75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Dienstag, 6. Dezember 2022, Nr. 284
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 13.10.2022, Seite 16 / Sport
Rugby

Irgendwo ist der Ball

Rugby: Am kommenden Wochenende beginnt das Festival of World Cups
Von Gabriel Kuhn
imago1015803424h.jpg
Das Übliche: Kräftige Männer auf einem Haufen (Bath Rugby vs. Gloucester, 8.10.2022)

Wer sich irgendwie für Rugby interessiert, aber nicht so richtig, stößt immer wieder auf das gleiche Problem: den nicht ganz so leicht zu durchschauenden Unterschied zwischen Rugby Union und Rugby League.

Zur Trennung kam es 1895 im Mutterland des Rugby, England. Die 1871 verfassten Statuten der Rugby Football Union verboten Bezahlung für die Ausübung des Sports. Doch in den 1890er Jahren verlangten einige Spieler in der Grafschaft Yorkshire, dass ihnen die Vereine den Arbeitslohn ersetzen sollten, der ihnen an Spieltagen verlorenging. Vor allem im Norden Englands gewann Rugby zu jener Zeit an Popularität in der Arbeiterklasse. Als die Rugby Football Union sich weigerte, ihren strikten Amateurstatus aufzugeben, verließen zahlreiche Vereine Yorkshires den Verband. Vereine im benachbarten Lancashire schlossen sich dem Exodus an, und gemeinsam gründete man eine eigene Liga. Von nun an standen sich also »Union« und »League« gegenüber.

Im Laufe der Zeit bildeten sich die Unterschiede der beiden Spielformen heraus, die sie heute prägen: In Rugby Union stehen pro Team 15 Spieler auf dem Feld, in Rugby League 13; in Rugby Union ist der Versuch (ein »Try«, das Tragen des Balles über die Endlinie) fünf Punkte wert, in Rugby League vier; ein Dropgoal bringt in Rugby Union drei Punkte, in Rugby League nur einen. Der augenscheinlichste Unterschied für den uneingeweihten Betrachter ist, dass es in Rugby Union mehr Gedränge gibt (»Scrimmages«, viele Spieler auf einem Haufen, irgendwo ist der Ball) sowie Einwürfe, bei denen Spieler hochgehoben werden dürfen, um den Ball zu fangen (»Lineouts«, auf Deutsch auch »Gasse«, weil der Ball in eine solche zwischen den beiden Teams geworfen wird).

Rugby League hat weniger Regeln und ist leichter zu durchschauen. Aufgrund der geringeren Spielerzahl verlangt es höhere Athletik. Rugby Union wiederum gilt als das taktisch inte­ressantere Spiel. Doch in den letzten 30 Jahren wurden immer mehr Rugby-Union-Regeln den Regeln von Rugby League angepasst, aus Angst, Publikum zu verlieren. 1995 fielen auch die letzten Elemente des Amateurstatus. Die New York Times schrieb damals: »Rugby League hat sich als schnelleres, offeneres Spiel mit athletischeren Spielern erwiesen. Rugby Union sucht nun nach Auswegen. Viele Offizielle räumen ein, dass die Regeln zu kompliziert sind und das Spiel zu langsam machen, um mehr Menschen vor den Fernsehschirm zu locken.«

Doch Rugby Union zehrt immer noch von der Tradition. Wie im Fußball, so waren es auch im Rugby Arbeiter, die den Amateurstatus als erste in Frage stellten. Sie konnten es sich nicht leisten, Sport nur als Freizeitvergnügen zu betreiben. Außerdem war der Anreiz, durch Sport seinen Lebensunterhalt zu verdienen, größer, wenn man in einer Fabrik schuftete, anstatt das väterliche Geschäft zu übernehmen. Nur die Mittel- und Oberschichten Englands konnten dem hehren Amateurideal frönen. Und sie stellten sicher, dass sich dieses international durchsetzte.

Wenn schlicht von Rugby die Rede ist, meint man bis heute fast überall Rugby Union – die Ausnahmen sind nach wie vor der Norden Englands sowie Teile Australiens und Papua Neu-Guinea, wo Rugby League Volkssport ist. Das traditionsreichste internationale Rugbyturnier, die »Six Nations Championships« (England, Schottland, Wales, Irland, Frankreich, Italien), ist ein Rugby-Union-Turnier; wenn von der »Rugby-Weltmeisterschaft« die Rede ist, meint man in der Regel die seit 1997 im Vier-Jahres-Rhythmus ausgetragene Rugby-Union-WM; und auch das seit 2016 bei Olympischen Spielen stattfindende Turnier im »Siebener-Rugby« folgt den Union-Regeln.

Dabei wurde bei der ersten Weltmeisterschaft, die überhaupt im Rugby ausgetragen wurde, nach League-Regeln gespielt. Sie fand 1954 in Frankreich statt. Seither wird der »Rugby League World Cup« in unregelmäßigen Abständen organisiert, im Jahr 2000 gab es erstmals auch ein Turnier für Damen. Seit 2008 gibt es nun das »Festival of World Cups«, zu dem neben den Turnieren für Herren und Damen auch eines für Rollstuhlfahrer gehört.

Am kommenden Wochenende beginnt das Festival of World Cups 2021 – wie im Falle vieler anderer Sportgroßveranstaltungen mit einem Jahr Verspätung wegen Covid-19. Erstmals finden alle drei Turniere – Herren, Damen, Rollstuhl – zeitgleich im selben Land statt. Jedes Spiel wird live im Fernsehen übertragen, und in allen drei Wettbewerben erhalten die Teams das gleiche Startgeld. Erstmals wird bei Damen und Rollstuhlfahrern auch Preisgeld ausbezahlt. Die Finale der Herren und Damen steigen beide am 19. November im berühmten Old Trafford in Manchester, das Rollstuhlfinale einen Tag zuvor in einem kleineren Stadion der nordenglischen Metropole.

Den Auftakt machen am Sonnabend die Herren. Ihr Turnier wird mit 16 Teams die meiste Zeit in Anspruch nehmen. Bei den Damen sind acht Teams am Start, bei den Rollstuhlfahrern sechs. Eine Besonderheit am Rollstuhlrugby in der League-Version ist, dass Spieler mit und ohne Behinderung antreten dürfen. Eine Rugby-Union-Variante wird vom Verband »World Wheelchair Rugby« organisiert. Die Teams, die 2005 in dem bahnbrechenden Dokumentarfilm »Murderball« porträtiert wurden, spielten in diesem Format, das seit 2000 auch im paralympischen Programm steht.

Deutsche Teams sind beim Festival of World Cups keine am Start. Die deutsche Herrenmannschaft versuchte sich in der Qualifikation, musste jedoch nach einer Niederlage in Norwegen früh die Segel streichen. Bei Damen und Rollstuhlfahrern gab es keine Qualifikationsturniere, sondern ein Punktesystem entschied über die Teilnahme.

Es überrascht nicht, dass Australien elf der bisherigen 15 Herrenturniere des Rugby League World Cups gewonnen hat. Großbritannien gewann dreimal (erst seit 1970 treten England, Schottland und Wales mit eigenen Teams an), Neuseeland einmal. Bei dem bisher fünfmal ausgetragenen Turnier der Damen hat Neuseeland die Nase vorne: Drei Siege stehen zwei der australischen Konkurrentinnen gegenüber. Beim bisher dreimal ausgetragenen Rollstuhlturnier war zweimal Frankreich siegreich, einmal England.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Detlev R. aus Tshwane, Südafrika (12. Oktober 2022 um 23:38 Uhr)
    Ein sehr interessanter Artikel, bei dem ich einiges gelernt habe. Nun bin ich kein ausgesprochener Sport-Fan, habe aber mein bescheidenes Interesse für Rugby, das während meiner Kindheit in Südafrika vorhanden war, wieder entdeckt. Will heißen: Ich schaue mir tatsächlich internationale Spiele, sogenannte Tests, im Fernsehen an. Insbesondere freilich, wenn die Springboks, das südafrikanische Nationalteam, dabei sind. Die Springboks oder »Bokke« sind derzeit noch Inhaber des Rugby-Weltmeistertitels. Ich nehme an, nach den Union-Regeln? Nun hätte ich gern gewusst, warum in diesem Artikel Südafrika gar nicht vorkommt. Nach der kürzlichen Test-Spiel-Runde auf der Südhalbkugel sind die »Bokke« nur Nr. 2 geworden, hinter dem Erzrivalen Neuseeland, den »All Blacks« (so genannt wegen ihrer schwarzen Trikots). 2023 findet in Frankreich indessen die Rugby-Weltmeisterschaft statt, ich nehme an, auch dies nach Union-Regeln? Bin für Aufklärung dankbar.

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk