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Aus: Ausgabe vom 24.10.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Renditeobjekt Wohnraum

Ausverkauf an der Ägäis

Griechenland: Anleger und Spekulanten erobern den Immobilienmarkt, darunter auch einige aus der BRD
Von Hansgeorg Hermann
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Gefragt bei finanzstarken Auswärtigen: Idyllisch gelegene Objekte in Hügellandschaften auf Kreta

Der Immobilienmarkt in Griechenland boomt, das Baugewerbe brummt: Anleger und Spekulanten stürzen sich seit zwei Jahren wieder auf das Land, das sie 2010 während der sogenannten Finanzkrise vorläufig aufgegeben hatten. Inzwischen sind auch deutsche Häuslebauer im Geschäft. Wie eine Siegesfanfare des Kapitalismus hört sich an, was die Branchenportale »Ferimmo« oder »Plan Radar« in den vergangenen zwei Wochen abwechselnd zum Wachstum der neuen Blase meldeten: Im Vergleich zum Vorjahr seien die Investitionen der ehemaligen Weltkriegsbesatzer an der Ägäis um 25 Prozent gestiegen, seit 2020 sogar um 40 Prozent. In den ersten sechs Monaten des Jahres fluteten 778 Millionen Euro ausländisches Geld den Markt, protokollierte jüngst die griechische Zentralbank, mehr als je zuvor. Am wenigsten profitiert davon die Menschen mit geringen Einkommen im Land.

Rund 250.000 deutsche Käufer hätten sich inzwischen in die besseren Wohnlagen eingekauft, notierte vor knapp zwei Wochen die konservative Athener Tageszeitung Kathemerini und berief sich dabei auf Einschätzungen aus dem Bau- und Bankengewerbe – ein potentielles Finanzvolumen von rund fünf Milliarden Euro, das der von der gegenwärtigen griechischen Regierung geschürte Hunger des Kapitalmarktes nach Investitionen offenbar begierig aufsaugt. Entsprechende Gesetzesänderungen beschleunigten den Ausverkauf an der Ägäis. Der »Landraub«, wie der Athener Geographieprofessor Costis Hadjimichalis das Geschäft mit dem Grund und Boden nennt, ist unter dem seit Juli 2019 regierenden rechten Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis mit »öffnenden« Maßnahmen weitgehend legalisiert worden.

»Die großen Liquiditätsüberschüsse bei den bürgerlichen Klassen im nördlichen Europa«, schrieb Hadjimichalis bereits in seiner 2016 in deutscher Sprache veröffentlichten Analyse »Schuldenkrise und Landraub in Griechenland«, würden »nicht in die Produktion, sondern in Vermögenswerte investiert, die in Form von Mieten konstante Einkünfte bringen«. In der Tat erleben strandnahe Dörfer, etwa auf der großen Insel Kreta, einen Bauboom, der zu mehr als 90 Prozent von ausländischen, auch deutschen Anlegern getragen wird. Gegenüber junge Welt gestand der zypriotische Bauunternehmer und Investor Georgios Hatzikakkou vor einigen Tagen: »Tatsache ist, dass es in Europa unzählige Millionäre gibt, die ihr Geld irgendwo investieren müssen. Der Erwerb von Immobilien hier auf Kreta ist vielversprechend, die Renditen wachsen, die Gesetzeslage ist günstig.«

Mehr als zehn Häuser, sogenannte Villen, hat Hatzikakkou selbst in den vergangenen zehn Jahren in attraktiven Wohnlagen bauen lassen, die er mit erstaunlichen Gewinnraten entweder an ausländische Interessenten weiterverkauft oder – meist noch profitabler – in den sechs Sonnenmonaten zu Tagessätzen von bis zu 600 Euro an reiche Touristen vermietet. Zu den Kunden des Unternehmers zählt inzwischen auch ein Deutscher, der bei ihm gleich zwei Häuser bestellte: eines als Zweitwohnsitz für sich selbst, das andere, um mit den zu erzielenden Mieteinnahmen sein vom Gesetz gefordertes griechisches Bankkonto zu füllen.

In der Villensiedlung am Rande des Ortes Vamos, wo auch Hatzikakkou sein mit Pool und phantastischem Meeresblick ausgestattetes Eigenheim hat, stehen im nasskalten kretischen Winter rund 30 Häuser leer. Keine Sonne, keine Touristen – aber Land und vor allem Wohnraum, die den Einheimischen schmerzlich fehlen. Junge Familien vor allem, deren Einkommen die Brüsseler Sparkommissare – an vorderster Stelle der deutsche Exfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) – von ihren Athener Helfern in den vergangenen zehn Jahren auf ein Minimum zusammenstreichen ließen, können sich oft weder den Kauf noch die Miete eines Hauses oder einer anständigen Wohnung leisten. Sie leben – in Athen, Heraklion und Thessaloniki – meist bei ihren Eltern.

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