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Aus: Ausgabe vom 14.10.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Politische Gefangene

Ein Schimmer Hoffnung

Native Americans aus den USA kämpfen auf Tour durch Europa für inhaftierten Leonard Peltier
Von Kristian Stemmler
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Aktivistinnen: »Wir sind optimistisch, dass Leonard freikommt, weil er unschuldig ist« (Berlin, 10.10. 2022)

Am Brandenburger Tor ist Montag abend der Teufel los. Der Pariser Platz vor dem Berliner Wahrzeichen ist voller Touristen. Das Tor wird von einem großen Projektor in buntes Licht getaucht, dumpfe Bässe beschallen die Menge. »Festival of Lights« nennt sich das Spektakel, bei dem repräsentative Gebäude der Stadt mit »einzigartiger Lichtkunst voller Vielfalt, Innovation und Leuchtkraft« (Eigenwerbung) bedacht werden. Die Veranstalter erklären auf ihrer Website, es gehe in »schwierigen Zeiten« darum, »den Willen nicht zu verlieren, eine bessere Zukunft zu schaffen«. An diesem Abend müsste der Platz vor dem Brandenburger Tor tatsächlich nicht einer seelenlosen Show für Touristen gehören, sondern drei Frauen, die genau diesen Willen haben und für einen Mann kämpfen, der vielleicht keine Zukunft mehr hat.

Das Trio und seine deutsche Unterstützer verlieren sich fast in der Menge. Doch nach dem Aufbau eines Standes mit Bannern und Flugblättern können sie sich mit eigenen Boxen Gehör verschaffen und ihre Forderungen vorbringen. Diese sind an die Botschaft der USA vis-à-vis gerichtet. Die drei Frauen sind Native Americans und über den Atlantik gekommen, um für einen der ihren zu kämpfen: Leonard Peltier ist der wohl weltweit bekannteste indigene Aktivist aus den USA – und dort seit fast 47 Jahren politischer Gefangener.

Die Frauen stehen mit ihrer Herkunft ebenso wie Peltier für die leidvolle Geschichte der indigenen Völker Nordamerikas. Carol Gokee vom Stamm der Anishinabe leitete das International Leonard Peltier Defence Committee (LPDC) und koordiniert die Reise durch mehrere europäische Länder mit Stationen in Genf, Rom, Berlin und Paris. Jean Roach vom Stamm der Lakota ist Kodirektorin des LPDC und Aktivistin in zahlreichen Bewegungen. Sie gehört zu den Überlebenden des Feuergefechts mit der US-Bundespolizei FBI am 26. Juni 1975 in der Pine Ridge Reservation, das zur unrechtmäßigen Verhaftung und Verurteilung Peltiers geführt hatte. Lona Knight, ebenfalls vom Stamm der Lakota, arbeitet als Trainerin und Traumatherapeutin. Sie ist Nachfahrin von Jackson Kills Whiteman, einer der wenigen Überlebenden des Massakers von Wounded Knee im Jahr 1890, das bis heute ein bedeutendes Ereignis für die indigenen Völker in den USA darstellt (siehe Hintergrund).

»Wir wollen den weltweiten Support und die Aufmerksamkeit für Leonards Schicksal intensivieren, darum sind wir nach Europa gekommen«, erläutert Jean Roach im Gespräch mit jW am Rande der Kundgebung den Zweck der »Rise Up Tour« durch Europa. Die Unterstützung für den politischen Gefangenen sei in den USA zuletzt sehr stark geworden, auch von seiten der Demokratischen Partei. »Aber wir müssen den Druck auf US-Präsident Joseph Biden hoch halten«, betont die Aktivistin: »Wir sind optimistisch, dass Leonard freikommt, weil er unschuldig ist.«

Von den Schikanen, mit denen Peltier fertig werden muss, berichtet Carol Gokee gegenüber jW. Der 78jährige sei inzwischen von der langen Haft schwer gezeichnet und medizinisch permanent in einer lebensgefährlichen Situation. Er hatte einen Schlaganfall, leide an Diabetes und Bluthochdruck sowie seit Jahren anhaltenden Nieren- und Prostataproblemen und verliere sukzessive sein Augenlicht. Im Januar 2022 sei der Gefangene an Covid-19 erkrankt, was kaum behandelt worden sei, so Gokee. »Er ist ein starker, widerstandsfähiger Mann, aber sein Zustand ist schwankend«, sagt sie. »Das wird nicht mehr lange gutgehen.«

Mittlerweile scheint sich das Blatt zum Besseren zu wenden für Leonard Peltier – allerdings quälend langsam, wie Michael Koch dem jW-Reporter berichtet. Er ist Aktivist des Vereins Tokata-LPSG Rhein-Main, der unter anderem Peltier unterstützt, und hat den Besuch in Berlin organisiert. Immer mehr Vertreter des öffentlichen Lebens setzten sich für den politischen Gefangenen ein. So habe am 10. September das Nationale Komitee der Demokraten (DNC) einstimmig eine Resolution verabschiedet, in der Biden aufgefordert wird, Peltier aus dem Gefängnis zu entlassen. Die Forderung soll gar ins Programm der Demokratischen Partei aufgenommen werden. Viele Millionen Menschen und zahlreiche Organisationen forderten Peltiers Freiheit, etwa Amnesty International und das Robert F. Kennedy Memorial Center für Menschenrechte. »Es gibt wohl keinen vergleichbaren Fall, dass sich so viele Prominente für einen Inhaftierten engagiert haben: Nobelpreisträger, Staatsführer, Parlamente, Vertreter aller Religionsgemeinschaften – einschließlich Papst Franziskus«, meint Koch.

Im Schicksal Leonard Peltiers, seiner Verurteilung zu zweimal lebenslänglich auf der Grundlage manipulierter Beweise und der Bedingungen seiner Gefangenschaft, die sehr denen des ebenfalls seit Jahrzehnten inhaftierten schwarzen Aktivisten Mumia Abu-Jamal ähneln, spiegelt sich das Schicksal der Ureinwohner des nordamerikanischen Kontinents. Es spiegeln sich Elend und Leid und der Völkermord des »weißen Mannes« an den Indigenen, vollbracht außer mit direkter Gewalt bei der Kolonisierung des Landes auch mit tödlichen Viren, denen sie hilflos ausgeliefert waren, und Erfindungen wie dem Repetiergewehr, mit dem die Büffelherden als Lebensgrundlage der indigenen Völker ausgerottet wurden.

Hintergrund: Geistertanz

Der Fall Leonard Peltier führt tief hinein in die Geschichte der indigenen Völker Nordamerikas und ihrer Unterdrückung durch den »weißen Mann«. Eine zentrale Rolle spielt dabei Wounded Knee, eine Ortschaft in der Pine Ridge Reservation in South Dakota. Im Jahr 1973 war die Gegend Schauplatz einer Besetzung durch Aktivisten des American Indian Movement (AIM), die sich vor allem gegen die korrupte Führung des Reservats richtete. Historische Bedeutung hat der Ort für die Native Americans aber vor allem durch das Massaker der US-Armee an Lakota-Indianern 1890, das je nach Quelle 150 bis 350 Opfer forderte. Am 29. Dezember 1890 hatten Soldaten des 7. US-Kavallerieregiments dort Männer, Frauen und Kinder der Minneconjou-Lakota-Sioux-Indianer unter Häuptling Spotted Elk abgeschlachtet. Dieses Massaker brach den letzten Widerstand der Stämme gegen die Kolonialisten.

Vorausgegangen war die kultische »Geistertanzbewegung« von Wovoka, einem Propheten der Paiuten, die von der US-Regierung als Bedrohung aufgefasst wurde. Sitting Bull, ein Medizinmann und einer der mächtigsten Kriegshäuptlinge der Sioux im Widerstand gegen die Landnahme der weißen Siedler Ende des 19. Jahrhunderts, wurde weltberühmt durch sein Wirken bei der Schlacht am Little Big Horn von 1876. An dem eigentlichen Gefecht, bei der die US-Armee unter George A. Custer eine vernichtende Niederlage erlitt, hatte Sitting Bull zwar nicht teilgenommen. Doch soll er vorab als »heiliger Mann« die Festlichkeiten zum Sonnentanz angeleitet haben, aus dem die Krieger ihre Kampfbereitschaft bezogen.

Als die US-Armee Strafexpeditionen gegen ihn und seine Leute durchführte, floh Sitting Bull mit Tausenden Gefolgsleuten nach Kanada und blieb dort im Exil, bis er freiwillig zurückkehrte und sich 1881 ergab. Er wurde am 15. Dezember 1890 von indigenen Reservatspolizisten getötet, die auf ihn angesetzt worden waren, um ein Wiederaufleben der »Geistertanzbewegung« zu unterbinden. (kst)

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