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Aus: Ausgabe vom 17.10.2022, Seite 14 / Feuilleton

Nachschlag: It's a jungle out there

Borrell-Rede | Twitter
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Josep Borrell

Unwillkürlich hat man Randy Newmans »It’s a jungle out there« im Ohr, den Titelsong zur TV-Serie über den von Zwangsstörungen gebeutelten Adrian Monk. Der Detektiv will alles in seiner Umwelt in peinlichster Sauberkeit wissen. Sollte Monk sich etwa zu einem Handschlag gezwungen sehen, wischt er sich mit Feuchttüchern die Finger ab. Was der EU-Chefdiplomat Josep Borrell mit großväterlicher Gleichmut am Donnerstag in Brügge verkündete, zeugt von einer ähnlichen Neurose, nur ist die ungleich gefährlicher. »Europa ist ein Garten«, sagte er. So weit, so idyllisch. Dann wird es wahnsinnig: »Alles funktioniert, es ist die beste Kombination aus politischer Freiheit, wirtschaftlichem Wohlstand und sozialem Zusammenhalt, den die Menschheit je gebaut hat.« Jenseits des Mittelmeers oder der EU-Außengrenze sei das anders: »Der Rest der Welt ist ein Dschungel, und der Dschungel kann in den Garten eindringen.« Die AfD hätte es nicht poetischer ausdrücken können. (mme)

https://twitter.com/incontextmedia/status/1581321846221590533

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  • Leserbrief von Peter Richartz aus Solingen und Armenien (25. Oktober 2022 um 14:04 Uhr)
    »Europa ist ein Garten und der Rest der Welt ist ein Dschungel.« Mit diesen Worten richtete sich der EU-Außenbeauftragte und Kommissionsvizepräsident Josep Borrell, einer der schlimmsten Kriegstreiber dieser Zeit, letzten Donnerstag an junge DiplomatInnen in Brügge. Sein Auftrag an die Kom­mis­si­onver­tre­te­rIn­nen in spe: Sie sollen »in den Dschungel gehen, um den Park zu beschützen«, denn eine Festungsmauer allein reiche nicht. Europäische Werte müssten in die Welt hinausgetragen werden, sonst dränge das Chaos von außen in die EU ein. Das Zitat trieft von einem Rassismus, der den europäischen Kolonialmächten bereits im 19. Jahrhundert als Legitimation für Imperialismus und Ausbeutung diente: Es sei die Aufgabe von EuropäerInnen, die »Unzivilisierten« in der »Wildnis« zu bilden. Borrells Begriffe des Gartens und Dschungels sind aber nicht irgendwelche Euphemismen für diese Zweiteilung der Menschheit. Sie haben ihren Ursprung in der ordoliberalen Wirtschaftsphilosophie (Ableitung aller Problemlösungen aus der Aufrechterhaltung der staats- und wirtschaftspolitischen, mithin neoliberalen Ordnung), die einen ideologischen Grundpfeiler der EU bildet. Der Theorie zufolge braucht es einen starken Staat, um einen Ordnungsrahmen für den freien Markt zu erschaffen. Diese Ordnung, so die frühen Theoretiker des Ordoliberalismus, sei wie ein gut gehegter, eingezäunter Garten zu verstehen. Dass Borrell diese Metapher aufgreift, darf nicht als Einzelfall bewertet werden. Borrell ist nicht deren Schöpfer, sondern hat sie sich vermutlich von dem US-amerikanischen Neokonservativen Robert Kagan entliehen. Dieser hatte sie in seinem Buch »The Jungle Grows Back: America and Our Imperiled World« benutzt, um die weltweite Dominanz der USA und das Einmischen in die inneren Angelegenheiten anderer Länder zu begründen. Medienwirksam kommentiert wurde die Rede bislang vor allem außerhalb der EU. So erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums auf Twitter, dass dieser Garten, »das wohlhabendste Wirtschaftssystem der Welt«, nur durch die »Plündereien« im Rahmen des Kolonialismus errichtet werden konnte – womit sie recht hat.
  • Leserbrief von Thomas Walter aus Berlin (18. Oktober 2022 um 23:43 Uhr)
    It’s a jungle out there. Nachdem die europäischen Politiker nun bedingungslos die Rolle eines Juniorpartners der USA spielen wollen, brauchen sie offenbar ein entsprechendes Selbstbild. Der erste Platz ist durch »God’s own country« belegt. Gärtner des europäischen Paradieses ist auch eine schöne Aufgabe. Wenn nötig, muss der Gärtner aber in den Dschungel, um dort für Ordnung zu sorgen. Erschreckend, wie ein führender europäischer Politiker die Welt sieht.

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