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Aus: Ausgabe vom 26.10.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Kapitalflucht

Klotzen in den USA

Deutsche Konzerne nutzen mit Milliardeninvestitionen das starke Wachstum. Heimische Industrie im Niedergang
Von Jörg Kronauer
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Arbeiterin bei der Montage eines BMW X3 in Spartanburg, South Carolina (19.10.2022)

Nun also auch BMW: Mitte vergangener Woche hat der süddeutsche Autokonzern eine Großinvestition von rund 1,7 Milliarden US-Dollar in den Vereinigten Staaten angekündigt. Das Geld soll genutzt werden, um das BMW-Werk in Spartanburg (US-Bundesstaat South Carolina) auf die Herstellung von Elektroautos umzurüsten und ein eigenes Batteriewerk zu errichten. BMW klotzt in den USA – und der Konzern ist damit nicht allein. Im Gegenteil: Nicht nur VW und Mercedes, auch Unternehmen aus anderen Branchen von Siemens über Evonik bis hin zu Bayer oder BASF – investieren gewaltige Summen jenseits des Atlantiks, während ihr Geschäft auf dem deutschen Heimatmarkt und in Europa insgesamt tendenziell lahmt. Manche Firmen denken sogar darüber nach, ihre Produktion aus Deutschland in die Vereinigten Staaten zu verlegen. Zuweilen wird bereits vor einer Deindustrialisierung der Bundesrepublik gewarnt. Was ist da los?

Dass deutsche Unternehmen zur Zeit in der Tat kräftig in den USA investieren, hat mehrere Gründe. Zum einen werben vor allem südliche US-Bundesstaaten von Oklahoma bis Georgia seit Jahren systematisch um ausländische, auch deutsche Investitionen – und können dabei nicht nur damit locken, dass bei ihnen die Löhne im US-Vergleich überaus niedrig und Gewerkschaften kaum präsent sind. Oft bieten sie Unternehmen, die bei ihnen investieren, erhebliche Steuervorteile, helfen bei der konkreten Standortsuche sowie bei der Ausbildung von Personal. Darin schlagen sich Washingtons Bemühungen um Reindustrialisierung, um die Rückholung der weltweit ausgedehnten Lieferketten in die USA nieder, die politisch erwünscht ist, um in den eskalierenden globalen Machtkämpfen die eigene Verletzbarkeit zu reduzieren. Die Werbung um die Ansiedlung von Industrie hat längst Dynamik entwickelt, führt zum Erfolg; das starke US-Wachstum hat etwa im Herbst 2021 die Hamburger Aurubis veranlasst, 340 Millionen US-Dollar in eine neue Metallrecyclinganlage zu stecken – in Georgia, das besonders profitable Konditionen bot.

Zum zweiten entfalten die gewaltigen Investitionsprogramme der Biden-Regierung ihre Wirkung. Im November 2021 etwa trat der Infrastructure Investment and Jobs Act in Kraft – 1,2 Billionen US-Dollar, die Washington in den Ausbau von Straßen und Brücken, in die Reparatur von Wasserleitungen, in den Bau von Aufladestationen für Elektroautos steckt. Es handelt sich um das größte derartige Programm seit den 1950er Jahren. Und es nutzt auch deutschen Unternehmen: Siemens zum Beispiel installiert rund eine Million Aufladestationen. Dann wären da noch der Inflation Reduction Act vom August dieses Jahres, der rund 400 Milliarden US-Dollar für grüne Energien und die Dekarbonisierung der US-Industrie vorsieht, und der gleichfalls im August in Kraft getretene Chips and Science Act, der über 52 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau der US-Halbleiterproduktion bereitstellt. All diese Programme sind auch für deutsche Unternehmen überaus attraktiv.

Mit Fallstricken

Einen Haken haben die Programme freilich: Sie kommen in der Regel nur Unternehmen zugute, die in den Vereinigten Staaten produzieren. Der Inflation Reduction Act etwa bindet Subventionen für Elektroautos daran, dass sie in den USA endmontiert werden. Auch müssen 40 Prozent, ab 2027 insgesamt 80 Prozent der in den Batterien enthaltenen Metalle aus Nordamerika stammen. Ausnahmen von der Endmontagevorschrift gibt es nur für Mexiko und für Kanada – bedeutende Standorte der US-Industrie –, nicht aber für die EU. Das erhöht den Anreiz für deutsche Unternehmen, ihre Produktion in den Vereinigten Staaten auszubauen – auch auf Kosten der Produktion in der Bundesrepublik. Dass BMW die erwähnten 1,7 Milliarden US-Dollar in die Herstellung von Elektroautos und von Batterien in South Carolina steckt, hat auch mit dem Inflation Reduction Act zu tun. Wie sich das Investitionsprogramm auswirkt, zeigt nicht zuletzt das Beispiel Tesla: Der US-Konzern will seine Batteriefertigung in Austin (Texas), weil es dort jetzt Subventionen gibt, schneller hochfahren als geplant – auf Kosten der Fertigung in Brandenburg.

Zum dritten kommen nun noch die Energiepreise hinzu, die in Europa in astronomische Höhen geschnellt sind – viel stärker als in den USA. So liegt etwa der Erdgaspreis in Europa im aktuellen Mittel beim Vierfachen des für die Vereinigten Staaten maßgeblichen Marktpreises und dürfte sich noch weiter davon entfernen; Anfang 2020 lagen beide noch etwa beim gleichen Wert. Auch Strom kostet in Europa inzwischen deutlich mehr als jenseits des Atlantiks. Dass die einst günstigen Erdgaspreise wiederkehren, gilt inzwischen als ausgeschlossen: US-Flüssiggas ist eben selbst unter Normalbedingungen, von denen niemand weiß, wann sie wieder einkehren, teurer als russisches Pipelinegas. Längst haben energieintensive Konzerne ihre Produktion an deutschen Standorten heruntergefahren; längst wird über die Verlegung von Standorten nach Nordamerika diskutiert. Vor kurzem ging der Stahlproduzent Arcelor-Mittal mit der Mitteilung an die Öffentlichkeit, man schließe einen Umzug aus Deutschland etwa nach Kanada nicht aus.

Kein Konkurrenzkampf

»Deutschland droht eine Abwanderung wichtiger Industrien«, räumte schon Ende September Jörg Kukies, Staatssekretär im Kanzleramt und einflussreichster Wirtschaftsberater von Olaf Scholz, offen ein. Der 200-Milliarden-Euro-»Doppelwumms« soll gegensteuern und die Energiekosten zumindest vorläufig ein wenig dämpfen. Langfristig setzt Berlin auf billigere, erneuerbare Energien. Ob deren Ausbau aber erfolgreicher vonstatten geht als, sagen wir, der Bau des Hauptstadtflughafens – wer weiß. Der Ausbau der Windenergie jedenfalls stockt schon jetzt.

Und was die US-Investitionsprogramme betrifft, die deutsche Konzerne über den Atlantik locken: Zum einen versucht sich die EU an identischen Maßnahmen, etwa mit dem European Chips Act, der mehr als 43 Milliarden Euro für den Wiederaufbau der EU-Halbleiterindustrie lockermachen soll; Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck plädierte am Dienstag ergänzend für ein »großangelegtes europäisches Programm zu Transformation und Klimaneutralität«. Zum anderen protestiert die EU-Kommission gegen die Bindung der US-Subventionsprogramme an eine Produktion in den USA; kürzlich war von einer Klage vor dem Schiedsgericht der Welthandelsorganisation die Rede. Nur: Im Krieg kämpft man idealerweise gegen den Feind, nicht gegen den Hauptverbündeten. »Wir können in Zeiten wie diesen«, räumte Habeck vor kurzem ein, »keinen Handelskrieg anfangen«. Der Versuch, Moskau als Machtfaktor auszuschalten, lässt Berlin für den Konkurrenzkampf gegen Washington keinen Raum.

Hintergrund: Segmente in Ost und West

Zuweilen heißt es, die Milliardeninvestitionen deutscher Konzerne in den USA zielten – in Zeiten eskalierender globaler Spannungen – darauf ab, vom Geschäft mit China, dem großen Rivalen der westlichen Mächte, unabhängiger zu werden. Beispiel BMW: Der Konzern stellt seine Batterien in South Carolina in Kooperation mit der japanischen Envision AESC her und ist damit nicht auf die starken chinesischen Batterieproduzenten angewiesen. Insoweit trifft das Argument zu: Wer in den Vereinigten Staaten Geschäfte machen will, nutzt besser keinerlei Produkte aus China mehr.

Zugleich investiert BMW allerdings immense Summen in der Volksrepublik. Erst im Juni hat der Konzern sein drittes Werk in der nordostchinesischen Metropole Shenyang eröffnet. Die Kosten: mehr als zwei Milliarden Euro. Bereits zuvor wurden in der Stadt rund ein Drittel aller BMW-Fahrzeuge hergestellt. Jetzt steigt der Ausstoß in Shenyang weiter – von 700.000 Fahrzeugen im Jahr 2021 auf künftig rund 830.000 Fahrzeuge pro Jahr. Zum Vergleich: In Spartanburg (South Carolina) rollten 2021 knapp 434.000 BMW vom Band. Die jüngste 1,7-Milliarden-Dollar-Investition soll lediglich auf Elektromotoren umrüsten, nicht jedoch den Ausstoß erhöhen.

BMW wendet sich also nicht etwa von China ab. Der Konzern trennt vielmehr seine Fabriken und seine Lieferketten in ein china- und in ein westzentriertes Segment. Sollte es unter US-Druck zu einer Entkopplung zwischen dem Westen und China kommen, könnte BMW beide Konzernteile getrennt weiterführen. Damit verbunden ist allerdings, dass das Unternehmen seine Einkäufe für seine chinesischen Fabriken bei Zulieferern in China konzentriert, entsprechendes gilt auch für den Verkauf. Der Handel des Konzerns mit der Bundesrepublik dürfte deshalb schrumpfen. Die Tendenz gilt auch für andere Unternehmen, was sich in der Exportstatistik niederzuschlagen beginnt: Die deutschen Ausfuhren in die Volksrepublik gehen mittlerweile in ihrer relativen Bedeutung zurück – von einem Anteil von 7,9 Prozent an der deutschen Gesamtausfuhr 2020 auf nur noch 7,1 Prozent im ersten Halbjahr 2022. (jk)

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (26. Oktober 2022 um 20:55 Uhr)
    Das Kapital ist eine moral- und heimatlose Wanderhure. Wir werden schon bald froh und dankbar sein, wenn Chinesen überhaupt noch bei uns investieren wollen.

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