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Aus: Ausgabe vom 22.10.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

In neuer Ordnung

Von Stefan Siegert
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Welch Feststellung: »China schwächelt«, steht da geschrieben. Das hat sich Friederike Böge aus Pinneberg so gedacht. Sie ist Korrespondentin in Fernost. Ein Profi, exzellent ausgebildet. Aber sie hat’s nun wirklich nicht leicht. Sie sitzt für die FAZ in Beijing. Und jetzt ist dort Parteitag. Die Welt schaut auf diese Stadt, die Menschheit spitzt die Ohren. Was hat der erste Mann des großen Staates – China wurde im 19. Jahrhundert vom Westen in den Opiumkriegen vorläufig erledigt und steigt gerade wieder zu historischer Größe auf –, was hat Xi Jinping zur Weltlage zu sagen?

China schwächelt. Unter der Überschrift hatte Böge das Vorfeld des Parteitags bestellt. Sie hat offenbar ein Problem. Die Zahl der Menschen, die noch glauben, was Böge aus Beijing zu berichten weiß (und zu berichten hat), hält sich im Deutschsprachigen zwar konstant auf beruhigendem Niveau. Aber die fleißige Korrespondentin hat nach Feierabend möglicherweise einen etwas weiteren und freieren Blick auf die Welt, als sie ihn für ihre Leserschaft für richtig hält. Da könnte ihr aufgefallen sein, dass derzeit, auf die Menschheit hochgerechnet, die Zahl derjenigen statistisch relevant abnimmt, die noch für bare Münze halten, was da an Nachrichten und Geschichten, weltweit unisono und bögemäßig blubbernd und bollernd und ballernd, aus dem Infopipelinenetz des freiheitlichen Westens quillt.

Unter den vielen Zitaten aus Xi Jinpings Parteitagsrede hat sie bedauerlicherweise gerade das Interessanteste weggelassen. Jenes, in dem Xi von »globalen Veränderungen« spricht, »wie sie in einem Jahrhundert nicht gesehen worden sind«. Starker Tobak. Wenigstens nach der Arbeit könnte sich da doch die Frage stellen: Was meint er denn damit? Und hat es möglicherweise mit globalen Vorgängen zu tun, welche die so lange schon bestehende Weltordnung im Moment gerade so sehr verändern, dass dieselbe sich unter vielleicht apokalyptoiden Umständen am Ende in ihrer gewohnten kolonialistischen Gestalt nicht mehr wiederfindet?

Machen wir’s kurz. Niemand wird leugnen, dass der Trikont – die Kontinente Afrika, Südamerika und Asien – sich neu sortiert. Er tut das auf atemberaubend widersprüchliche Weise. Es tut sich was. Der Westen stemmt sich konzentriert wie nie zuvor mit kriegerischen Interventionen dagegen, deren 469 waren es laut wissenschaftlichem Dienst des US-Kongresses seit 1978, wie die Nachdenkseiten jüngst berichteten. Die letzte findet gerade in der Ukraine statt. Die nächste wird schon in Taiwan vorbereitet.

Die Welt ordnet sich neu. China und Russland lehnen eine unilaterale Ordnung ab. Wie werden sich am Ende Indien, Pakistan, Brasilien, der Senegal, der Kongo und andere entscheiden? Am Ende stehen sich zwei große Lager gegenüber. Von denen freilich das kleinere zur Zeit immer noch kleiner wird. Aber es bleibt sich treu. Es setzt – wie gehabt, nachdem die koloniale Ordnung für immer dahin ist – auf koloniales Chaos, mag es kosten, was es wolle. Hauptsache billige Rohstoffe. Dagegen stellt das Lager des Trikont – es repräsentiert, so zögerlich wie auffällig zusammenwachsend, im Moment etwa Dreiviertel der Weltbevölkerung – die Forderung nach einer veränderten Weltordnung. Nach den Regeln einer entsprechend den veränderten Kräfteverhältnissen neugestalteten UNO besinnen sich die Völker vielleicht endlich darauf, sich auf Augenhöhe zu begegnen, es wird endlich das schöne Wort »fair« nicht mehr den albernen Wortspielen des Marketing vorbehalten sein, und niemand wird mehr hämisch und bösartig über China herfallen oder über sonst wen, der nicht spurt. Soweit ist es noch nicht. Aber es ist soweit, dass sich die Völker in einer wie vielleicht noch nie zugespitzten Lage des Planeten der Schlussfrage aus Brechts Solidaritätslied besinnen, die da, plötzlich wieder aktuell und frisch, lautet: »Wessen Morgen ist das Morgen / wessen Welt ist die Welt?«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Roland W. aus 08280 Aue (24. Oktober 2022 um 14:08 Uhr)
    Wir lesen im Zusammenhang mit Russland und China vielfach Reaktionen, die behaupten, diese Staaten schreckten nicht vor militärischen Mitteln zurück. Ein Leser schreibt, das werde Faschismus genannt. Jede ernsthafte Meinung hat Respekt und Nachdenken verdient. Was ist ernsthaft daran, dass diese beiden Staaten tatsächlich den Eindruck erweckt hätten, in aller Welt militärisch unterwegs zu sein zur Sicherung seiner Rohstoffe, Einfluss und geostrategischer Interessen? Welche Kriege hat China wo und wann in diesem Rahmen geführt? Mir sind bewiesene lange Listen bekannt von Kriegen der westlichen Welt, die niemand verheimlichen kann, die mit konkreten Zielen begonnen wurden. Kapitalistische Wirtschaften – wer hat da immer und zu jeder Zeit aller Welt empfohlen oder gefordert? Nun machen sie Kapitalismus und wieder soll es ein Verbrechen sein? Konkurrenz haben nicht Russen oder Chinesen erfunden. Also was nun? Wer steht an welchen Grenzen zur Erweiterung seines Einflusses? Wer redet von Neuordnung der Welt in seinem Interesse, gegen die Interessen anderer? Diktatur, Demokratie, Autokratie hin oder her, wer macht welche Politik in und gegen wessen Interessen? Wer nicht einmal gemerkt hat, wie China und Russland dabei sind, mit den Ländern Afrikas, Asiens usw., die Jahrhunderte westliche Segnungen hatten zu ihrem Nachteil, der Ausplünderung und Abhängigkeit, denen nun auch Handel und Wandel im gegenseitigen Interesse geboten wird, der will Realitäten und Wirklichkeiten nicht sehen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Jens D. aus Chatou (22. Oktober 2022 um 23:49 Uhr)
    China und Russland sind heute kapitalistische Wirtschaften unter autokratischen oder diktatorischen Regimes, die zumindest ihren ökonomischen Einfluß auf andere Staaten beibehalten oder ausweiten wollen und dabei nicht vor militärischen Mitteln zurückschrecken. Nennt man das nicht Faschismus? Nachdem der Westen jahrzehntelang seine Fabriken nach China ausgelagert und dort massiv in billige (ausgebeutete) Arbeitskräfte investiert hat, wurde der hochgemästete Drache ein gefährlicher Konkurrent, den man nun wieder zu zähmen versucht. Was ist besser: kapitalistische Wirtschaft mit Demokratie oder mit Diktatur? Ich würde mal denken, dass eine junge Welt als Oppositionszeitung in Russland oder China kaum eine Überlebenschance hätte.

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