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Aus: Ausgabe vom 27.10.2022, Seite 16 / Sport
Inuit Games

­Eisbär am Spieß

Zurück zu den Wurzeln: Diese Woche finden in Grönland die Inuit Games statt
Von Gabriel Kuhn
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Tut nicht weh, sieht nur so aus: Fingerhakeln mit Ohren (»Ear Pull«)

Man muss nicht nur von Sprache, Kleidung oder Musik reden. Auch der Sport kann für die Bewahrung indigener Kultur große Bedeutung haben. Das beweisen die Inuit Games, sportliche Wettkämpfe, die ihren Ausgangspunkt in den Jagdtraditionen der indigenen Völker der Arktis nehmen.

Inuit Games gibt es seit 30 Jahren. Der Begriff hat sich international durchgesetzt, obwohl ähnliche verwendet werden. »Arctic Games« ist vielen zu weit, weil die seit 1970 alle zwei Jahre stattfindenden Arctic Winter Games auch herkömmliche Wintersportarten wie Langlauf und Eishockey bieten, ja sogar Hallensportarten wie Basketball und Badminton. »Dene Games« scheint wiederum zu spezifisch, da der Name vor allem von den indigenen Gesellschaften Kanadas verwendet wird, die Dene sind ein indigenes Volk im Norden des Landes.

Neben dem Norden Kanadas, Alaska und den arktischen Regionen Russlands sind Inuit Games vor allem in Grönland populär. Dort stehen diese Woche die nationalen Meisterschaften auf dem Programm, die auf Grönländisch »Nunatsinni Unammersuarneq« heißen. Sie finden in Ilulissat statt, mit 5.000 Einwohnern der drittgrößte Ort der autonom verwalteten Region des Königreichs Dänemark. Ilulissat liegt an der Westküste, etwa 560 Kilometer nördlich der Hauptstadt Nuuk.

Gewöhnlich finden die grönländischen Meisterschaften jedes Jahr statt, doch aufgrund der Coronapandemie sind die diesjährigen die ersten seit drei Jahren. Von Dienstag bis Sonntag messen sich 120 Teilnehmer in rund 30 Disziplinen, die Wettbewerbe werden im grönländischen Fernsehen live übertragen. Zu König und Königin der Spiele werden die beiden Athleten erkoren, die in der Gesamtwertung aller Disziplinen die meisten Punkte sammeln. Nur wenige treten in allen Disziplinen an, die meisten spezialisieren sich auf eine der drei Hauptkategorien: Kraft, Ausdauer und Gelenkigkeit.

Zu den Kraftsportarten zählen der »Pole Push« (eine Art Tauziehen), der »Finger Pull« (dem Fingerhakeln des Alpenraums ähnlich) und der »Ear Pull«, bei denen die Ohren der sich gegenüber sitzenden Kontrahenten mit Schnüren verbunden werden, bevor man sich zurücklehnt und den Gegner vor Schmerzen zur Aufgabe zwingen will. Im Ausdauerbereich gibt es Disziplinen wie »Four Man Carry«, bei denen man vier Menschen so weit wie möglich trägt, die einen am Oberkörper umklammern, oder »Snow Snake«, eine Art Langstreckenlauf mit Speerwurf. Im Bereich Gelenkigkeit beweist man sich im »Blanket Toss« – Trampolinspringen auf einem von Gehilfen gehaltenen Tuch – oder im »Bench Reach«, bei dem man sich niederkniet und einen Gegenstand so weit wie möglich entfernt abstellt, ohne dabei mit den Händen den Boden zu berühren.

Alle bei den Inuit Games praktizierten Wettbewerbe lassen sich auf Fähigkeiten zurückführen, die man beim Jagen in der Arktis benötigt. Entsprechende Beschreibungen können manchmal grafisch sein, etwa auf dem online zugänglichen »Indigenous Peoples Atlas of Canada«: »Jäger brauchen einen starken Oberkörper, um Eisbären aufzuspießen, schwere Tiere wie Seehunde, Walrosse und Wale aus dem Wasser zu ziehen oder Karibus und Wölfe niederzuringen.« Es gehe um die Entwicklung »mentaler Stärke und physischer Gesundheit«.

In manchen Disziplinen sind die Verbindungen zur Jagdkultur sehr deutlich, etwa wenn das Aufschneiden von Fischen oder das Häuten von Robben zum Wettbewerb wird. Meist wird jedoch simuliert, etwa wenn Stangen und Seile mit Fett eingeschmiert werden, um sie ebenso glitschig zu machen wie Fische und andere Meerestiere.

Es gibt jedoch auch Disziplinen, die ohne kulturhistorische Erklärung nicht verständlich sind. Dazu gehört der »High Kick«, bei denen die Inuit-Games-Athleten Leistungen zeigen, die auch in der weltweiten Sportgemeinde Aufsehen erregen. Beim High Kick springt man nach kurzem Anlauf nach oben, um mit einem Fuß (One Foot High Kick) oder mit beiden Füßen (Two Foot High Kick) einen von einer Stange baumelnden Gegenstand zu berühren. Der Ursprung dieser Disziplin ist eine Art Zeichensprache, der sich Jäger traditionell bedienten, um ihren Begleitern über Erfolge oder Misserfolge bei der Jagd Auskunft zu geben. Der Weltrekord im One Foot High Kick liegt bei 2,92 Metern, im Two Foot High Kick bei 2,64 Metern.

Die besten Athleten der grönländischen Meisterschaften fahren zu den Arctic Winter Games, wo mittlerweile der Großteil der Sportarten den Inuit Games zuzuordnen ist. Die nächsten Arctic Winter Games finden im Januar 2023 in Wood Buffalo in der kanadischen Provinz Alberta statt. Ursprünglich handelt es sich um die Arctic Winter Games 2022, doch Corona wirbelte auch hier die Termine durcheinander. Einer, der mit großer Wahrscheinlichkeit dabei sein wird, ist das 21jährige Allroundtalent Andreas Johansen. Von seinem Sport leben kann der Türsteher nicht, doch im Gespräch mit junge Welt im Sommer 2022 beim samischen Riddu-Riđđu-Festival betont er die Bedeutung der Inuit Games für sich wie für die Bevölkerung Grönlands. Er demonstriert Disziplinen wie den »Knuckle Hop«, bei dem man sich in Liegestützposition begibt, die Hände zu Fäusten ballt und sich mit diesen nach vorne katapultiert, so lange, bis man nicht mehr kann. Der Zuschauer sorgt sich um die Mittelhandknochen, doch Johansen meint, es sei alles nur eine Frage des Trainings.

Auch Dida G. Heilmann nimmt an dem Gespräch teil, wie Johansen ist sie Mitglied im Verein »Inuit & Dene Games Nuuk«. Heilmann tritt nur in den Kraftsportarten an. Der Wettbewerb mit anderen stehe bei den Inuit Games nicht im Vordergrund, erklärt sie, es gehe um den »Wettkampf mit sich selbst«. Die Inuit-Games-Athleten seien ein »Familie«, in der man einander hilft. Dazu passt, dass am Ende der Arctic Winter Games ein besonderer Preis für »Fairplay und Teamspirit« verliehen wird. Das grönländische Team nahm ihn 2014 entgegen.

Heilmann war jahrelang Lehrerin, bevor sie auf Musik und Fotografie umsattelte. Nun ist sie auch Filmemacherin. Sie arbeitet an einem Dokumentarfilm über Obdachlosigkeit in der Arktis und an einem über die Inuit Games. Diese seien ein zentrales Element des kulturellen Revivals auf Grönland, zu denen auch Gesichtstätowierungen, Story­telling und »Uaajeerneq« (Maskentanz) gehören. Tatsächlich bleiben Inuit Games nicht auf sportliche Wettbewerbe beschränkt. Sie zählen auch zum Festprogramm, wenn die Sonne nach dem langen Winter zurückkehrt, ein junger Jäger sein erstes Tier erlegt oder eine Geburt gefeiert wird. Heilmann meint: »Wir gehen zu den Wurzeln zurück.«

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