chinese genesen, wenn wir bestimmen – nicht blechtrompetend wie 1900 Wilhelm II. vorm »Expeditionskorps«, aber im Grunde: doch, genau so.

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