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Aus: Ausgabe vom 19.10.2022, Seite 8 / Inland
Ausbeutung

»Mich wundert, dass Linke das als Sexarbeit verklären«

Über Prostitution, Menschenhandel und die Entmenschlichung von Frauen. Ein Gespräch mit Huschke Mau
Interview: Raphaël Schmeller
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Gewohntes Bild in der BRD: Ein Staßenstrich in der Nähe von Köln

Sie haben ein Buch mit dem Titel »Entmenschlicht« geschrieben. Wird man Ihrer Meinung nach als Prostituierte nicht mehr als Mensch wahrgenommen?

In der Prostitution wird man entmenschlicht, da Frauen dort zur Ware verkommen. Mich wundert, dass Teile der Linken das als Sexarbeit verklären und die Ausbeutung dort leugnen, gleichzeitig aber sagen, dass alle Arbeit auch Ausbeutung ist. Das widerspricht sich ja: Wenn alle Arbeit Ausbeutung ist, ist auch Sexarbeit Ausbeutung.

Sie gehen so weit zu sagen, dass das Kaufen von Sex Vergewaltigung sei. Warum?

Ich habe neulich gelesen, dass auf Mallorca jede vierte prostituierte Frau Menschenhandelsopfer ist. So etwas liest man ständig in verschiedenen Zeitungen. Auch Freier wissen das also. Trotzdem kaufen sie Sex – ohne wissen zu können, ob nun die Frau, mit der sie schlafen, das freiwillig macht oder nicht. Genau das ist der Punkt. Wir reden seit Jahren über »Me too«, über Konsens und so weiter. Und ausgerechnet in der Prostitution soll das nicht gelten?

Das Problem ist, dass in der Prostitution kein Konsens herstellbar ist, weil der Freier nie erfahren kann, ob die Frau das freiwillig macht. Denn auch Zwangsprostituierte lächeln ihre Freier an. Dafür gibt es nur eine Lösung: Wenn ich als Mann nie sicher sein kann, ob die Frau das freiwillig macht, und wenn ich zudem weiß, dass ein hohes Risiko besteht, dass die Frau das nicht freiwillig macht, dann lasse ich die Hände bei mir und den Schwanz in der Hose.

Befürworter von Prostitution sagen, der Anteil selbstbestimmter Sexarbeiterinnen sei hoch. Stimmt das?

Sexualität, die dem Markt unterliegt, kann nicht selbstbestimmt sein. Sie unterliegt ökonomischen Bedingungen wie Angebot und Nachfrage. Wir können noch 100 Jahre drüber reden, was freiwillig ist – ob zum Beispiel Armutsprostitution freiwillig ist oder nicht. Wir können auch noch 100 Jahre darüber sprechen, ob wir finden, dass, wenn neun von zehn Frauen das nicht freiwillig machen, es dann schon genug ist, damit wir uns endlich mal entscheiden, Prostitution abzuschaffen – oder ob es wirklich zehn von zehn Frauen sein müssen.

Wie kommen Sie auf diese Zahlen?

Die US-Wissenschaftlerin Melissa Farley hat eine große Studie gemacht und Frauen in der Prostitution aus neun verschiedenen Ländern gefragt, was sie am meisten bräuchten. Neun von zehn Frauen haben gesagt: einen Ausstieg. Das heißt, neun von zehn Frauen sind nicht freiwillig in der Prostitution. Den Personen, die immer mit freiwilliger oder selbstbestimmter Sexarbeit kommen, geht es also nur um die zehn Prozent. Und das geht doch an der Debatte vorbei. Wir müssen als Gesellschaft entscheiden, ob wir so etwas wie Prostitution und Frauenkauf haben wollen oder nicht. Nur wird die Diskussion individualisierend geführt. Dabei geht es nicht darum, ob das ein paar Frauen freiwillig machen.

Ein Argument für die Legalisierung von Prostitution ist, dass man so die Arbeitsbedingungen in der »Branche« verbessern kann. Was meinen Sie dazu?

Wie gesagt: Es geht in erster Linie darum, dass die meisten Frauen das gar nicht freiwillig machen. Aber zum Argument: Ich habe das schon so oft gehört. Es heißt, die Frauen könnten sich dann anmelden und seien in einem angemeldeten Bordell. Aber was nützt es mir, in einem angemeldeten Bordell zu sitzen, wenn ich dort gar nicht freiwillig sein will? Das ist der aktuelle Zustand hierzulande. In Deutschland sind Zehntausende Zwangsprostituierte ganz legal angemeldet und damit hat alles seine Ordnung. Dass die dort nicht freiwillig sitzen, ist anscheinend völlig egal. Die Sache ist: Man kann Prostitution nicht sicher machen, weil es im Kern schon ein Übergriff ist. Ein Mann, der mit einer Frau schläft und nachher nicht sagen kann, ob das eine Vergewaltigung war oder nicht – wie will man so etwas sicher machen?

Huschke Mau ist Autorin und setzt sich als Aktivistin für die Abschaffung der Prostitution ein

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in René W. aus Dresden (26. Oktober 2022 um 11:59 Uhr)
    Huschke Mau: »Der Freier gibt einer Frau Geld, damit sie mit ihm schläft. Obwohl er weiß, sie würde es ohne Geld nicht tun. Eigentlich will sie das gar nicht. Also er umgeht die Herstellung eines sexuellen Konsens und allein damit ist es schon Gewaltverhältnis.« Kann man nicht auch sagen: Der Unternehmer gibt dem Arbeiter Geld, damit er für den Reichtum des Unternehmers arbeitet. Obwohl er weiß, der Arbeiter würde es ohne Geld nicht tun. Eigentlich will er das gar nicht. Also der Unternehmer umgeht die Herstellung eines menschlichen Konsens und allein damit ist es schon Gewaltverhältnis? Das Problem ist, dass Lohnarbeit allgemein gar nicht problematisch, also schädlich für die Lohnarbeiter gesehen wird. Wer sich da erst über Prostitution aufregt, kommt reichlich spät mit seiner »Gesellschaftskritik«.
  • Leserbrief von Eberhard Wetzig aus Pirna (19. Oktober 2022 um 17:09 Uhr)
    Wasch mich, aber mach mich nicht nass. So etwa lassen sich die Einlassungen dieser Frau zusammenfassen. Wer Prostitution abschaffen will, der muss Verhältnisse schaffen, wo niemand mehr gezwungen ist, für Geld Dinge zu tun, die er ohne Geld nie tun würde. Das gilt dann aber auch für jeden Beruf. Die Verhältnisse ändern durch Strafgesetze, ist vergleichbar mit Prügelpädagogik. Auch bei der Kritik der Legalisierung ist die Frau auf dem Holzweg. Beispiel: Mit einer Gewerkschaft erreichten seinerzeit die ausgebeuteten Proletarier mehr, als ohne Gewerkschaft. (…)
  • Leserbrief von torben sander aus Hannover (19. Oktober 2022 um 16:52 Uhr)
    Ich möchte mir nicht verbieten lassen, mich zu prostituieren. Und welche Erwerbsarbeit ist schon »freiwillig« auf diesem Planeten? Wenn wir Prostitution verbieten, verschieben wir die damit verbundenen Probleme nur noch mehr in die Illegalität. Verbieten wir generell die Erwerbsarbeit, weil es Schwarzarbeit, Dumpinglöhne und Ausbeutung gibt? Wir sollten lieber die Bedingungen für Erwerbsarbeit insgesamt verbessern, auch die der Sexarbeit, anstatt diese Menschen, die der Prostitution nachgehen, zu kriminalisieren. Welchen Prostituierten geht es denn besser? Denen, die in Ländern arbeiten, wo Prostitution illegal ist oder dort, wo sie kontrolliert legal ist? Und nebenbei bemerkt … gibt es nicht nur weibliche Prostituierte. Über 50 Prozent der in Deutschland und weltweit aktiven thailändischen Prostituierten sind keine Frauen.
  • Leserbrief von Peter Groß aus Bodenseekreis (19. Oktober 2022 um 16:47 Uhr)
    Mein Leserbrief wurde heute ins Netz gestellt. Mein Zorn ist verraucht und ich hoffe auf eine fruchtbare weitere Diskussion, da so viele Aspekte mit dem Frauenmissbruach (auch von Männern und Kindern) verbunden sind. Danke und friedliche Grüße vom Bodensee.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Klaus-Peter H. aus Neustadt-Glewe (19. Oktober 2022 um 16:15 Uhr)
    Wer dieses Wort »Sexarbeit« bloß erfunden hat: Es ist eine Beschönigung der Verhältnisse im »Gewaltstaat«. Dies beleuchtet insofern auch der angefügte Leserbrief.
  • Leserbrief von Hans Wiepert aus Berlin (19. Oktober 2022 um 15:34 Uhr)
    Der quasireligiöse Verbotsfuror gegen das älteste Gewerbe der Welt gleicht dem der Anti-Abtreibungs-Fanatiker. Prostitution mag manchen Zeitgenossen – ähnlich wie etwa Alkohol- oder Drogenkonsum, Suizidbeihilfe oder eben Abtreibung – als unappetitliche gesellschaftliche Erscheinung befremden und pikieren. Die vergangenen Beispiele eines Totalverbots haben jedoch eines gezeigt: Die ungeliebten Phänomene verschwinden dann nicht, sondern treten dann meist in ihrer hässlichsten Ausprägung auf. Ein Verbot der Prostitution würde jedenfalls die miesesten Zuhälter genauso erfreuen wie seinerzeit die Alkohol-Prohibition der USA Gangster wie Al Capone. Die Publizistin und Prostituierte Hanna Lakomy weist auf die Schwachstellen eines fehlgeleiteten Feminismus hin. (…)
  • Leserbrief von Peter Groß aus Bodenseekreis (19. Oktober 2022 um 13:15 Uhr)
    Mich wundert, dass Die Linke schweigt, die linksliberale Presse die sogenannte Sexarbeit nicht als eine Verletzung der elementarsten Menschenrechte versteht und lieber, zwischenzeitlich regelmäßig wiederholt, Lobbybeiträge für zweifelhafte Domina- oder Hurenvereine publiziert. Das Phänomen geht weit über die junge Welt hinaus.
    In meinem gestrigen Leserbrief (18. Oktober 2022, zu »Auf Trumps Linie«) schrieb ich: »Was selten veröffentlicht wird, sind Berichte über die Lebenswirklichkeit der Frauen unter Kriegsbedingungen in der Ukraine. Keine meinungsbildende Zeitung schreibt über Mindestlohn (1,21 Euro) in dem Land, wo Selenskij die Worte Freiheit und Demokratie beständig herausposaunt. Keine Anne Will wird sie einladen. Beim Gender Pay Gap stehen ukrainische Frauen an allerletzter Stelle in Europa und zu den geschätzt 180.000 Frauen, die in der Ukraine als Prostituierte arbeiten, gehören neben Lehrerinnen, geschiedene alleinstehende Frauen mit Kind. Nicht zuletzt gehört die Ukraine zu den beliebtesten Zentren für industrielle Leihmutterschaft. Das effektivste Verfahren wurde übrigens in den USA entwickelt. Es sind bittere Vorwürfe, die von einer Frau geäußert werden, die in der olivgrün/sozialdemokratischen Politik nur beißenden Spott und Hohn erkennen kann, zumal Baerbock und ihre Schwestern augenscheinlich keinen Finger im Musterländle der Demokratie rühren, um die Lebensbedingungen für Frauen in Deutschland zu verbessern. Ich hoffe immer noch auf eine sozialistische Partei, die Missstände herausschreit und nicht klammheimlich Unrecht geschehen lässt«.
    Deutschland gilt als das schlimmste Bordell Europas und hier müssen neben »freigekauften« Frauen aus Flüchtlingslagern Tausende »ihre Haut und Seele« zu Markte tragen, um beispielsweise gewährte »Darlehen« auf der Straße oder in Bordellen »abzuarbeiten«.

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